Ökonomie und Religion

Arbeit als Berufung in Avatar, Herr der Ringe und Matrix
Von Stefanie Rinke

Beitrag vorgetragen auf der Tagung „Arbeit als Naturverhältnis in medialer und literarischer Reflexion“ an der Otto-Friedrich Universität Bamberg, 29./30.11.2013. Der vollständige Buchbeitrag wird im nächsten Jahr erscheinen, Titel des Sammelbands: Arbeit als Naturverhältnis in literarischer und medialer Reflexion, hg. von Judith Ellenbürger und Hans-Joachim Schott bei Königshausen & Neumann in der Reihe “Konnex”, hg. von Andrea Bartl.

„Erkenne Dich selbst!“, so steht es über der Küchentür des Orakels im Film Matrix. Und so könnte der Tenor aller drei zu besprechender Filme lauten, in denen wie es der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen vorschlägt, heute der in andere Genres verkleidete Arbeitsdiskurs geführt wird. Arbeit wird gegenwärtig weniger lediglich als Broterwerb, sondern vielmehr als Selbstunternehmung und Selbstoptimierung verstanden, bei der der Glaube an sich selbst eine grundsätzliche Voraussetzung darstellt. Dies analysiere ich anhand der drei us-amerikanischen Science-Fiction- und Fantasy-Filme, Avatar von James Cameron aus dem Jahr 2009, der Trilogie Herr der Ringe von Peter Jackson 2001-2003 nach dem gleichnamigen Roman von J.R.R. Tolkien und derMatrix-Trilogie der Wachowski Brüder aus den Jahren 1999-2003. Alle drei Filmbeispiele waren sehr große Kinoerfolge.

Folgt man den Befunden der Arbeitssoziologie, dann kann gesagt werden, dass sich Arbeitende heute als ganzheitliche Subjekte, als Unternehmer ihrer Selbst (Ulrich Bröckling), quasi als Künstler (Boltanski/Chiapello) und als Manager ihrer Fähigkeitspotentiale verstehen. Hatte Max Weber mit seinen Ausführungen zum Geist des Kapitalismus und zur protestantischen Arbeitsethik Arbeit als Selbstzweck analysiert, in der sich der Mensch wie in einem Hamsterrad bewege, so trifft dies für die gegenwärtigen ökonomischen Strukturen nicht mehr zu. Heute ist die Dimension der individuellen Motivation von zentraler Bedeutung, die sich aber auch, folgt man den Ausführungen von Webers Zeitgenosse und Kollegen, dem Religionssoziologen Ernst Troeltsch, aus dem Protestantismus ableiten lässt. Die immense Bedeutung des „absoluten Personalismus“ für die Entwicklung des modernen Individuums kann Troeltsch zufolge nicht hoch genug eingeschätzt werden, wie er es inseinem Aufsatz Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt (1906/1911) unterstreicht. Denn aus dem absoluten Personalismus leite sich der „Gedanke der Freiheit, der Persönlichkeit, {und} des autonomen Selbst“ (S. 221) ab. Konnte sich dieser in der Moderne nur in Freizeit und Kultur der Großstadt sowie im persönlichen Leben und eben nicht in der Wirtschaft entfalten, so ist hypothetisch zu vermuten, dass er gegenwärtig durch den ökonomisch-sozialen Wandel des Modells dezentraler Arbeitsnetzwerke für das Arbeitsleben eine grundlegende Forderung, quasi schon ein Muss, geworden ist.

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Schaut man sich vor dem Hintergrund der arbeitssoziologischen Befunde zur New Economy und Troeltschs These zum forcierten Individualismus in der Moderne die genannten Filme an, dann lässt sich feststellen, dass die Protagonisten in ganz neue Aufgabenfelder quasi ‚hineingeworfen’ werden. Hier nun müssen sie die völlig überzogene und jeweils an sie herangetragene Aufgabe meistern, nichts Geringeres zu tun, als die ‚Welt zu retten’. Um dies zu leisten, unterziehen sie sich einem Lernprozess. Nicht nur Kampftechniken sind elementar, – Neo lernt Kung-Fu und Jiu-Jitsu, Frodo Schwertkampf, – sondern auch mentale Fertigkeiten wie Selbstmotivation und Perspektivwechsel. Ratschläge für die Weltenretterklingen wie Coaching-Formeln aus Manager-Seminaren. Gandalf etwa sagt zu Frodo: „Du mußt entscheiden, was du mit der Zeit anfangen willst, die dir gegeben ist.“ Und Morpheus zu Neo: „Ich kann Dir die Tür nur zeigen, durchgehen musst Du selbst.“ Im Laufe der „Ausbildung“ wachsen die Protagonistenin die neuen Rollen hinein, weil sie an sich glauben und sich neu erfinden.

Die Helden, besonders Neo in Matrix und Jack in Avatar, werden in die neuen Gemeinschaften wie in ein neues Arbeitsteam aufgenommen und gehen diesen sehr schnell als Führungskraft und Leitfigur voran. Sie entwickeln eine völlig neue Identität und kehren nicht mehr in ihr „altes“ Leben zurück: Frodo bleibt nicht wie Sam im Auenland, sondern fährt mit Gandalf ins Land der Elben. Neo opfert sich für die Gemeinschaft am Ende des dritten Films, wie sich Jesus Christus am Kreuz geopfert hat (vgl. Ikonografie des Bildausschnitts von Matrix). Die Aufgaben sind also nicht nur vorübergehende „Jobs“, sondern Lebenswege, die die Protagonisten förmlich verwandeln, so dass es kein Zurück mehr gibt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Arbeit in den Filmen nicht als sinnentleerte Arbeitspflicht, sondern als persönlicher Glaubensweg inszeniert wird, wie es Troeltsch für die Moderne schon formuliert hatte. Nur hatte Troeltsch die Entfaltung des Individualismus lediglich auf den Freizeitbereich der modernen Menschen in den Großstädten bezogen. Heute nun in Zeiten der New Economy wird die Persönlichkeitsentfaltung auch und vor allem für die Arbeit gefordert. Arbeitende sollen sich als Unternehmer ihrer Selbst verstehen und sich ganzheitlich in ihre Arbeit einbringen. Arbeit muss heute mit Verwandlung einhergehen, sonst, so könnte gefolgert werden, ist das Arbeitsengagement nicht radikal genug aktiviert worden. Denn der Weg hinterlässt Spuren, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und mündet in einer ganz neuen nun ‚erfüllteren’ und selbst gewählten Identität. Höherem zu gehorchen, sich berufen fühlen, Großes zu schaffen und das Unmögliche zu wagen, wird nicht durch ‚sinnentleerte’ Workaholics erreicht, sondern der Anspruch ist hoch: Selbsterkenntnis, Selbstglaube, und die richtige, weil persönlich passende Tätigkeit, durch die Beruf- und Privatleben in eins verschmelzen, machen heute das Arbeitsideal aus.

Dr. phil Stefanie Rinke studierte Neuere Deutsche Philologie, Politische Wissenschaft und Geschichte in Köln und Utrecht. Sie promovierte in Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin (2005). Danach war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Paderborn, Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft (2005-06), und ist heute dort Lehrbeauftragte (seit 2008). Seit 2009 gehört sie zur Forschergruppe „Kulturphänomen Arbeit. Selbstentwürfe, Topographien, Wertzuschreibungen“ an der Universität Paderborn. Aktuelles Postdoc-Forschungsprojekt: „Literatur und New Economy. Ökonomische Subjektivierung in autofiktionalen Texten der Gegenwart.“ (www.stefanie-rinke.de)

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Filmografie

Avatar (James Cameron, 2009)
Der Herr der Ringe Trilogie (Peter Jackson, USA/NZL 2001-2003)
Matrix Trilogie (Wachowski-Geschwister, USA 1999-2003)