Wie der Mensch wird, wie er ist – jugendliche Biographien im Film

Von Jens Holze

Eine Biographie ist – grob vereinfacht – die Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive ist es besonders interessant, wie eine Lebensgeschichte durch Individuen konstruiert ist, denn sie entsteht nicht einfach durch eine chronologische Aneinanderreihung von Lebensereignissen sondern beinhaltet meist auch deren Bedeutung für den Lebensverlauf und eine kausale Verknüpfung. Der Begriff der Biographisierung beschreibt die Prozesse, in denen die persönliche Biographie durch sinnvolle Ordnung hergestellt wird, es sind reflexive Prozesse, durch die Menschen ihre Identität konstituieren und ständig weiterentwickeln. Anhand der Biographie erklären wir als Subjekte gegenüber uns und der Welt, wie wir wurden, wer wir sind.

„Eine sinnstiftende Biographisierung gelingt nur dann, wenn es gelingt, Zusammenhänge herzustellen, die es erlauben, Informationen, Ereignisse und Erlebnisse in sie einzuordnen und Beziehungen untereinander wie auch zur Gesamtheit herzustellen. Auf diese Weise arbeiten wir ständig daran, Informationen in konsistente Wissenszusammenhänge zu überführen; und zwar Wissenszusammenhänge über uns selbst wie auch über die Welt.“ (Marotzki 2006, 63)

Am Anfang einer jeden Biographie stehen mit Kindheit und Jugend Lebensjahre, während derer Ereignisse in aller Regel besonders prägend und bestimmend für den weiteren Lebensweg sind. Diese Entstehungsprozesse von Biographie können wir auch in Filmen beobachten. Im Kontext der Strukturalen Medienbildung, einer medienpädagogischen Forschungsrichtung, die sich insbesondere den Strukturen moderner Medien widmet (vgl. Jörissen & Marotzki 2009, 41ff), werden Filme mittels der neoformalistischen Filmanalyse nach Bordwell und Thompson (2012, 54ff) auch auf solche Fragestellungen hin analysiert. Dabei wird erstens davon ausgegangen, dass der Zuschauer aktiv die Story anhand der im Film angeordneten ‚Cues‛ konstruiert. Der Plot ist also im Film, die Story jedoch entsteht erst im Kopf des Zuschauers. Zweitens wird der Film als komplexes System formaler Elemente betrachtet, daher ist eine Unterscheidung in Form und Inhalt nicht zielführend. Vielmehr sind auch narrative Elemente genau wie die Gestaltung der Kostüme, die Kameraeinstellungen oder der Schnitt gleichwertige Bestandteile der Filmform. Diese Filmform oder auch Struktur analysiert man auf konkrete Fragen hin, ohne dass dabei eine Intention seitens der Filmemacher abgeleitet oder eine eindeutige Interpretation durch den Zuschauer unterstellt wird. Vielmehr eröffnen Filme Möglichkeitsräume für Interpretationen und reflexive Prozesse beim Zuschauer, die individuelle Wirkung kann dabei aber sehr unterschiedlich sein.

Rita - Der geteilte Himmel

Der geteilte Himmel (1964)

Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden ein Blick auf Filme geworfen werden, die sich Jugendlichen und ihren Lebenswelten widmen. Dabei tauchen, wie hoffentlich deutlich werden wird, bestimmte Muster auch auf biografischer Ebene immer wieder auf. Zu Beginn soll der DEFA-Film Der geteilte Himmel (1964) thematisiert werden, bei dem ein junges Liebespaar an der innerdeutschen Spaltung scheitert. Dann soll der Film Quadrophenia (1979) betrachtet werden, der die britische Subkultur der Mods aus den 1960er Jahren thematisiert und darstellt, wie ein Junge mit sich und seiner Umgebung um seine Identität kämpft. Zum Schluss soll ein Blick auf die Filme Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981) und Trainspotting (1996) geworfen werden, die beide aus recht unterschiedlichen Blickwinkeln und anhand starker Protagonisten das Verhältnis von Jugend und Drogen inszenieren.

Der Film “Der geteilte Himmel” nach dem gleichnamigen Buch von Christa Wolf erzählt die Liebesgeschichte der jungen Studentin Rita Seidel, die sich in den Chemiker Manfred Herrfurth verliebt und sich mit ihm ein Leben in der DDR der frühen 1960er Jahre aufbauen will. Zusammen wohnen Sie bei Manfreds Eltern in Halle und während Rita studiert, will Manfred ein neues von ihm entwickeltes Produktionsverfahren an die Industrie verkaufen. Er wird jedoch immer wieder, wie er meint aus politischen Gründen, abgelehnt und wird zunehmend unzufriedener mit dem sozialistischen System. Rita auf der anderen Seite wird Zeuge, wie eine Freundin bloßgestellt wird, die versucht zu decken, dass ihre Eltern in den Westen geflohen sind. Während ihres Jobs im Waggonbauwerk erlebt sie auch die Probleme in der Produktion und Auseinandersetzungen zwischen den Kollegen mit.

Liebe und Beziehung spielen in vielen Filmen über Jugendkultur eine Rolle, meist wird die erste Liebe, wie auch in den folgenden Filmen deutlich wird, mit einem unglücklichen Ende charakterisiert. Der geteilte Himmel inszeniert dieses sehr typische Muster vor dem politischen Hintergrund des geteilten Deutschlands mit einem Blick des Ostens auf den Osten ohne starke Propaganda. Von der ersten Begegnung, über das recht pragmatische Einrichten der Beziehung bis hin zum Bruch, der bei Manfred scheinbar kaum Spuren hinterlässt, für Rita aber zum körperlichen Zusammenbruch führt, ist der Film kaum wie ein klassischer Liebesfilm inszeniert und auch sonst schwer einem Genre zuzuordnen. Stilistisch kann der Film durchaus der Nouvelle Vague zugeordnet werden, von der viele DEFA Filme dieser Zeit beeinflusst wurden.

Mit Blick auf Biographie steht eindeutig die Protagonistin im Vordergrund, zwar erfahren wir auch über Manfred einiges an Hintergrundgeschichte (beispielsweise die Probleme mit seinem Vater), doch bestimmt dies nicht die Perspektive des Films. Viel stärker folgen wir Rita, die zum Studium im Grunde überredet werden muss, dann als ‚Landei‛ in die große Stadt kommt und auch sonst erst im Verlauf des Films mehr Eigenständigkeit entwickelt. Die Entscheidung, Manfred nicht in den Westen zu folgen, markiert damit auch eine Etappe ihres Wachstumsprozesses. Allerdings wird dieser durch die Klammer relativiert, die den Großteil des Films umschließt, denn schon zu Beginn begegnen wir einem im Bett bei Ihren Eltern zusammengekauertem, tränenüberströmtem Mädchen ohne zu wissen, was ihr geschehen wird. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird deutlich, als der Arzt ihr nach ihrem Zusammenbruch eine körperlich gute Gesundheit attestiert und auf dessen Nachfrage „Ein Mann?“ von der Mutter überzeugt erklärt bekommt: „Nein. Nein, das wüsste ich.“ Im letzten Viertel des Filmes, das zum Teil auch ein recht komplexer Epilog auf drei Zeitebenen ist, begegnen wir dann einer scheinbar entschlossenen, auch mutigen Frau, die, nachdem sie monatelang nichts von ihm gehört hat, ihrem Verlobten auf seinen Wunsch hin in Westberlin einen Besuch abstattet. Doch schon bevor Sie mit ihm spricht ist klar, dass Sie nicht bei ihm in der fremden Großstadt bleiben, sondern zurückfahren wird. Die Begegnung, so aufwühlend sie auch wirken mag, scheint eher eine Enttäuschung. Wieder zuhause bricht Sie nervlich zusammen und der Kreis schließt sich. Mit Blick auf Biographisierung bleibt offen, ob und wie Rita die Ereignisse in ihre Geschichte integriert, die Filmstruktur insbesondere des Schlusses lässt auf eine gewisse anhaltende Verwirrung schließen. Während sie sich Ihrer Mutter scheinbar nicht anvertraut, spricht sie durchaus mit anderen Vertrauten und wirkt dabei bisweilen so, als hätte sie mit den Dingen abgeschlossen, wenn sie die Beweggründe ihrer Entscheidung darlegt. Dass der Film dabei die Wertung offen lässt, trägt dazu bei, dass der Zuschauer aufgerufen ist, sich selbst ein Bild zu machen. Die Tragweite der darstellten Ereignisse um die unglückliche Beziehung wird aus dem Off so kommentiert:

„Wenn es das nur einmal im Leben gibt, dann liegt es hinter ihr. So wird es nie wieder werden.“

Jimmy - Quadrophenia

Quadrophenia (1979)

Quadrophenia ist in Großbritannien nicht einfach nur ein Film sondern Eckpfeiler einer ganzen Jugend- und noch immer anhaltenden Fan- und Subkultur. Basierend auf der Rockoper gleichen Namens der britischen Band The Who aus dem Jahre 1973[1], zeigt der Film den jungen Jimmy Cooper auf der Suche nach der eigenen Identität vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Mods – von Modernists abgeleitet – und Rockern in den 1960er Jahren. Im Gegensatz zu Rockern, die sich als Subkultur weltweit etabliert haben (in Deutschland auch die Halbstarken genannt) und an ihren Lederjacken und schweren Motorrädern zu erkennen sind, sind die britischen Mods Kinder des wohlsituierten Mittelstandes, die Anzüge tragen und mit getunten Motorrollern unterwegs sind (vgl. Baacke 1987, 57ff).

Jimmy lebt in London, hat Probleme mit seinem Eltern, mag seinen langweiligen Job als Bürobote nicht und feiert daher zum Ausgleich als Mod ausschweifende Partys, fährt mit seinem Roller durch die Stadt und wirft gestohlene Amphetamine ein. Ein erster Konflikt entsteht, als Jimmy einen alten Freund trifft, der sich als Rocker entpuppt und später von seinen Kumpels verprügelt wird. Jimmy flieht vom Schauplatz und hilft ihm nicht. Als Jimmy nach Brighton reist, wo sich die Jugendlichen für Veranstaltungen treffen, nimmt er an den offen ausgetragenen Straßenschlachten teil. Jimmy ist außerdem in Steph verknallt und nachdem die beiden im Tumult der Straßenschlachten in einer Seitengasse wilden Sex haben, scheint es für die Beziehung eine Chance zu geben. Jimmy wird letztendlich auch von der Polizei verhaftet, vor Gericht ist er von Wortführer Ace (Sting in seiner ersten Filmrolle) beeindruckt, der für alle verhafteten Mods die Kaution bezahlt. Nach diesen Ereignissen kommt Jimmy sein altes Leben noch wertloser vor und er will alles hinter sich lassen. Doch nachdem er seinen Job gekündigt hat und bei seinen Eltern ausgezogen ist, verkracht er sich auch mit seinen Freunden, die seine Haltung nicht verstehen können. Auch Steph scheint die Ereignisse vom Wochenende nicht ernst zu nehmen, für sie war alles nur Spaß. Bei einem Unfall wird Jimmys Roller dann auch noch zerstört und als er dann feststellt, dass sein Idol Ace nur als Kofferträger in einem Hotel arbeitet, scheint Jimmy vollends desillusioniert. Er stiehlt Aces Roller und fährt an eine Steilküste, wo er den Roller über die Klippe fliegen lässt.

Ein junger Mann auf der Suche nach Identität, das ist, nicht nur aber auch in Filmen über Jugendkultur, ein häufiges Muster. Wir erleben, wie Jimmy, der erst zwischen Alltag und eigener Welt hin- und hergerissen scheint, letztendlich scheinbar von beidem enttäuscht alles hinter sich lässt. Die Auseinandersetzung zwischen Mods und Rockern wird nicht nur in den Straßenschlachten deutlich, sondern auch durch einen Sing-Off in der Wanne, den sich Jimmy mit einem Badenachbarn liefert, bevor er merkt, dass es sein Kumpel Kevin ist. Seine Hoffnungslosigkeit wird wohl am deutlichsten in der Abschlusssequenz an der Steilküste, die, wie andere Strecken des Films nur von der Musik von The Who unterlegt ist.

Der Name Quadrophenia (abgeleitet vom engl. schizophrenia) verweist auf das ursprüngliche Konzept des Albums, dass Jimmy durch vier unterschiedliche Identitäten die vier Mitglieder von The Who repräsentiert. Jimmys Sinn- und Identitätssuche scheint aber auch symptomatisch für die Anhänger der Modbewegung, die wie viele Jugendkulturen die Abgrenzung von der Elterngeneration und die Schaffung eigener Räume und Ausdrucksformen zum Ziel hatte. Kleidung und Aussehen generell sind daher, das macht der Film sehr deutlich, zentrale Aspekte dieser Subkultur, aber auch Ausdruck einer gewissen Oberflächlichkeit, die dann ja auch ein Problem für Jimmy zu werden scheint, als er bemerkt, dass sein Freunde das Moddasein weniger ernst nehmen als er selbst. Jimmy beschließt gegen Ende des Films, sein altes Leben hinter sich zu lassen, ohne dass der Film einen Hinweis gibt, wie es danach für ihn weitergeht. Ob er also seinen inneren Konflikt noch reflexiv einholt bleibt, anders als bei Rita in Der geteilte Himmel vollkommen offen. Allein die Eröffnungsszene des Filmes, in der Jimmy von der Steilküste auf die Kamera zuläuft, offenbar nach dem er den Roller hat abstürzen lassen, zeigt, dass es irgendwie weitergeht. Damit könnte das Gefühl jener Generation treffend eingefangen sein, dass die Beteiligung in der Modbewegung einen Wende- oder sogar Höhepunkt in ihrer Biographie darstellt.

Christiane - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981)

Auch heute gibt es noch eine lebendige Modkultur sowie eine lebhafte wissenschaftliche Auseinandersetzung zur Modszene. Wie bei anderen Jugendkulturen auch, wird die Bewegung damit jenseits des jugendlichen Phänomens aus dem heraus sie entstanden ist, am Leben erhalten. Dieses eher generelle Phänomen des Verfallsdatums von Jugendkulturen, die in der Regel als Übergangskulturen gedacht sind, lässt sich womöglich in vielen Generationen identifizieren.

Das Buch “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” (1978)[2] war lange und ist womöglich noch immer ein populäres Werk in Schulen, um das Thema Drogen und die damit verbundenen Probleme anhand einer authentischen Lebensgeschichte zu thematisieren. Dem gleichnamigen Film von Ulrich Edel aus dem Jahr 1981 kann man ebenfalls unterstellen, dass er eine aufrüttelnde und aufklärerische Wirkung hatte. Der Film zeigt die Geschichte der 14-jährigen Christiane, die bei Ihrer alleinerziehenden Mutter in Berlin lebt. Bei ihren Besuchen der Discothek “Sound“ macht sie erste Drogenerfahrungen, die von ersten Pillen und Cannabis schnell zu Heroin und damit ungebremst in die Abhängigkeit führen. Sie lernt dort Detlef kennen, der ebenfalls abhängig ist und zur Finanzierung seiner Sucht am Bahnhof Zoo auf den Strich geht.

Renton - Trainspotting

Trainspotting (1996)

Der Film zeichnet den biografischen Ausriss ohne moralischen Zeigefinger und oszilliert zwischen glücklichen Momenten, wie der Besuch eines David Bowie Konzertes[3] oder der ersten Liebe, und den Tiefpunkten der Drogenkarriere, wie dem Scheitern des gemeinsamen Entzugsversuchs von Christiane und Detlef oder dem Selbstmordversuch von Christiane, den sie letztendlich aber knapp überlebt. Konsequent zeigt der Film dabei nur die Perspektive der Protagonistin, die sich eigentlich nur aus Langeweile in die Disko begibt, die nur dazu gehören will und glaubt, dass man dafür auch Drogen nehmen muss, weil das eben dazugehört. Zwar wirkt sie zunächst abgeschreckt durch Freunde und Bekannte, die sich den “Goldenen Schuss” setzen und danach tot auf den Titelseiten landen, letztendlich aber weiß sie auch keinen anderen Ausweg aus ihrer Verzweiflung. Die Stimme aus dem Off erklärt zwar manchmal, aber rechtfertigt sich nicht. Biographisierung findet – wenn überhaupt – erst lange nach der Handlung des Films im Leben der Protagonistin statt. Der Epilog aus dem Off deutet an, dass Christiane Konsequenzen für ihre Zukunft zieht und die Ereignisse zu verarbeiten versucht. Dass der Film aber eben offen lässt, ob und wie dieser Prozess ausgeht und eine gewisse Hoffnungslosigkeit aufrecht erhält, kann man als Hinweis darauf deuten, dass die abschreckende oder aufrüttelnde Wirkung des Films im Vordergrund gestanden haben mag.

15 Jahre später stellt sich in Trainspotting (1996) die Drogenthematik sehr anders dar. Protagonist Renton ist zwar ein junger Erwachsener, wir treffen ihn jedoch mitten in seiner Drogenkarriere an, die scheinbar gut etabliert und ein fester Habitus ist. Schon zu Beginn wirkt daher das x-te Scheitern des Vorsatzes, von den Drogen wegzukommen, lange nicht so beklemmend wie bei Christiane sondern eher komisch. Renton selbst kommentiert sein Leben bisweilen süffisant („I chose not to choose life“) und auch die Inszenierung des eigentlich trostlosen Lebens und des Drogenkonsums ist stark stilisiert und wirkt fast erstrebenswert, also so, wie es sich aus Rentons Perspektive darstellen muss. Der Film zeigt die Unfähigkeit Rentons von seinen Drogenfreunden Spud und Sick Boy und somit den Drogen loszukommen. Es folgt die Begegnung mit Diane, eine Sexbekanntschaft, die sich als minderjährige Schülerin entpuppt, der aber trotzdem an Renton gelegen ist. Nach einem fast tödlichen Schuss zwingen Rentons Eltern ihn zum kalten Entzug und Diane rät ihm wegzugehen und sich einen Job zu suchen. Renton versucht das in London und ist zunächst auch erfolgreich, wird aber von Begbie aufgesucht, der sich vor der Polizei verstecken will. Letztendlich kommt die Clique nach dem Drogentod des gemeinsamen Freundes Tommy für einen großen Drogendeal wieder zusammen, dessen Erlös Renton letztendlich stiehlt und sich aus dem Staub macht.

Der Ausblick auf Rentons Zukunft am Ende des Films scheint hoffnungsvoller als der von Christiane F., wird aber auch durch den satirischen Blick auf die Drogenszene vollständig anders gerahmt. Der Tod des Babys Dawn in der Drogenküche und Tommys Abstieg wirken auf Renton nicht abschreckend, auch nachdem er im Krankenhaus landet, geht er nicht freiwillig zum Entzug. Trotzdem ist die Absicht, den Drogen abzuschwören schon zu Beginn des Films sichtbar, ähnlich wie bei Christiane F. scheint aber erst der nahe Tod den nötigen Impuls zu geben. In seiner Erklärung aus dem Off am Ende des Films schwört Renton nun das Leben zu wählen gegen das er sich zu Beginn entschieden hatte. Die Begründung für den Diebstahl lässt darauf schließen, wie der Protagonist ihn in seine Biographie integriert: „The truth is that I’m a bad person, but that’s going to change, I’m going to change. This is the last of this sort of thing. I’m cleaning up and I’m moving on, going straight and choosing life. “Wenn wir annehmen, dass diese Absicht ehrlich gemeint ist, scheint das eine positive Zielsetzung des Protagonisten zu sein und dokumentiert die vollständige Wandlung im Vergleich zu Beginn des Films.

Schlussfolgerungen

Diese ersten explorativen Analysen sind natürlich zunächst von begrenzter Reichweite. Trotzdem lohnt es zu fragen: Lassen sich in diesen sehr unterschiedlichen Beispielen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede im Bezug auf Biographie und Biographisierung finden? In allen genannten Filmen lässt sich so etwas wie ein Epilog finden. Rita trifft ihre Entscheidung Manfred nicht in den Westen zu folgen und richtet sich scheinbar, wenn auch nicht ohne Probleme, ihr Leben ohne ihn in der DDR ein. Jimmy beschließt sich von seinem Dasein als Mod zu verabschieden, zerstört mit dem Roller ein Symbol dieser Kultur. Alles weitere bleibt offen, einen wirklichen Hoffnungsschimmer, dass Jimmy seine verschiedenen Identitäten vereinen kann, gibt es nicht. Christiane formuliert hoffnungsvolle Absichten, ob sie ihr Leben nachhaltig verändert, wird aus dem Film nicht geklärt. Renton holt seine Vergangenheit zwar im Verlauf des Films immer wieder ein, doch scheint er am Ende entschlossen zu sein, seine ehemaligen Freunde und damit sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Ob ihm das gelingt, erfahren wir nicht. Neben den gemeinsamen Mustern, die offenbar Jugend und Jugendkulturen ausmachen (Liebe, Identität, Enttäuschung, Drogen) zeigen sich in dieser exemplarischen Auswahl von vier Filmen insbesondere auch vier Formen des persönlichen Scheiterns aus denen sich recht unterschiedliche Wege, damit umzugehen und derlei Ereignisse in die eigene Biographie zu integrieren, ableiten lassen.
Das verbindende Elemente der gewählten vier Filme kann man darin sehen, dass sie keine oder nur sehr vage Auflösungen für die Probleme der Protagonisten andeuten. Diese treffen für ihre jeweiligen Leben zentrale, lebensverändernde Entscheidungen, die sie später in ihre Biographie einordnen werden müssen. Für den Zuschauer, der sich mit diesem Status womöglich aus eigener Erfahrung identifizieren kann, ergeben sich daraus aber Reflexionspotentiale. Wie hätte man selbst in solchen Situationen entschieden? Oder wie hat man selbst wichtige Entscheidungen, die man in der Jugend traf, in seine Biographie integriert?

Anhand dieses kurzen Aufrisses, der für die einzelnen Filme im Rahmen dieses Beitrags nicht in die Tiefe gehen kann, wird natürlich nur beispielhaft deutlich, dass Filme ihre bildungsrelevanten Potentiale insbesondere dann entfalten, wenn Sie derlei Fragen im Publikum zurücklassen und einen anderen Blick auf das eigene Leben und die eigene Biographie ermöglichen. Das generelle Format der Analyse kann vor dieser Fragestellung aber auf beliebige andere Filme erweitert und empirisch ausgewertet werden und bietet somit ein Feld für weitere Forschung.

Jens Holze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Allgemeine Pädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und lehrt im Studiengang ‚Medienbildung – Audiovisuelle Kultur und Kommunikation‛ . Seine Arbeitsschwerpunkte sind Internet/Web Studies, Filmgeschichte und Filmanalyse sowie Digital Game Studies. In seiner Freizeit bloggt er (u.a. auch Filmkritiken) unter http://senselesswisdom.net.


Baacke, D. (1987). Jugend und Jugendkulturen: Darstellung und Deutung. Beltz Juventa.
Bordwell, D., & Thompson, K. (2012). Film art : an introduction (10th ed. ed.). London: McGraw-Hill.
Jörissen, B., & Marotzki, W. (2009). Medienbildung – Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. Stuttgart: UTB.
Marotzki, W. (2006). Bildungstheorie und Allgemeine Biographieforschung. In H.-H. Krüger & W. Marotzki (Hrsg.), Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung (pp. 59-70). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Filmografie

Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, D 1964)
Quadrophenia (Franc Roddam, UK 1979)
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Ulrich Edel, D 1981)
Trainspotting (Danny Boyle, UK 1996)

[1] Die Liner Notes des Albums enthielten die grobe Geschichte, an einige der Grundkonstrukte hält sich auch das Drehbuch des Films. Nähere Infos unter: http://www.thewho.net/linernotes/Quad.htm
[2] Zur Erläuterung: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_geteilte_Himmel
[3] Bowie entstammt der ersten Welle der britischen Modkultur (primär in den 1970ern) und lebte zwischen 1976 und 1978 in West-Berlin