Stille in RIFIFI

Der 1955 von Jules Dassin in Paris gedrehte Film-noir Rififi ist ein Werk, welches den gealterten, gerade aus der Haft entlassenen Gangster Tony dabei beobachtet, wie er sich in einem Paris wiederfindet, in welchem der Typus des klassischen Gangster als Individuum nicht (mehr) überleben kann. Insbesondere durch die Kontrastierung der 25-minütigen, in absoluter Stille stattfindenden Raub-Sequenz mit der lauten, durch Fehlkommunikation geprägten Entführungssequenz wird deutlich, dass in dem „echten“ Paris, welches als Metropole auch in den äußersten Randgebieten einen durchweg lauten Raum darstellt, die Fähigkeit des richtigen Kommunizierens Grundvoraussetzung zum Überleben ist. Tony wird dabei mit seiner Entscheidung den Tresor auszurauben eine Gruppe an Männern mit in den Abgrund reißen, welche allesamt mit ihren eigenen Lastern zum Scheitern der Gruppe beitragen.

Auffallend scheint diese Familien-artige Konstellation an Kriminellen genau dann am besten zu agieren, wenn sie auf verbale Kommunikation verzichten muss: In der Raub-Sequenz schaffen es die vier Akteure, alle notwendigen Informationen rein über Gestik, Körpersprache und Mimik einander zu vermittelt und erreichen dabei eine Form der Effizienz, welche ihnen im Rest des Filmes und im Rest ihres Lebens fehlt. Während der Stille fügt sich jede Figur mit ihrer Stärke in die obergeordnete Familieneinheit ein, im Zeitraum danach sorgen ihre Laster für das Ende der jeweils anderen: Cesar wird dafür sorgen, dass Mario als Teilnehmer am Raub erkannt und letztendlich für eigene Fehlkommunikation sterben wird. Jo wird nicht auf die Worte Tonys hören und von der Grutterbande erschossen. Tony verkommt an den Folgen eigener Fehlkommunikation. Sobald die vier anfangen, sich auf ihre Worte zu verlassen, scheitern sie. Dasselbe gilt dabei auch für die Grutterbande, welche aufgrund ihres fehlerhaften, da leicht infiltrierbaren Kommunikationssystems ein Ende findet.

Ironischerweise wird genau das Schweigen, bzw. das Nicht-Reden mit der Polizei Voraussetzung der Entführer für das Überleben des Sohnes von Jo und Louise genannt. Tony erkennt dies zwar richtigerweise als Schein an, scheitert dann jedoch daran, selber richtig und klar zu kommunizieren. Jos Liebe für seinen Sohn (und für seine Frau) sowie seine Unsicherheiten sollten für Tony zu diesem Zeitpunkt bereits klar ersichtlich sein. Stattdessen schafft er es nicht, alle von Jo gesendeten kommunikativen Signale aufzufangen, zu decodieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen: Dass sich Jo in keinem Zustand der Rationalität und Verlässlichkeit befindet. Dabei gelten für Dassin auch die Unentschlossenheit und das fehlende Einschätzungsvermögen einer Lage bereits als gescheiterte Kommunikation, welche auch für Ida und Mario ihren Tod bedeutet.

Vor der Raubsequenz verlassen die Akteure ihre Wohnungen bereits in absolutem Schweigen, welches einzig durch das melodische Summen Vivianes gebrochen wird. Bedenkt man, dass alle jene männlichen Akteure bis zum Ende des Filmes sterben werden, scheint es, als lasse Dassin die Figuren sich von ihrem Heim und ihrem Leben verabschieden. Indem sie den Raub durchführen entscheiden sie sich für den Zustand, der ihnen am meisten liegt –  das Schweigen – und besiegeln damit ihr Schicksal. Viviane hingegen beherrscht als Performerin das Spiel der Kommunikation, sie weiß, wie sie wann was kommunizieren soll – folglich darf sie in dieser Szene summen, darf sie leben.

Letztendlich lässt sich Rififi auch als Produkt seiner Zeit lesen. Kaum 10 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, geschaffen von einem aus Hollywood Vertriebenen [1], spiegelt Dassins Werk ein allzu verständliches Misstrauen in den Performanz-Charakter der eigenen Personae, welche sich am direktesten in der Kommunikation ausdrücken, wider. Dassin wusste sicherlich, dass der Schein eines Menschen nur noch selten seinem Kern entsprechen mag, dass die Fremdwahrnehmung wichtigstes Mittel im Überleben ist. Aus dieser Perspektive betrachtet waren Tony und seine Milieugenossen von Beginn an zum Scheitern verurteilt und Rififi nur ein Zeugnis ihrer letzten Lebenstage. In der Stille gehen die Figuren auf, in Stille werden sie ruhen.

 

von Tim Meldau

 

[1] Dassin wurde 1948 auf die Hollywood Blacklist für seine Mitgliedschaft bei der Kommunistischen Partei der USA gesetzt, was ihm de facto das Drehen weiterer Filme in Hollywood verhinderte.


DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES
Frankreich 1955, 115 min., schwarzweiß
Sprache: Französisch
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: Aguste Le Breton, Jules Dassin, René Wheeler
Schnitt: Roger Dwyre
Schauspiel: Jean Servais, Robert Hossein, Magali Noël, Janine Darcey, Pierre Grasset
Produktion: Henri Bérard, Pierre Cabaud, René Bézard