Vom Comic zum Film und wieder zurück!

von Fabio Cunetto

Im Winter 1978 ließ ein Mann in blauen Strumpfhosen und rotem Umhang zahlreiche Kinobesucher glauben, er könne fliegen. Richard Donner, der Regisseur von Superman, gab damit den Startschuss für das Superhelden Genre auf der großen Leinwand.

Seit die Bilder laufen lernten, waren Heldengeschichten ein zentraler Teil des neuen Mediums. Ob nun im Western oder in Monumentalfilmen, das Publikum fieberte stets mit ihren Helden mit. Dabei bedienten sich die Filmstudios bei Sagen, Mythen und Literaturvorlagen. Daher war es nur eine Frage der Zeit bis man die kostümierten Helden aus den bei Kinder und Jugendlichen beliebten, bunten Comic-Heften zunächst für das Fernsehen adaptierte und später fürs Kino.

Als Christopher Reeve erstmals als stählerner Held die Welt (bzw. Amerikas Westküste) rettete waren die Verkaufszahlen der Superman Comics auf einem Tiefpunkt angelangt. Zu vorhersehbar und repetitiv waren die Erzählungen. Deshalb engagierte man für das Drehbuch Mario Puzo, einen Bestsellerautoren, der das Mafia-Epos Der Pate geschrieben hatte. Warner Bros. beabsichtigte damit ein möglichst breites Publikum auch fernab der Comic-Welt anzusprechen. Für Batman verpflichtete man 1989 den talentierten Regisseur Tim Burton, der zwar mit Edward mit den Scherenhänden ein Händchen für düstere Settings und gebrochene Seelen gezeigt hatte, allerdings behauptete, nie ein Comic-Fan gewesen zu sein. Mit Batman & Robin hatte Joel Schuhmacher 1997 einen überladenen Pop-Trash-Film abgeliefert, der von Kritikern und Zuschauern gleichermaßen abgelehnt wurde und vorerst das Ende des Batman-Franchises herbeiführte.

1998 tastete sich Marvel mit einem im Mainstream eher unbekannten Vampirjäger namens Blade an eine filmische Umsetzung heran, die zwei Fortsetzungen nach sich zog. Die FOX Studios engagierten daraufhin 1999 mit Bryan Singer erstmals einen Filmemacher und Comic-Liebhaber für die Regie an X-Men.

Der Erfolg der X-Men Filme bereitete den Weg für weitere gelungene Superhelden-Comic-Verfilmungen, wie die erste Spider-Man Trilogie. Auch den einst etwas angestaubten Charakteren Iron Man, Thor und Captain America wurde dadurch zu eigenen Filmen verholfen und sind heute erfolgreiche Marken mit globalem Wiedererkennungswert.

Für die Verfilmungen bedienten sich die Filmemacher an dem reichen Geschichten- und Charakter-Fundus der Comics der letzten Jahrzehnte. Die beliebten Comic-Adaptionen beeinflussten wiederum die Comics.

Hier seien einige Bespiele aufgeführt:

Nick Fury, der Anführer von Marvels Geheimorganisation SHIELD, wurde in den 60ern erdacht. Hier zeichnete man Nick Fury als abgehalfterten weißen Strategen. In einer Neuinterpretation des Marvel Universums – dem ultimativen Universum, das Marvel zur Gewinnung neuer und junger Leser um die Jahrtausendwende einführte, zeigte Nick Fury als Afro-Amerikaner, dessen Äußeres von Zeichner Brian Hitch bewusst an Samuel L. Jackson angelehnt war. Für Iron Man von Jon Favreau, dem Erstlingswerk der Marvel Studios, konnte dann tatsächlich Samuel L. Jackson als Nick Fury verpflichtet werden. Nach dem Überraschungserfolg von Iron Man wurde der alte, weiße Fury kurzer Hand in den Comics in Rente geschickt und durch den afro-amerikanischen Sohn ersetzt, der bei einer Schlacht sein linkes Augenlicht verlor und fortan die unverkennbare Augenklappe trug. Die Redakteure aus dem Haus der Ideen entschlossen sich bewusst für diesen Schritt, um den Wiedererkennungswert für neue Leser besonders hoch zu halten.

Captain America, der patriotische Held, hatte nach seinem Leinwanddebüt in den Comics keine Hermes-Flügel auf der Maske mehr, sondern trug einen Helm und ein funktionales Kostüm wie im Film.

Das Design für die beeindruckende Iron Man Rüstung entstand in Zusammenarbeit mit dem Comic-Zeichner Adi Granov, der hierfür eine detailreichere Abwandlung der Iron Man Rüstung aus seiner Extremis Story heranzog.

Als im April 2014 The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro in den Kinos anlief, hatte Marvel in den Comics den seit über ein Jahr verschollenen Peter Parker wieder zurückgeholt, ihm gleich darauf Electro als Widersacher entgegengesetzt und damit einen der meist verkauften Comic-Titel veröffentlicht.

Nachdem sich Superman auch in den Comics endlich seiner roten Unterhose entledigte, entschlossen sich auch die Kostümbildner von Man of Steel auf das überflüssige Relikt aus längst vergangenen Tagen zu verzichten.

Und wenn die junge Mutantin Jubelee in den Comics plötzlich zur Mutantin mit ausgeprägtem Blutdurst avanciert, dann ist auch das eine Folge des Vampirhypes, weil Comics und Filme wie jedes andere popkulturelle Phänomen stets ein Spiegel unseres Zeitgeistes sind.

Comic und Film existieren folglich nicht nur parallel zueinander. Beide Medien beeinflussen sich insbesondere auf ästhetischer Ebene und es sind vor allem erfolgreiche Verfilmungen, die Modifizierungen von etablierten Comiccharakteren nach sich ziehen. Für Superhelden-Fans bedeutet dies ein neues Goldenes Zeitalter: Nie war die Vielfalt der Comic-Titel und Kinoadaptionen größer wie heute.

Fabio Cunetto arbeitet bei Panini Verlags GmbH.