The Ex-Rentnerables. Oder: Faulheit wird hier nicht geduldet.

The Ex-Rentnerables. Oder: Faulheit wird hier nicht geduldet.“

Dennis Hartmann über Faulheit und alternde Action-Helden.

Es sind deutliche Worte, die Sylvester Stallone in Bezug auf seinen Freund, langjährigen Filmpartner und ehemaligen Planet Hollywood-Business-Associate Bruce Willis öffentlich hervorbringt. Oder – wie man aktuell am besten medial kommuniziert; aufmerksamkeitsökonomisch entgegentwittert:

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Worte, die nicht nur in den Sphären sämtlicher Online-Movieblogs, News-Portalen oder ähnlichem für eine kurzweilige Schlagzeile instantan rezitiert wurden, sondern ebenso ostentativ den kapitalistisch geprägten Arbeitsethos diskursivierbar machen, den das US-amerikanische Aushängeschild massenorientierter Action-Film-Kost Sylvester „Sly“ Stallone seit den Achtzigern, Neunzigern, Zweitausendern und wohl auch in den nächsten Dekaden mit geballter Faust und zunehmend flinkerem Twitterdaumen unabänderlich repräsentiert: Faulheit = Karriere-Aus. Stallone (derzeit 67 Jahre alt), der in hiesigen Gefilden als Rentner betitelt werden könnte, scheint film-produktiv weiterhin unermüdlich und seit 2010 getrieben von der filmischen Vision sämtliche einstige Action-Helden aus vergangenen Tagen auf die große (und seitdem nicht gleichgebliebene) Leinwand zu bringen. Nämlich aus solchen vergangenen Tagen, als ausschließlich das Film-Blut am Set weiße Unterhemden neu einfärbte, als Lens Flares vom Mündungsfeuer oder der untergehenden Sonne nicht aus After Effects- oder Nuke-Plug-Ins stammten oder, nun ja, als Sly nicht über Twitter, sondern per Maschinengewehrklang *Ratatatata*  kommunizierte. Es wäre zu vereinfacht Stallones Werke bloß zu diskreditieren, führen seine teils produktionstechnischen Fertigkeiten und eigenstilistische Schaffensleistung immer noch zu umsatzstarken Massen-Eye-Catchern, deren Ikonizität transkulturell hohen Wiedererkennungswert zu symbolisieren im Stande war und sicherlich die Namen Rocky und Rambo bei manchen Neu-Eltern unterschiedlichster Zeiten und Ländern die Namensfindung erschüttert haben dürften. The Expendables (2010) und The Expendables 2 – Back for War (2012) stellten nun jene filmischen Clashes of the Titans der Action-Alt-Stars dar, deren Besetzungslisten mit Schauspielernamen schwer herumhantieren, als wäre es das M60-Gewehr aus einem Rambo-Sequel; also gewichtig und durchschlagend. Namen, die Studio-Etats verpulvern würden, lange bevor ein Cent wieder eingespielt wäre. Lundgren, Li, Statham, Schwarzenegger, Van Damme. Emblematische Nachnamen global bekannter Akteure, die entsprechend ihres Mitwirkens in Filmen (gehen wir von

einer Quantität aus) in der vergangenen Filmgeschichte zeigen konnten, dass Faulheit im Sinne von Arbeitsscheu hier sicherlich nicht vorherrschte. Aber auch Bruce Willis, so weiß man oder liest nach, zeigt keine sonderlichen Ermüdungserscheinungen, ging er abseits diverser neuer Rollen auch als Antiheld-Archetypus John McClane zum wiederholten Male auf cineastische Verbrecherjagd in Mother Russia, womit er die Stirb Langsam-Reihe zur Quintologie erweiterte. Nun aber die Worte „greedy and lazy“ über seine Persona zu hören, überschattet die freundschaftliche Verbindung zweier (Arbeits-)Kollegen, wie sie nunmal Willis und Stallone darstell(t)en, deren neues Arbeitswerk

jedenfalls zusammen als gescheitert betrachtet werden kann. Gescheitert deshalb, da die von Willis gestellten Bedingungen (4 Millionen US $ für vier Arbeitstage in Bulgarien)[1] zu dessen verkörperten Figur Mr. Church im kommen dritten Teil von The Expendables eine Rückkehr nicht ermöglichen werden und als Ersatz, man höre und vor allem staune (aufgrund Slys wenige Tage danach getätigtem Twitter-Tweet), der 71-jährige Harrison Ford dessen Part einnimmt. Hello Ex-Rentnerables.

Man könne es nicht besser bezeichnen, bei Sly als Action-Altmeister, der Defätismus nicht kennt und in dieser Filmwelt, die Faulheit nicht duldet sowie diese Form der Anti-Motion stets zu verhindern versucht. Alter spielt da keine Rolle bzw. Alter spielt da ganz wohl eine Rolle, aber in der hier zu realisierenden Filmwelt scheint dies unerheblich, solange man nicht faul ist. Denn wer faul ist, lässt die Bewegung langsamer bis zum Stillstand verkommen und dort wo Filme bzw. Bewegtbilder per se realisiert werden sollen, kann und darf – frei nach Stallone – Faulheit nicht intervenieren. Ob es bloß seine eigentliche Angst vor dem unproduktiven und zur Ruhe setzenden Alter ist oder ganz die gute alte Action-Attitüde artikulieren soll, sich mit den neuen fortentwickelnden Generationen Filmschaffender stets messen zu können, Stillstand wie er in Faulheit eine Existenz erhält, würde auch den lukrativen Fortgang der angehängten Zahl im Expendables-Schriftzug und gleichsam aller heutigen bereits im Vorfeld auf serielle Fortsetzung angelegten Massen-Mainstream-Franchises zum Erliegen bringen. Allein Avatar 2 bis 4! werden derzeit von James Cameron vorbereitet und auch Der Hobbit gab für Peter Jackson dann doch irgendwie mehr her als nur für eine Fortsetzung. Bei Stallones Fallbeispiel zeigen sich offenkundig ökonomische Realitäten, welche die Frage nach Gier und Faulheit erneut stellen und in diesen hoch-budgetierten Dimensionen Faulheit zu fördern oder zu terminieren scheinen, wenn entweder zu wenig oder genau richtig gezahlt wird, um (sich zu überwinden) Teil der filmischen Darstellung zu werden. Stallones hämischer Kommentar über das vermeintlich zukünftige Karriere-Aus eines Bruce Willis, der nach wie vor sehr gefragt zu sein scheint, lässt da wohl eher die Frage aufkommen, ob sich nicht Rentner Sly bald eher Faulheit gegenüber der weiter endlos erscheinenden filmischen Konservierung seines Selbst zugestehen dürfte, denn das „Career Failure“ eines anderen auszurufen, nachdem beide so lange und immer noch aktuell Karriere machen, erscheint da eher als zu verbissenes Festhalten an dem leitgesellschaftlichen puritanischen Arbeitsethos, der nach zeitloser Optimierung, immer voranschreitendem Schaffen und infinitem Ende schreit. Denn, dass Sly mit seinem dritten Teil der bisher eigentlich nicht erwähnenswerten Expendables-Filme nicht nur sich der Faulheit zu entziehen versucht, sondern auch die Geldkuh weiter melken möchte, dürfte dabei eigentlich eher die Frage aufdrängen, wie sie Vince Gilligan seiner Figur Skyler White in Anbetracht der angehäuften Millionen ihres Mannes in Breaking Bad zu stellen gab: Wie viel und wann ist genug? Polemisch zugespitzt: Faulheit wäre ab einem gewissen Zeitpunkt und ab einem gewissen Alter sicherlich nicht die schlechteste Option all das Verdiente und Erreichte zu genießen. Ob dies aber überhaupt irgendwann eine „sure formula“ für Sylvester Stallone wäre, bliebe abzuwarten.

 

Dennis Hartmann ist Student der Medienwissenschaften (Master) an der HBK, freiberuflicher Komponist für Unternehmens-Audio-Branding sowie Mitarbeiter im Bereich der Fernsehberichterstattung des NDR Niedersachsen und der ARD Tagesschau.



[1] http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/films/news/greedy-and-lazy-alltooexpendable-bruce-willis-feels-the-wrath-of-sylvester-stallone-as-hes-replaced-by-harrison-ford-in-expendables-3-8749641.html