Nachmittag: Die Ästhetik der Auslassung

Von Florian Reupke

„Nachmittag“ ist die erste Literaturadaption von Schanelec und bezieht sich auf Tschechows Stück „Die Möwe“, bei dem sie 1990 als Schauspielerin auf der Theaterbühne mitgewirkt hat. Mit Ausnahme der Figurenkonstellation sowie insbesondere dem Trübsinn ist jedoch nicht viel von dem ursprünglichen Werk übrig geblieben.
Der Vorhang geht auf, der Film beginnt und man blickt zunächst von hinten über die Bühne in den Zuschauerraum eines Theaters, auf deren Bühne die Schauspielerin Irene (Angela Schanelec) probt. Ein Schnitt und man schaut auf einen See, eine idyllische Landschaft an einem sommerlichen Nachmittag. An diesem See steht ein Haus, in dem im Folgenden der Zerfall einer familiären Gemeinschaft zu beobachten ist.

Die Handlung des Films gliedert sich in die Abfolge von drei Nachmittagen an einem See in Potsdam, wobei vereinzelte Ausflüge in die Innenstadt von Berlin diesen „Alltagstrott“ unterbrechen. In dem bereits erwähnten Haus am See trifft eine Figurenkonstellation aufeinander, die nicht durch Zusammenhalt, sondern vielmehr durch ein Auseinanderfallen gekennzeichnet ist. Alex (Fritz Schediwy), ein alternder Schriftsteller, Irene (Angela Schanelec), die jüngere Schwester von Alex, Konstantin (Jirka Zett), Sohn von Irene und ebenfalls Schriftsteller, Max (Mark Waschke), der aktuelle Liebhaber von Irene sowie Agnes (Miriam Horwitz), die ehemalige Freundin von Konstantin, bewohnen das Haus.

Schanelec stellt mit Hilfe dieser Charaktere Szenen einer durchaus beschädigten Bürgerlichkeit dar, die mitunter in schmerzlichen Zerfallsprozessen enden. Insbesondere Konstantins Ambitionen in Hinsicht auf sein Dasein als Autor und Schriftsteller werden durch die ständige Kritik seiner Mutter untergraben, was im Verlauf des Filmes zu einem angedeuteten Selbstmordversuch führt. Weiteres Konfliktpotential bürgt die Beziehung zwischen Irene und ihrem älteren Bruder, die sich durch ständige Streitereien auszeichnet.
Darüber hinaus entfernt sich Agnes zunehmend emotional von ihrem (ehemaligen) Freund und scheint vielmehr von Max angezogen, der diese Neigung auch durchaus teilt. Schnell wird Konstantin und Irene klar, dass sie kurz davor sind, einen herben Verlust zu erleiden.

Neben unterschiedlichen Anklängen an das Theater – wie die erste Szene oder die Berufe der Figuren – verfolgt Schanelec in ihrem Film wiederholt eine Ästhetik der Auslassung. Kein Ereignis folgt unmittelbar aus einem anderen und das, was im Haus passiert, ist zum Großteil das, was man nicht sieht. Vieles wird „lediglich“ über die Stimmung mitgeteilt, wobei bewusst auf den häufigen Einsatz von Musik verzichtet wird. Dieser Umstand hat auch zur Folge, dass man statt von einer Handlung vielleicht besser von einer Konstellation spricht; tatsächliche Handlungen beschränken sich auf Momente des Sprechens, weniger des Tuns, wobei man hier allerdings – ähnlich wie bei anderen Schanelec Filmen – nicht von alltäglichen Dialogen ausgehen sollte.

Der Titel „Nachmittag“ fügt sich dementsprechend nahtlos in die Grundstimmung ein; es ist wie eine Schwebe, ein Zustand der Trägheit und es scheint, als wartet man auf etwas, ohne zu wissen worauf. Dieser Eindruck wird insbesondere bei Konstantin geweckt, der, so scheint es, etwas sucht, jedoch nicht weiß was und wie er es finden kann.

Dieser Eindruck wird des Weiteren auch durch die Machart des Filmes verstärkt. Reinhold Vorschneider, der Kameramann, setzt insbesondere bei den Gesichtern der Protagonisten verstärkt auf Großaufnahmen. Die anfänglichen Totalen werden durch Close-Ups abgelöst, wodurch man sich den handelnden Personen näher fühlt. Besonders gelungen sind in dieser Hinsicht auch die sehr späten Schwenks von den nunmehr Schweigenden hin zu den sprechenden Akteuren. Das, was Gesagt wird, erklingt oftmals aus dem Off und auch die Blicke der jeweiligen Protagonisten verlieren sich in diesem.

Trotz der teilweise düsteren Stimmung und den niederschmetternden Aussagen („Ich interessiere mich nicht mehr für Menschen“) ist der Film durch eine Sommerstimmung geprägt. Die Vorliebe zur Körperlichkeit sowie die intensiven Grundfarben eröffnen eine wirksame Diskrepanz zwischen Gesprochenem und Gezeigtem….

“Nachmittag”
Regie: Angela Schanelec
Mit: Jirka Zett, Miriam Horwitz, Angela Schanelec, Fritz Schediwy
Deutschland 2007
97 Min.