Stille in GOODBYE, DRAGON INN

Vorbemerkung: Der Film wurde alleine zuhause auf Blu-Ray gesichtet und nicht in einem Kino, wie es idealerweise der Fall sein müsste. Die von mir erfahrene Stille meiner Rezeptionsumgebung gleicht also nicht jener beschriebenen Stille des Kinos. Des Weiteren wurde direkt zuvor King Hus „Dragon Inn“ als eine Art Double-Feature geguckt.

Das Licht geht aus, die Vorhänge öffnen sich und man lehnt sich gespannt in den Sitzplatz zurück, um mit den Menschen um sich herum einen Film zu gucken. Ab und an hört man dabei das Rascheln von Popcorn oder das leise Quietschen eines alten Sessels. Sonst: Absolute Stille. Dann beginnt der Ton des Filmes und für die nächsten X Minuten betritt man die Gedanken und Gefühle einer Gruppe von Filmschaffenden, bevor die Vorführung vorbei und die Personen um einen herum wieder andere Wege gehen. Das ist Kino.

Der Ort des Kinos ist ein besonderer Ort, wo die Stille des Raumes Grundvoraussetzung für das Funktionieren des Mediums an sich ist, wo jede akustische Störung das Vergnügen und die Immersion unterbrechen kann und wo jede Person ihren Teil beitragen muss, um dieses Ideal zu erhalten. Natürlich besitzt der Ort „Kino“ für jeden Menschen unterschiedliche Bedeutung. Für den Einen ist es ein Platz des reinen Vergnügens, ein Zweckmittel, um mit Anderen zu Sozialisieren, während es für die Andere ein Platz der emotionalen Verausgabung ist. Verschiedene Perspektiven kommen also zusammen, um in Stille ihre verschiedenen Bedürfnisse mithilfe desselben Mediums zu befriedigen.

Goodbye, Dragon Inn kommt einer Meditation über genau diesen Aspekt des Kinos gleich. Tsai Ming-Liang konfrontiert mit seinem 2003 erschienen Film die Rezipient:innen mit seiner eignen Perspektive auf das Kino, indem er uns einen Spiegel vorhält. Wir dürfen einem alten, heruntergekommenen Kino in Taipei City bei seiner letzten Filmvorführung beiwohnen und begleiten es für 82 Minuten, bevor es seine Vorhänge ein allerletztes Mal schließt. Über weite Strecken des Filmes sprechen die Figuren dabei kein Wort – einzig die Dialoge des im Hintergrund laufenden Filmes Dragon Inn (King Hu, 1967) sind zu vernehmen, bis der Filmvorführer einem japanischen Besucher erzählt, dass Geister in dem Kino lebten. Ob jene Worte bei diesem jedoch ankommen, ist unklar und eigentlich auch unwichtig. Wir Zuschauer:innen sehen einen kaum gefüllten Kinosaal und sehen uns darin wieder. In vielen Momenten ist Goodbye, Dragon Inn so leise, dass die Geräusche unserer direkten Umgebung dominant werden. Das Publikum schafft in der Stille des Filmes also die Soundkulisse und vervollständigt Tsais Werk somit. Währenddessen sind Stereotypen des Kinobesuchens zu sehen: lautes Essen, regelmäßiges Aufstehen und Umsetzen, aufdringliche Arten des Sitzens etc. Die Figuren des Filmes werden von Tsai dabei keineswegs für ihr Verhalten verurteilt. Dieser will einfach nur beobachten, wie sich Menschen an diesem speziellen Ort der Stille verhalten. Die Einstellungen in Goodbye, Dragon Inn sind lang und die Kamerabewegungen langsam. Was man sieht, findet eigentlich auch alles in Echtzeit statt. Das eigene Zeitgefühl verschwimmt sehr schnell und man verliert sich in der Schönheit der Bilder und der durchweg unterschwellig existierenden Traurigkeit des zum Sterben verdammten Ortes. Einzig Hus Dragon Inn kann eine Orientierung geben, wie weit Tsais Narrativ vorrangeschritten ist – vorausgesetzt, man kennt Hus Film. Kombiniert man dies mit den Interaktionen der Figuren untereinander, die allesamt eine absurde Note tragen, entwickelt sich eine meditative Wirkung und man beginnt die Liebe Tsais für diese Art des Kinos zu spüren. Insofern ist Goodbye, Dragon Inn eine 82 minütige Ekstase-Übung, die größtenteils in Stille stattfindet.

Wenn die Rezeptionistin sich zu Beginn des Filmes hinter die Leinwand begibt und einzelne Lichtpunkte über ihr Gesicht tanzen erreicht der Film eine Form der Magie, die einen die Worte des Filmvorführers, es gäbe Geister an diesem Ort, gerne glaubhaft machen. Diese Geister stellen dabei das Vergessenwerden, also der Stille zu Vergangenem, dar. Miao Tien und Shih Chun, Schauspieler, die bereits in Hus Dragon Inn zu sehen waren, sind Teil des Publikums, Teil der letzten Zuschauer:innen. Beim Verlassen des Kinos sagt Miao Tien zu Shih Chun „Nobody goes to the movies anymore“ und impliziert dabei auch, dass niemand mehr ihre Arbeit sieht. Der gewünschten Stille im Kinosaal folgt eine Stille im Nachhinein, wenn eigentlich über das Gesehene gesprochen werden sollte. Das Kino als Ort des Diskursbeginns finde also sein Ende. Die diskursschaffende Stille beendet den Diskurs. Trotz dieses düsteren Ausblicks ist Goodbye, Dragon Inn dennoch ein warmes Werk mit durchaus romantischem Kern: Diese Art des Kinos mag zwar gestorben sein, aber die Erinnerungen leben in uns weiter und werden uns weiterhin prägen. Dementsprechend ist es vielleicht auch gar nicht so schlimm, dass man nicht viel über einen Film zu sagen hat, denn letztendlich geht jede:r mit anderen Motivationen ins Kino. So endet das Kino bei Starkregen seine Existenz, sowohl im Film als auch in Echt, wo es kurze Zeit nach dem Drehschluss abgerissen wurde. Goodbye, Dragon Inn und auf Wiedersehen Stille.

 

von Tim Meldau


BÚ SÀN
Taiwan 2003, 82 min., Farbe
Sprache: Taiwanesisch, Mandarin, Japanisch
Regie: Tsai Ming-liang
Drehbuch: Tsai Ming-liang
Schnitt: Chen Sheng-chang
Schauspiel: Lee Kang-sheng, Chen Shiang-chyi, Kiyonobu Mitamura
Produktion: Hung-Chih Liang, Vincent Wang