Orly

Der Anfang von Angela Schanelecs jüngstem Film “Orly” zeigt eine Frau, die durch die Straßen von Paris läuft. In einem langen Schwenk wird sie von der Kamera begleitet, bis ein abrupter Schnitt die Szene unterbricht und stattdessen eine Reihe von Fotos an einer Wand zu sehen ist. Einige davon zeigen die Frau aus der vorherigen Szene. Der abrupte Ortswechsel von der Straße in eine Wohnung könnte zunächst vermuten lassen, dass hier ein intimer, privater Ort etabliert wird und als Schauplatz dient, wie in Schanelecs früheren Filmen, die sie oft in Wohnungen von Freunden oder Bekannten drehte. Wir werden aber nicht lange in dieser Wohnung bleiben, nur über die Dauer eines kurzen Telefonats zwischen Theo und Sabine, in dem deutlich wird, dass sie sich von ihm getrennt hat und er sie nicht mehr anrufen soll. Der nächste Schnitt. Nach dieser schwer einzuordnenden Exposition kommt der Film dort an, wo er eigentlich spielt: im Flughafen Paris-Orly. Aber der Flughafen ist mehr als nur ein Schauplatz, er ist im Grunde das Thema des Films und die Grundvoraussetzung für alles, was passiert und alle Begegnungen, die beobachtet werden.

“Unser Leben besteht aus Flüchtigem, das ist ein bisschen traurig, aber eigentlich sehr interessant und aufschlussreich.” Mit diesem Satz aus einem Interview vom Januar 2010 für die Berlinale fasst Schanelec im Grunde die verschiedenen Aspekte zusammen, die sie in “Orly” nach und nach aufdeckt, immer mit dem Flüchtigen als Zentrum der Beobachtungen. Gleichzeitig übertragen sich diese Merkmale flüchtiger Begegnungen auch auf die Wahrnehmung des Zuschauers – manches daran findet man ein bisschen traurig, vieles ist interessant und eigentlich alles ist in irgendeiner Weise aufschlussreich. Im Wesentlichen werden in diesem Film vier Geschichten erzählt, die alle ganz lose miteinander verbunden sind bzw. sich gegenseitig Anknüpfungspunkte bieten. Dabei geht es nicht um eine Verflechtung der Geschichten oder Interaktionen der Figuren untereinander, wie es in manchen Episodenfilmen der Fall ist. Vielmehr können anhand der unterschiedlichen Begegnungen und Beziehungen innerhalb der einzelnen Geschichten Punkte herausgelesen werden, die sich letztendlich zu einem Ganzen verbinden. Von einem flüchtigen Kennenlernen über die Vertrautheit zwischen Mutter und Sohn über eine Beziehung, in der sich beide eigentlich nicht mehr viel zu sagen haben, bis hin zur völligen Stille und Einsamkeit zeichnet die Gesamtheit aller vier Stationen in der Erzählung einen Weg der Entfernung oder Entfremdung nach und macht “Orly” auch ein Stück weit zu einem Abschiedsfilm.

Nach der kurzen Einführung von Theo und Sabine am Anfang ist die nächste Geschichte die einer ungewöhnlichen Begegnung zwischen Juliette und Vincent. Ungewöhnlich deshalb, weil es doch eher selten vorkommt, dass sich zwei völlig fremde Menschen, die sich keine fünf Minuten kennen, plötzlich in ein sehr persönliches Gespräch über ihr Leben vertiefen. Rein formal zeigt sich hier die besondere Kameraarbeit, die sich weiter durch den Film ziehen wird. Die Kamera wird oft einfach so in der Menge platziert und fokussiert somit nicht direkt auf die Personen, die gerade eigentlich im Mittelpunkt stehen. Andere Fluggäste laufen durchs Bild oder bleiben für einen kurzen Moment vor Juliette und Vincent stehen und verdecken dadurch die eigentliche Szene zeitweise. Die ganze Zeit bleibt die Kamera statisch, versucht nicht, die “Störfaktoren” zu umgehen, sondern fängt die beiden Dialogpartner eben nur dann ein, wenn sie sowieso im Blickfeld sind. Auch die Hintergrundgeräusche sind essenziell für die Wirkung des Films, weil hier etwas Ähnliches passiert wie auf der Bildebene. Auch wenn man den Dialog eigentlich immer verfolgen kann, erscheint die Lautstärke der Nebengeräusche nicht gedämpft. Der Eindruck, man befände sich tatsächlich an diesem speziellen Ort, in einem Flughafen, inmitten unzähliger fremder Menschen, die alle ihren eigenen Handlungen nachgehen, ist durch diese Natürlichkeit auf Bild- und Tonebene greifbar. Die Atmosphäre des öffentlichen Raumes Flughafen ist das, was vor allem die Tonspur, aber auch die Kameraarbeit dominiert, Gespräche und Interaktionen zwischen den einzelnen Figuren wirken dadurch eher beiläufig eingefangen.

Genauso wie diese erste Begegnung werden die beiden weiteren Paare inszeniert. Man beobachtet sie jeweils in der Menschenmenge der wartenden Fluggäste, zunächst aus der Ferne und kommt dann immer näher, bis man sich automatisch auf sie fokussiert. Auf eine merkwürdige Art macht der Film hier das möglich, was in der Realität eine schwierige oder auf jeden Fall unangenehme Situation wäre: das direkte Beobachten völlig fremder Menschen, das Belauschen ihrer privaten Gespräche, das Studieren ihres Verhaltens und ihrer Beziehung zueinander. Man kann das hier so schamlos tun wie es in der “echten” Flughafen-Situation nicht möglich wäre, weil man immer Angst hat, dass die Beobachteten die Blicke spüren. Der kurze Zeitraum, den wir als Zuschauer mit jedem einzelnen Paar verbringen und die Abruptheit, mit der wir in die Begegnungen eindringen und sie wieder verlassen, verstärken die Flüchtigkeit des Moments. Und gleichzeitig verbindet sich mit dem Flüchtigen das Gefühl des Wartens und nicht enden wollender Zeit. Flüchtigkeit in den Begegnungen, Endlosigkeit in der Situation. Der Flughafen ist dabei der Auslöser für diese speziellen Gegebenheiten, der Raum an sich macht Situationen erst möglich. Für Schanelec ist es undenkbar, sich Menschen vorzustellen, ohne dass vorher auch eine Vorstellung des Raumes existiert, in dem sich diese Leute befinden. Er gibt Dinge vor und beeinflusst alle Handlungen oder Begegnungen. Deshalb wollte sie auch diesen Ort möglichst so belassen, wie er ist und versuchte, die Inszenierung so weit wie möglich zu minimieren. Ohnehin arbeitet sie in all ihren Filmen nur mit O-Ton, aber auch die Positionierung der Kamera musste sich an den Raum anpassen, da der Film an normalen Tagen im Flughafen Paris-Orly gedreht wurde, ohne Absperrung oder Einschränkung. Vor Ort wurde entschieden, wo die Kamera stehen wird und wo die Darsteller inmitten des alltäglichen Treibens ihren Platz finden können, der Rest ist laut Schanelec einfach Reaktion. Es geht mehr um die Menschen, die sich tatsächlich in diesem Raum bewegen und ihm den Charakter verleihen, den er schließlich hat. Man kann den Flughafen dabei als Ort des Transits, des dazwischen-Seins, des Wartens oder als Nicht-Ort begreifen. Für Schanelec spielen diese Einordnungen aber weniger eine Rolle als die Menschen, die sich dort bewegen und wie sie mit der Unabänderlichkeit dieser Situation umgehen. So wundert es nicht, dass die Idee für den Film entstand, als sie selbst an eben diesem Flughafen auf ihren Rückflug von Paris wartete, fremde Menschen beobachtete und anfing, über deren Geschichten nachzudenken, so wie wir es alle wahrscheinlich schon erlebt haben.

Der einzige wirkliche Bruch im Film kommt aus verschiedenen Gründen mit dem vierten Paar, bestehend aus einem jungen, deutschen Rucksacktouristen und seiner Freundin. Auch sie werden beim Warten auf ihren Flug beobachtet, dabei wie sie ein Buch liest, er fotografiert, sie ab und zu ein paar Worte wechseln, aber eigentlich doch nicht miteinander reden. Vielleicht liegt es auch am plötzlichen Sprachwechsel von Französisch auf Deutsch, dass diese Szene sich so von den anderen abhebt und wie ein Fremdkörper wirkt. Die deutschen Dialoge wirken hölzerner, theatralischer und damit künstlicher als die französischen, man könnte auch sagen typischer für einen Schanelec Film. Aber das heißt nicht, dass sie in diesen Film passen. Vielleicht liegt es auch an den Formulierungen, daran, dass das Französische eben einfach einen völlig anderen Klang hat, dass Deutsch normalerweise etwas knapper ist oder dass die Mischung einfach nicht funktioniert – die Szene mit den Deutschen ist auf jeden Fall ein unangenehmer Bruch und macht den Film zum ersten Mal anstrengend, sogar nervig. Auch der plötzliche und einzige Einsatz von Musik macht den Rest und die ansonsten so perfekte Tonebene für einen Moment kaputt. Während der junge Mann durch den Flughafen läuft, begegnet er Sabine, der Frau vom Anfang. Sie blicken sich nur kurz an, laufen dann ein Stück praktisch nebeneinander durch die Menge, dann trennen sich ihre Wege. Diese Begegnung ist das Höchstmaß an Flüchtigkeit, das der Film erreicht und schreit für sich allein vielleicht schon etwas zu sehr nach Sehnsucht und gleichzeitiger Vergänglichkeit des Moments. Wenn dann aber über genau dieser Szene das einzige Lied im Film gespielt wird, wirkt das Ganze aufgedrückt, künstlich, pathetisch und naiv. Die Musik sollte die Flüchtigkeit an dieser Stelle auffälliger machen, was überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Stattdessen macht sie sie so auffällig, dass man das angenehm Subtile des restlichen Films gegen Ende fast vergisst.

Zum Schluss begleiten wir wieder Sabine, wie schon zu Beginn des Films. Sie sitzt alleine an einem Tisch im Flughafen mit einem Brief von Theo, dessen Stimme dabei aus dem Off erklingt und die Zeilen des offensichtlichen Abschiedsbriefes vorliest. Es ist der klare Versuch einer Rahmung der gesamten Erzählung, man endet dort, wo man anfing, bei der Geschichte von Sabine und Theo, ohne ihre Geschichte wirklich zu erzählen. Allerdings stellt sich die Frage, ob es diese Einheit, diese Form des Abrundens überhaupt gebraucht hätte, ob es nicht vielleicht interessanter gewesen wäre, diese Klammer offen zu lassen, ohne auch nur den Versuch eines Abschlusses zu machen. Das Ende so flüchtig und ungewiss wie den Rest des Films zu belassen, der aus Einblicken und Momentaufnahmen besteht, die letztendlich doch ohne Ergebnis, ohne Rahmung oder Abschluss bleiben.

Allen, die mehr über Angela Schanelecs Interesse an Räumen in ihrem Filmen wissen möchten, ist dieses Interview auf www.cine-fils.com zu empfehlen.

ORLY

Deutschland/Frankreich 2010, 84 Min
REGIE: Angela Schanelec
DARSTELLER: Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Maren Eggert u.a.