The Bed You Sleep In

Die erste Einstellung in Jon Josts The Bed You Sleep In (1993) zeigt eine Baumreihe. In welchen topographischen Kontext die Bäume eingeordnet sind, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen; Jost präsentiert ein scheinbar unberührtes Stück Natur. In der folgenden Sequenz jedoch ist ein qualmender Schornstein zu erkennen, der über die Baumwipfel ragt. Dadurch wird der erste Eindruck rasch relativiert. Szene für Szene werden die Bäume von technischen Errungenschaften überschattet. Im Vordergrund sind Transportfahrzeuge zu sehen, die Holz zu einem Sägewerk bringen. Im Hintergrund erblickt man noch Teile eines Waldes, der zu verschwinden droht.

Jost inszeniert den Weg der Baumstämme in langen Einstellungen, ähnlich einer Dokumentation. Und er zeigt die Abläufe der Holzverarbeitung sehr detailliert, wodurch die einzelnen Schritte nachvollziehbar werden. So stellt er einen Kontrast zwischen Umweltverschmutzung und technischem Fortschritt her. Auch sieht man Menschen bei der Arbeit an technischen Geräten, wie sie im Inneren des Werks Baumstämme zersägen und so zur Weiterverarbeitung vorbereiten. Zum einen wird hier Natur zerstört, zum anderen in eine für den Menschen brauchbare Form verwandelt. Jost dialektisiert Natur und Technik und setzt den Menschen als ein verbindendes und gleichzeitig trennendes Element. Denn der Mensch als Akteur bzw. als handelnde Kraft ist einerseits für den Fortbestand, andererseits für die Zerstörung der Natur verantwortlich. Jedoch herrscht hier kein Gleichgewicht, was Jost am Ende des Films feststellt, indem er auf die Knappheit an Bäumen hinweist und eingestreute Bilder von abgeholzten Flächen zeigt.

Die eben beschriebene Art der Montage, genauer gesagt das Wechselspiel aus Konstruktion und Dekonstruktion, zieht sich durch den ganzen Film. Die ersten Personen – Ray (er ist Besitzer und Leiter des Werks) und ein Arbeitskollege – zeigt Jost bei einem Krisengespräch über das Fortbestehen des Sägewerks. Frust und Anstrengung spiegeln sich in ihren Gesichtern wieder. Gleich im Folgenden sieht man Ray, wie er zusammen mit seiner Frau beim Angeln ist. Auch hier wieder: detaillierte Aufnahmen der einzelnen Aktionen. Diesmal wird aber nicht Arbeit, sondern Zerstreuung gezeigt. Die musikalische Untermalung verspricht einen Moment der Ruhe. Jost inszeniert das Wasser in tarkowskij’scher Manier: Langsam und meditativ fährt er mit der Kamera in einer Plansequenz über den Bach, der mehr und mehr unruhig erscheint. Durch die Unterbrechung des sanft fließenden Wasser deutet er auf einen weiteren Bruch hin. Könnte die Szene zu Beginn auf die Einleitung einer Traumsequenz schließen lassen – wie es bei Tarkowskijs Stalker der Fall ist – wird das Verträumte durch das immer heftiger schäumende Wasser erstickt. Wie in der anfänglichen Einstellung der Baumreihe erschüttert er auch hier die Illusion des ruhigen, friedlichen und unberührten. Jost setzt die Angelszene auch als den Beginn eines Familiendramas. So möchte Rays Frau spontan im Wald mit ihm schlafen, was im Angesicht eindeutiger Zeichen jedoch der Anfang vom Ende ist.

In The Bed You Sleep In verlaufen zwei Handlungssegmente nebeneinander und teilweise auch ineinander: der Zerfall von Rays Familie sowie der langsame Niedergang des Sägewerks. Jedoch dienen die Probleme des Sägewerk-Betriebs nicht einfach nur als Kulisse einer Familientragödie. Die Belastungen der Arbeit und die prekäre Wirtschaftslage verlagern sich zwar auf die Familie, jedoch wird im Verlauf des Films klar, dass im Zentrum ein Diskurs über Moral steht. So wird Ray unvermittelt auf der Straße von einer gläubigen Person angesprochen und angehalten, er solle sich von seinen Sünden befreien. Ray reagiert sichtlich irritiert und entgegnet dem ungebetenen Ratschlaggeber, dass er sich hier auf diese Weise keine Freunde machen würde. Gemessen am bisherigen Verlauf des Films wirkt diese Szene geradezu surreal. Man fragt sich, ob das gerade wirklich passiert ist oder nur in Rays Kopf ablief. Hat sich hier vielleicht sein Gewissen gemeldet bzw. wurde sein Bewusstseinskonflikt an dieser Stelle visualisiert?

Ähnlich interessant und unklar ist folgende Sequenz: Während eines zweiten Angelausflugs blinkt ein gefangener Fisch in unterschiedlichen Farben, was ein wenig an Andy Warhols psychedelische Kunst erinnert. Könnte der “psychedelische Fisch” ein Hinweis auf eine Form der Reizüberflutung sein? Oder ist das ein gegenkultureller Moment, der auf die Counter Culture der 1960er verweist? Auf diese Weise würde Josts Film um eine politische Dimension – neben der naturpolitischen Komponente – erweitert werden. Im Zusammenhang mit den ästhetischen Naturaufnahmen und den im Gegensatz dazu diametral inszenierten Maschinen als Symbol der Technisierung und der Entfremdung des Menschen von sich und seiner Arbeit bzw. dessen Austauschbarkeit, könnte hier eine Kritik an gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen zum Ausdruck kommen.

Dem endgültigen Zusammenbruch der Familie liegt ein dramatischer Einschnitt zugrunde. Wichtig ist zunächst anzumerken, dass Ray schon einmal verheiratet war und das aus dieser Ehe ein Kind – seine Tochter Tracy – hervorgegangen ist. Und Ray hatte mit Jean eine Affäre, während er noch verheiratet war. Die Ehe basiert also auf einer Lüge, womit Jean seit jeher zu kämpfen hat. Eines Tages erhält Jean einen Brief von Tracy, in dem sie von einem Missbrauch in frühen Kindertagen spricht. An was sie sich genau erinnert könne, seien Rays Hände. In sehr langen Einstellungen verliest Jean den Brief. Schnitt/Gegenschnitt auf die Gesichter von Ray und Jean. Der Brief wird über die Gesichter geblendet, wodurch Tracy in die Szene eingebunden wird. Ray reagiert erschrocken, räumt aber ein, er habe sich nie an seiner Tochter vergangen. Jean weiß nicht, wem sie glauben schenken soll. Da Ray schon einmal gelogen hat, schwindet das Vertrauen zu ihrem Mann. Sie möchte ihre Tochter besuchen, und mit ihr darüber sprechen. Ray aber betont, er würde sie verlassen, wenn sie aus diesem Grund zu Tracy fahre.

Wer nun die Wahrheit sagt und wer nicht, lässt sich nicht klären. Es gibt auch keine Hinweise darauf, wem man nun glauben soll. Lügt Tracy und möchte aus irgendeinem Grund die Ehe zerstören? Oder hat sie falsche Erinnerungen im Kopf? Hat sich Ray an seiner Tochter vergriffen oder nicht? Und welche Rolle spielt Jean in dieser Konstellation? Hat sich eben nur das bewahrheitet, was sie schon lange vermutete? An dieser Krux geht die Familie schließlich kaputt. Erst nimmt sich Tracy das Leben, dann Jean und zuletzt Ray. Er fährt in den Wald, wäscht sich das Gesicht und schießt sich in den Kopf. Warum er das tut, erfährt man nicht. Erschoss er sich, weil sich seine Frau und/oder seine Tochter tötete? Oder weil er mit der Tat, die er beging, nicht mehr länger leben konnte? Und wusch er sich kurz vor seinem Tod von seinen Sünden rein, was auf einen religiösen Akt schließen würde? Man weiß es nicht, man kann nur vermuten. Im weiteten Verlauf blendet Jost Schrift über eine Fläche gerodeten Waldes: “Every violation of truth is not only a sort of suicide in the liar, but is a stab at the health of human society.” Da alle drei Selbstmord begangen haben, verweilt die Wahrheit im Dunkeln. Sicher ist nur, dass mindestens ein Familienmitglied die Wahrheit verschwieg.

Jost wechselt den ganzen Film über zwischen konkreten und abstrakten Erzählstrukturen. So trennt er Bilder, ähnlich, wie es bei einem Ditychon der Fall ist, und schwenkt die Kamera in den jeweiligen Ausschnitten in unterschiedliche Richtungen. Er inszeniert Gespräche als zutiefst persönliche Momente und spiegelt die Charaktere in einer Einstellung mehrfach. Sobald eines der Gesichter an Kontrast zunimmt, verschwimmt das andere zusehends. In dieser experimentellen Vorgehensweise spiegelt sich die Gesellschaft von Oregon, in der der Film angesiedelt ist, wieder. Hier wird Holzwirtschaft betrieben, hier kollidieren Natur und Industrie und wie der Wald zugrunde geht, geht auch eine Familie zugrunde. Jost veranschaulicht, wie instabil die Konstrukte Familie, Gesellschaft und Natur letztendlich sind; und auch, wie schwer zu greifen. Am Ende des Films blendet Jost erneut eine Schrifttafel ein und weist darauf hin, dass das Sägewerk, welches im Film gezeigt wird, 1992 geschlossen wurde und das als Gründe die Sorge um die Marbled Murrelet (ein Seevogel) und die japanische Konkurrenz in der Preispolitik genannt wurden. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, worauf Jost an der Wahrheit des Gesagten zweifelt. Was aber mit Sicherheit stimmt ist die Tatsache, dass 70 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren.

The Bed You Sleep In ist ein Film über Moral, die im großen und kleinen Rahmen ein Stützpfeiler für das Funktionieren einer Gesellschaft ist. Und Jost zeigt auf was geschieht, wenn Wahrheit – und letztendlich auch Vertrauen und Macht – missbraucht werden. Denn wie heißt es so schön: Wie man sich bettet, so liegt man.

1993 | 35mm Panavision | Color | Sound | 117 minutes
Writer, director, editor and cinematographer : Jon Jost
Producer: Henry S. Rosenthal
Music: Erling Wold
With: Tom Blair, Ellen McLaughlin, Kate Sannella, Marshall Gaddis, Thomas Morris, Brad Shelton
Official selection: Berlin, San Francisco, and Sundance Film Festivals