Over Here

“Over Here” beginnt mit einer Verwirrung, die erst im späteren Verlauf des Films Sinn ergeben wird. Ganz zu Anfang ist weiß auf schwarz “Over There” zu lesen, als sei es der Titel des Films. Die erste Szene zeigt einen Mann in Nahaufnahme. Man sieht nur sein Gesicht und es ist nicht wirklich viel von ihm zu erkennen. Das Bild rauscht, die Bewegungen scheinen leicht verzögert. Unterlegt ist das Ganze mit ziemlich unangenehmen Klängen, die zunächst wie ein Störfaktor erscheinen, dann aber gemeinsam mit den rauschenden Elementen des Bildes einen speziellen Rhythmus bilden.

Das Rauschen entwickelt nach und nach ein Eigenleben, sodass man auf das eigentliche Bild nicht mehr so stark achtet, sondern eher auf die Hell-Dunkel-Verteilung und den Tanz der einzelnen Striche und Punkte. Wir sehen diese Szene ziemlich lange, fast 10 Minuten wird uns nur dieser Ausschnitt gezeigt, in dem ein Mann dabei zu sehen ist, wie er einfach nur atmet und die Augen hin und wieder schließt. Die Atmosphäre ist irgendwie unbehaglich, auch wenn man absolut nichts eindeutig zuordnen kann. Man weiß weder, wer dieser Mann sein soll, noch was er gerade tut oder wo er sich befindet.

Nach diesem Einstieg, der wie ein Wurf ins kalte Wasser wirkt, werden im Vorspann die Namen der beteiligten Personen aufgezählt und am Ende dieses Vorspanns steht ein weiteres Mal weiß auf schwarz der Titel des Filmes, dieses Mal aber “Over Here”. Noch ist unklar, warum es diese Differenzierung gibt und wie sich dieser Prolog in den Rest des Films einfügen wird, das alles stellt sich erst im weiteren Verlauf heraus.
Man wird also zunächst in diesen Film geworfen, ohne Vorgeschichte, ohne Einführung, ohne Erklärung, ohne Etablierung der Figuren. Er fängt einfach an. Und das ist auch gut so, denn man sieht sich die Bilder dadurch irgendwie ohne Vorbelastung an. Jede Szene stellt in gewisser Hinsicht ein neues Rätsel da und fordert den Zuschauer heraus. Man muss die Einzelteile selbst zusammensetzen, Verbindungen herstellen und damit klarkommen, dass nicht alle Szenen in einem direkten Zusammenhang stehen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Zentrum des Films ist ein Mann namens Jason, auch das wird erst in der zweiten Hälfte wirklich klar. Er war es, der im Prolog zu sehen war und er ist es auch, der zu Beginn in einem Café den Rucksack einer Frau klaut. Direkt danach lernen wir Chris kennen, der sich mit seinem Arbeitskollegen (oder seinem Chef?) darüber unterhält, dass er einen jungen Mann bei sich zu Hause aufgenommen hat, der als Soldat im Irak war und seiner Meinung nach Hilfe benötigte. Dieser ehemalige Soldat ist Jason, der anschließend dabei gezeigt wird, wie er in Chris’ Wohnung rumhängt und hauptsächlich fernsieht ohne wirklich hinzusehen. Die Kamera dreht sich über ihm im Kreis, während er auf der Couch liegt. Man hört Stimmen aus dem Fernseher, sieht aber nichts davon, nur Jasons leeren Blick, der sich dem Programm aus Promi-News und Casting-Shows völlig gleichgültig hingibt. Sein Gesicht zeigt keinerlei Reaktionen, weder auf die Sendungen, noch auf Chris, der irgendwann versucht, mit ihm zu reden. Während des einseitigen Gesprächs ruht die Kamera auf Chris’ Gesicht, es gibt keine Unterbrechung, keinen Schnitt, auch weil Jason ohnehin kaum reagiert, zumindest nicht mit Worten. Dadurch wird die Situation intimer, man hat eigentlich eher das Gefühl, einen Monolog zu beobachten. Umso überraschender kommt die nächste Einstellung, in der beide Männer plötzlich auf dem Boden liegen und Chris von Jason gewürgt wird. Das alles passiert ohne jegliche Vorwarnung oder Ankündigung. Wir sehen Jason teilweise aus der Perspektive des am Boden liegenden Chris, das Bild verschwimmt, die Sicht scheint unklar und schließlich bewegt er sich nicht mehr. Jason steht daraufhin einfach auf und lässt den leblosen Körper zurück.

Die letzten 25 Minuten bilden den stärksten Teil des Films. Jason geht zum Haus seiner Eltern und spätestens hier beginnt sich alles zusammenzufügen. Der verlorene Sohn kehrt aus dem Krieg heim, die Eltern können damit kaum umgehen. Ihre Begrüßung, die Reaktion auf das plötzliche Erscheinen des Sohnes ist steif, irgendwie kalt und unbeholfen. Schweigend sitzen sie gemeinsam im Wohnzimmer, alle drei in verschiedenen Ecken des Raumes. Man merkt, dass Jason emotional völlig überfordert ist und permanent damit kämpft, die Fassung zu bewahren. Dem Vater ist das sichtbar unangenehm, er kann seinen Sohn nicht lange ansehen und muss das Gesicht immer wieder abwenden. Die Mutter versucht in einer verzweifelten Aktion, die Situation durch Kuchen zu verbessern. So sitzen sie da. Es ist eine dieser unfassbar unangenehmen Situationen, in denen sich das Gefühl der Szene auf den Zuschauer überträgt. Man würde nicht gerne in diesem Raum sein, vielleicht würde man es sich am liebsten nicht einmal ansehen. Aber Jost zeigt es und in der nächsten Einstellung geht er noch einen Schritt weiter. Wir sehen dieselben Personen, die immer noch auf ihren Plätzen sitzen und bisher kaum ein Wort gesprochen haben, aber nun ist das Bild in drei Quadrate geteilt. Der Ausschnitt in der Mitte zeigt den verzweifelten Jason, rechts davon ist der Vater zu sehen, links die Mutter. Alle drei werden frontal gezeigt, das unterscheidet diese Aufnahmen von den vorherigen. Jeder Ausschnitt steht für sich und ist dennoch im Kontext der Gesamtsituation zu sehen. Eigentlich müsste man sich diese Szene mindestens viermal ansehen, um zuerst jede Person für sich zu beobachten und dann noch einmal die Gesamtheit ihrer Reaktionen aufeinander. Die Eltern starren ihren Sohn die meiste Zeit einfach nur an, die Mutter mit Tränen in den Augen. Beide schaffen es nicht mit der Gefühlslage ihres gebrochenen Sohnes umzugehen, sie wirken hilflos. Jason selbst scheint mit allem zu kämpfen, was ihm widerfahren ist und was er getan hat, sei es in seiner Zeit als Soldat oder in der Zeit danach.

Jost analysiert diese Situation nicht nur, er seziert sie regelrecht, indem er alle drei Personen für sich allein stehen lässt. Der Zuschauer soll genauer hinsehen und nicht nur das große Ganze, sondern die verschiedenen, individuellen Gefühle wahrnehmen. Seine Darstellung der Heimkehrer-Situation ist ehrlich und weitestgehend unkommentiert. Das Ehrliche daran ist, dass eben keiner weiß, wie man damit umgehen soll, dass man damit überfordert ist, egal auf welcher Seite man steht. Und dass Worte nichts daran ändern können, was passiert ist. Er zeigt außerdem den Druck eines amerikanischen Weltbildes, als sich der Sohn dafür entschuldigt, die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt zu haben (“I’m sorry. I’m supposed to be a hero. You’re supposed to be proud of me.”). Mit der Feststellung “Jason died” wird kein Zweifel mehr an der (selbst-)zerstörerischen Wirkung des Krieges gelassen; der Jason, den es vorher gab, existiert nicht mehr. Mit dem alten Jason verschwindet auch das mittlere Bild kurz, um dann wieder zu erscheinen. Dieses Mal ist es aber größer als die beiden Ausschnitte links und rechts und es wächst immer mehr, bis es die Bilder von Mutter und Vater verdrängt hat. Jason ist allein, sein altes Leben gibt es nicht mehr. Er verlässt das Haus seiner Eltern, weil er weiß, dass er dort nicht bleiben kann und dass es sinnlos ist, an seinem früheren Leben festzuhalten. Die Bildausschnitte der Eltern tauchen wieder auf, allerdings ist zwischen ihnen nun keine Lücke mehr, kein freier Platz für den Sohn. Spätestens am Ende des Films erinnert man sich wieder an die anfängliche Unterscheidung “Over There” und “Over Here”. Auch wenn es nie ausgesprochen wird, so ist es doch eindeutig, dass der Prolog – mit “Over There” betitelt – Jason in einer Situation im Irak zeigt oder in einer Situation, die stellvertretend für seine Gefühlslage in dieser Zeit steht. Alles, was nach dem Titel “Over Here” gezeigt wird, passiert in der Zeit, nachdem er aus dem Krieg in die USA zurückgekehrt ist. Der eine Teil als Ursache, der zweite als Konsequenz.

“Over Here” ist kein Film, der darauf ausgelegt ist, eine Handlung darzustellen, er ist vielmehr eine Sammlung an Bildern, Situationen und Eindrücken, die gemeinsam eine Stimmung einfangen und dadurch die Geschichte einer Person andeuten. Als Zuschauer erfährt man nicht viel über Jason, man hat nicht die üblichen Hintergründe einer Figur und kennt weder Details aus der Vergangenheit noch seine Beziehungen zu anderen Menschen oder Ähnliches. Das ist vielleicht zunächst befremdlich, weil es nicht unseren Sehgewohnheiten entspricht, so viele Lücken füllen zu müssen oder am besten einfach leer zu lassen. Aber wenn man sich darauf einlassen kann, wenn man es schafft, die Vorteile dieser offenen Darstellung zu sehen, wird man erkennen, wie gut diese Annäherungsweise an ein ernstes Thema funktioniert. Es herrscht ein Wechselspiel zwischen Handlungssträngen, die in sich gesehen einzelne Abschnitte des Films bilden und anderen Szenen, die eher als Kontraste oder als visuelle Einschübe dienen. Das eigentliche Thema setzt sich erst gegen Ende wirklich zusammen, der Film liefert dafür die Ausgangspunkte, aber man muss sich als Zuschauer auch selbst damit befassen. Vieles wird nur angerissen oder offen gelassen, weil es einfach nicht ausgesprochen werden muss.
Eine persönliche Note bekommt der Film durch ein Statement von Jon Jost selbst, das im Anschluss an den Abspann zu lesen ist. Es ist ein Kommentar bzw. eine Kritik an der politischen Situation der USA bis zu der Zeit als der Film entstanden ist, also 2006. Mit diesem Abschluss macht der Regisseur noch einmal seine eigene Kritik am Irakkrieg deutlich und beendet den Film mit dem Anliegen, man solle die verantwortlichen Politiker für ihre Kriegsverbrechen vor Gericht bringen.

2007 | Digital Video | Color | Sound | 76 minutes
Producer, Director, Camera: Jon Jost
Editing and Sound Recording: Jon Jost and Marcella Di Palo Jost
Music: Jost
With: Ryan Harper Gray, Stephen Taylor, Greg Tozian, Bibi Walton, Jerry Carlton, Karen Stockert, Jean Luc Boucherot, Matt Kayser, Marcella Di Palo Jost, Lauren Sands
Premiered: Rotterdam Film Festival 2008, Buenos Aires Indipendent Film Festival 2008, JIFF 2008