Speaking Directly – Ein Film über Kommunikation

Speaking Directly, den Jost 1973 drehte und der seinen ersten Langfilm darstellt, ist in seiner Aussage und experimentellen Machart, die einen unweigerlich an Godards Arbeiten erinnert, zum einen Träger Josts politischer Einstellung, zum anderen ein Weg, einen Appell an die amerikanische Bevölkerung heranzutragen. Er legt seinen Fokus in erster Linie auf gesellschafts- und sozialpolitisch aktuelle Probleme, die seiner Meinung nach nicht klar und eindeutig aus- und angesprochen, sondern wenn überhaupt umschrieben oder auch totgeschwiegen werden.
Mit diesem Essayfilm wendet er sich an die Bevölkerung, spricht die Menschen direkt an und macht unmissverständlich klar, was er mitteilen möchte. Speaking Directly ist ein Film über Kommunikation, über die Wichtigkeit einer klaren Sprache und auch über den Versuch, aus dem wirren Abstrakten, das uns umgibt, etwas eindeutig Konkretes zu formen.

Josts Herangehensweise ist jedoch höchst unkonventionell und man fühlt sich zunächst ausgeschlossen, weil es nicht leicht ist, mit dieser Klarheit umzugehen; Denn um Klarheit zu zeigen, muss auch Unklarheit ein Thema sein. Dasselbe gilt in gleicher Weise für Konventionen bzw. soziale Normen, denen er kritisch gegenübersteht. In jenen sieht er sogar ein großes Problem, weil sie seines Erachtens nach unseren Blick trüben und wir aus diesem Grund die Welt nicht so sehen, wie sie wirklich ist. Es sei nun wichtig, solcherlei festgefahrene Strukturen aufzubrechen, um sich weiterentwickeln zu können. Jost versucht besagtes Gedankengut durch filmische Mittel visuell umzusetzen und in diesem Zusammanhang stellt er auch fest, dass wir alle Theater spielen. Das bedeutet nicht nur, dass jeder in einer Gesellschaft seine Rolle spielt und sich anpasst, je nachdem, wo er sich gerade befindet, sondern auch, dass die Regeln eines Theaterstücks verändert werden können und dass eine Rolle durchaus gewechselt werden kann. Diese poststrukturalistische Sichtweise ist glücklicherweise nicht naiver Art. Er spricht nicht von Weltfrieden oder anderen utopischen Vorstellungen, sondern fängt im kleinen Rahmen an, arbeitet sich langsam voran und lässt große und kleine Strukturen aufeinander treffen, in diesem Falle „here“, also sein Zuhause und „there“, Vietnam bzw. den Vietnam-Krieg. Jost spricht also auch von sich, stellt sich nicht außerhalb der Gesellschaft auf einen Beobachtungsturm, sondern mitten rein, sich stets darüber bewusst seiend, dass er ein Teil von alle dem ist, was ihn umgibt und wie schwer es ist, einen klaren Blick zu haben und aus einer Rolle herauszutreten.

Ähnlich wie Godard während seiner Arbeit an Ici et ailleurs ist ihm die Schwierigkeit seines Unterfangens bewusst und er sieht seinen Film nicht als ein abgeschlossenes Projekt, sondern als den Anfang eines Umdenkens. Aus diesem Grund ist Speaking Directly auch heute noch aktuell, denn an einer klaren Sprache fehlt es noch immer, zieht man die aktuellen politischen Diskurse in Betracht und die Sackgassen, die sich vielerorts auftun. Einhergehend damit ist besonders das Fernsehen ein Punkt, dem sich Godard wie auch Jost in ihren Filmen widmen, besonders in Bezug auf die Bilder und Töne, die einem präsentiert werden. Beide mischen Bilder und Töne des hier mit jenen des anderswo und sprechen über die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit. Auf der anderen Seite geht es bei beiden um Perspektiven einer Betrachtungsweise und um die Abstraktheit des Fernsehens, von Zahlenwerten und von Grenzen der Vorstellung.

Um das etwas zu konkretisieren: Jost unterlegt einen Videoausschnitt mit zwei Tonspuren gleichzeitig, einer männlichen und einer weiblichen. Die männliche Stimmte spricht von den Kriegsopfern aus der Makroperspektive, wie wir es aus dem Fernsehen kennen, über die verschiedenen Stadien des Vietnam-Krieges und über die tausenden Opfer und die vielen Bomben, die gefallen sind. Die weibliche Stimme erzählt von Einzelschicksalen, von einer Frau, die während des Krieges vergewaltigt und mit Stromstößen gefoltert wurde. Beide Stimmen überlagern sich, man kann unmöglich beiden gleichzeitig folgen. Man muss entweder zwischen den beiden Erzählsegmenten hin- und herspringen oder sich nur auf eine Stimme konzentrieren und die Szene zweimal ansehen. Und erst dann erkennt man, was Krieg wirklich ist oder besser gesagt kommt man einer Vorstellung sehr viel näher. Wichtig an dieser Stelle ist aber folgendes: Wie viel man auch vom Krieg hört, sieht und liest, es sind und bleiben „Second-Hand-Experiences“, wie Jost es nennt.

Jost zwingt uns, anzuhalten, zurückzugehen, genau hinzuhören, Zahlen zu reflektieren bzw. ein anderes Zahlenverständnis zu entwickeln. Er sagt, man könne sich 1.000.000 Tote nicht vorstellen, so abstrakt sei die Zahl, besonders wenn sie sich auf Todesopfer bezieht. Josts Anliegen ist aber noch ein anderes: Ihm ist es wichtig, hinter die Kulissen zu blicken und das Fernsehen und die Menschen, die durch diesen Apparat gezeigt werden, nicht als wirkliche Menschen, sondern als abstrakte Figuren wahrzunehmen. Er zeigt Nixon und Kissinger – in ihrer Erscheinung artifiziell – wie sie mit einem Lächeln im Gesicht Hände schütteln; kurz zuvor kamen tausende Menschen bei einer Bombardierung ums Leben. „Tausende“ ist wieder eine abstrakte Zahl. Dazwischen läuft Werbung, stark stilisierte Bilder, die im Einklang mit Leichenbergen verstörend wirken. Im Fernsehen war und ist das aber Gang und Gäbe.

Besonders gegen Ende geht Jost dann auf sein nahes Umfeld ein, spricht über seine Freunde und Familie, lässt sie reden, stellt fest, dass es an der Kommunikation hapert und betont, wie komplex menschliches Miteinander doch ist. Und je weiter der Film sich dem Ende neigt, desto mehr bleibt er bei sich, bei seinen Schwierigkeiten und geradezu ultra-reflexiv kommt er an seine Grenzen und muss erkennen, dass es fast unmöglich ist, etwas zu verändern, ohne sich aber auf einem „es ist so wie es ist“ auszuruhen. Und er spricht über Sex, zeigt eine mehrminütige Masturbation eines Mannes, konterkariert das konservative Amerika mit klarer Sprache und klaren Bilder, redet auch über die Frau und zeigt das, was da ist: Ejakulat des Mannes und Eizelle der Frau, deren Synthese das Fortbestehen der Menscheit überhaupt erst ermöglicht. Jost behandelt die Grundzüge der sexuellen Aufklärung in wenigen Minuten; ein Feld, das schon in der Schule durchgenommen wird. Er greift diese Angelegenheit aber erneut auf und entlarvt dadurch den großen Wirbel, der um entblößte Genitalien und Sexualität gemacht wird; Der Grund für das Fortbestehen der Menschheit war und ist ein überproblematisiertes und nicht selten tabuisiertes Thema – besonders in Amerika.

Im Nachwort bedankt sich Jost bei allen, die an seinem Film beteiligt waren. Und dazu zählt er auch all jene Menschen, die in den Fabriken arbeiten und das Material produzieren, mit dem er arbeitet. Und er ist sich bewusst, dass er diesen Film nur machen konnte, weil er aus einer bestimmten Schicht stammt und mit gewissen Denkmustern geprägt ist; Ein weiteres dialektisches Moment zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus, zwischen Möglichkeiten und Grenzen, zwischen hier und dort. Und unter dem Abschnitt „You“ lässt er eine Stoppuhr laufen und lässt den Rezipienten fünf Minuten, um mit dieser Zeit zu machen, was sie wollen; Eine Pause im Film, ein Platz für eigene Gedanken, für Zweifel und Reflexion, 300 Sekunden, mit denen man machen kann, was man möchte, die man aber nutzen sollte, zumindest dafür, um Josts Werk versuchen in sein Leben einzuordnen als ein Modell eines Wandels bzw. als einen Versuch, der Wahrheit – wo immer man diese auch finden mag – auf den Grund zu gehen.