Stille in BIRDS OF PASSAGE

Vor dem Hintergrund des kolumbianischen Drogenhandels der 1960er und 1970er Jahre untersuchen Cristina Gallego und Ciro Guerra mit ihrem 2018 erschienen Film Birds of Passage, in welchem Verhältnis der Konflikt menschengemachter Systeme untereinander zur Natur und ihrer Logik steht. Dies geschieht mit einem Fokus auf der Pushaina-Familie des Wayuu-Stammes, deren Traditionen durch den Drogenhandel Kontakt mit kapitalistischen Mechaniken erhalten, infolgedessen ein Krieg ausbricht.

In Birds of Passage bekommt man relativ früh eine Ahnung, in welche Richtung sich der Film entwickeln wird, kennt man die filmischen Topoi von Familiensagen und Drogenhandel bereits zu genüge. Dadurch bezieht der Film jedoch eine seltsame Tragik, da sich alle Entwicklungen als Schritte einer größeren Kausalität entpuppen, die den dargestellten Systemen inhärent sind – der Film plädiert in gewisser Weise für einen Fatalismus. Je weiter die Laufzeit fortschreitet, je tiefer sich die Familie in das Drogengeschäft begibt, desto rasanter und bedingungsloser werden sie in den Strudel aus Misstrauen, Destruktivität und Gewalt hineingezogen. Dieser kann dabei weder von Rapayet, dem Hauptverantwortlichen dieses Geschäftes, noch von seiner Schwiegermutter Ursula, die dem Geschäft von Beginn an kritisch gegenüberstand, aufgehalten werden. Vielmehr verstärken die verschiedenen Ideologien und daraus resultierenden Handlungen dieser beiden die Wirkung ihres Unterganges noch: Rapayet setzt in seinen Verhandlungen immer wieder auf die Rationalität und Logik seiner Umgebung, während Ursula in das Deuten von Träumen und die Deutungshoheit von Traditionen vertraut. Beide hoffen, dass die anderen Parteien ihre Weltansichten teilen und setzen auf Deeskalation, auch wenn sich ihre Situation als immer gefährdeter und die Entwicklungen um sie herum als stets unvorhersehbar entpuppen. Die Anzahl der gesprochenen Worte und im Kontext ihrer Kultur als beleidigend empfundenen Taten nimmt so lange zu, bis der Siedepunkt erreicht und es Krieg zwischen der Pushaina-Familie und ihrem Zulieferer Anibal gibt und dieser letztendlich zum Ende beider Parteien führt.

Gallego und Guerra setzen diesen lauten Entwicklungen dabei mehrere Szenen der Stille entgegen, in denen man nur das Rauschen des Windes hört und nicht deutbares menschliches Handeln sieht. Sie wirken nicht ganz real, in ihrer elliptischen Art fast Traum-haft und erscheinen mit ihrem Bezug zur offenen Wüste wie eine Konfrontation der stattfinden Destruktivität der menschlichen Systeme mit der egalisierenden Wirkung der Natur. Dieser sind die Machenschaften der Familien egal, sie muss auf kein konstruiertes System achtgeben und ist niemandem etwas schuldig. Wie die Natur eine Konstante ist, die das Leben der Menschen durchdringt und bestimmt, stellen diese Ruhepassagen Konstanten innerhalb des Filmes dar. Am Ende kulminiert dieser Natur-Bezug in einem Gewitter, welches während der Endcredits zu hören ist. Als lauteste Ausprägung natürlicher Prozesse und einflussreiches Wetterphänomen in Trockengebieten, deutet das Gewitter an, dass ein neues Kapitel im Leben der Wayuu begonnen hat – eines, in der die Pushaina-Familie ihre Macht verloren hat und der Krieg mit der anderen Familie zu Ende ist. Gleichzeitig lässt sich die Entwicklung der Ruheszenen hin zum Gewitter als Parallele zum Verlauf des Konfliktes lesen. Die Traditionen und Umgangsformen der einzelnen Wayuu-Familien waren von Beginn an angespannt und besaßen Bruchlinien, die durch den externen Einfluss von kapitalistischen Mechaniken immer weiter unter Druck gesetzt wurden. Genauso wie die Wasseransammlungen in den Wolken eines Tages auf die Erde nach langer Trockenzeit herabbrechen, kollabiert das System der Wayuu unter dem Druck und zerstört die Parteien in diesem Prozess.

Stille in Birds of Passage fungiert in ihrer Metaphorik also als eine Art Vorbote, als sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“, und als Pause für den Zuschauer, die das Moment des Filmes unterbricht um einen Bezug zur Natur herzustellen. Sie bietet Möglichkeit, über das Gesehene zu Reflektieren und signalisiert gleichzeitig, dass das Gesehene unausweichlich ist.

 

von Tim Meldau


PÁJAROS DE VERANO
Frankreich 2018, 125 min., Farbe
Sprache: Wayuu, Spanish, English
Regie: Christina Gallego, Ciro Guerra
Drehbuch: Maria Camila Arias, Jacques Toulemonde Vidal, Cristina Gallego, Ciro Guerra
Schnitt: Miguel Schverdfinger
Schauspiel: Carmiña Martínez, Natalia Reyes, José Acosta
Produktion: Christina Gallego, Ciro Guerra, Katrin Pors