Mein langsames Leben

„Der Film ist der Versuch, das Leben von außen zu betrachten, Distanz zu gewinnen, nicht einzugreifen, sondern zuzusehen. Ich wollte einen fließenden Übergang finden vom Leben zum Film und wieder zurück. Die zwei jungen Frauen im Café, zum Beginn, hab‘ ich tausendfach gesehen, in irgendwelchen Cafés an irgendwelchen Sommertagen. Jede Situation gibt es tausendfach, die Familie die am Flughafen ankommt, die ältere Frau, die allein im Zug sitzt, die erwachsenen Kinder vor dem Krankenhaus, in dem der Vater stirbt. Es ist normal. Ich hab‘ mich gefragt, was passiert, wenn man versucht, sich an nichts als an die Normalität zu halten…“
(Angela Schanelec)

Aber ist es ein gelungener Versuch, den Angela Schanelec unternimmt? Ist es für einen Film per se überhaupt möglich „Normalität“ abzubilden? Ist ein Film nicht immer irgendwie Modifiziert? Gewollt? Manipuliert? Und wenn er Normalität zu zeigen versucht, ist er dann nicht auch irgendwie eine Dokumentation?

„Mein langsames Leben“ schafft es, die Gratwanderung zwischen Kino und Wirklichkeit zu meistern. Auf der einen Seite ist er ein Film mit fiktiven Charakteren, aber auf der anderen Seite auch so alltäglich – im positiven Sinne. Der Film zeigt verschiedene Figuren in Berlin, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. Im Zentrum steht Valerie (Ursina Lardi), die aber gar nicht im Zentrum sein will. Sie ist schüchtern, zurückhaltend, in sich gekehrt. Ihre Freundin Sophie (Nina Weniger) das komplette Gegenteil: offen und das Abenteuer suchend. Sie geht ein halbes Jahr nach Rom, was zur Rahmenhandlung und zeitlichen Begrenzung der Geschichte wird. Während dieses halben Jahres begleiten wir Valerie in Berlin durch den Sommer und beobachten sie, wie sie einen neuen Freund, Thomas (Andreas Patton), findet, wie die Ehe von Thomas‘ Schwester und dessen Mann in die Brüche geht und wie ihr Vater in Folge eines Herzinfarktes stirbt und sie dadurch wieder in Kontakt mit ihrem Bruder kommt, die sich aber eigentlich stark voneinander distanziert haben über die Zeit. Was alle Figuren gemein haben, ist, dass sie sich ständig mit den Fragen und Sehnsüchten des Lebens konfrontiert sehen.

Klingt eigentlich nach wenig spektakulärer Handlung. Viel mehr erinnert es uns an unser eigenes Leben und die alltäglichen Probleme. Und das macht den Film so besonders. Es steht nicht unbedingt das WAS, also die Handlung, im Vordergrund, sondern vielmehr das WIE, das den Inhalt beeinflusst. Angela Schanelec verzichtet in ihrem Film beispielsweise gänzlich auf Ellipsen. Man bleibt stets im Unklaren, wie viel Zeit vergangen ist und wie viele Wochen zwischen den einzelnen Ereignissen liegen. Aber eigentlich ist das auch gar nicht von Bedeutung, denn der Film verfolgt gar keine bewusste Handlungslinie. Vielmehr will der Film abbilden. Er will zeigen, sichtbarmachen. Und wird daher zu einer Projektionsfläche für den Zuschauer, der sich trotz aller Distanz zu den Figuren, mit ihnen und ihren Problemen identifizieren kann. Denn es sind Probleme, die irgendwie jeder aus seinem eigenen Leben kennt.

Dass sich der Film aber keiner dramaturgischen Struktur unterordnet, sondern eben „nur“ abbilden möchte, zeigt sich besonders in der Kameraführung. Die Kamera ist ihr eigener Herr und folgt, wenn überhaupt, den Figuren nur selten oder nur im Ansatz. Während normalerweise die Kamera den Figuren zu folgen hat, um die Dramaturgie zu unterstützen und Dinge hervorzuheben, kehrt Angela Schanelec das Prinzip um: die Kamera sucht sich ihre eigenen Bilder. Wenn die Figuren dabei aus dem Bild gehen, oder gar nicht erst zu sehen, sondern nur zu hören sind, dann zeigt dies die Unterordnung der Figuren der filmischen Struktur. Besonders deutlich wird dies in der Szene im Park nach einer Hochzeit: Thomas‘ Schwester und ihr Mann gehen einen Weg entlang. Die Kamera fährt aus weiter Ferne mit dem Paar mit, bis es plötzlich stehen bleibt. Zur dramaturgischen Unterstützung würde normalerweise die Kamera auch anhalten und das Paar fokussieren. So jedoch nicht Angela Schanelec. Sie lässt die Kamera einfach weiterfahren, während man das Paar nur noch aus dem Off hört. Von der anderen Seite kommen dann Valerie und Thomas ins Bild und laufen auf die beiden zu, bis auch diese wieder aus dem Bild verschwinden. Kurz darauf kommen dann alle vier Personen ins Bild gelaufen. Obwohl man meinen könnte, dass Angela Schanelec damit die filmische Dominanz zum Ausdruck bringen will, passiert eher das Gegenteil. Auch wenn die Kamera die Oberhand hat, wirkt sie dennoch so zufällig und unaufdringlich.

Ein weiteres Argument, dass der Film keine Metaebene verfolgt, sondern nur sichtbar machen möchte, sind die Tanzszenen. Es sind drei über den Film verteilt zu finden, und es wirkt, als sei keine davon von großer symbolischer Bedeutung. Aber deshalb sind sie nicht ausdruckslos. Vor allem der Tanz zwischen Valerie und ihrem Bruder in der Dorfdisco. Obwohl das Verhältnis zwischen den beiden oft sehr distanziert wirkt, da sie nur noch wenig verbindet, wirken sie auf der Tanzfläche so vertraut miteinander. Vielleicht unterstützt durch das Bewusstsein, dass es nach dem Tod des Vaters nur noch sie beide gibt.

Wie mit den Ellipsen verzichtet Angela Schanelec auch gänzlich auf Musik. Das sorgt für eine Betonung der Dialoge, auf die man sich somit viel mehr konzentrieren kann. Somit gibt es keine spezifische Betonung bestimmter Szenen (zumindest nicht von musikalischer Seite), da lediglich die üblichen Hintergrundgeräusche zu hören sind. Autos, Vögel, Unterhaltungen,…Normalität eben.

„Mein langsames Leben“ ist ein wunderbares Abbild des menschlichen Lebens in einem völlig atmosphärisch dargestellten Berlin. Er behandelt alltägliche Probleme und Sorgen, wodurch er nie langweilig wird, da er so viele Identifikationsmöglichkeiten bietet. Um nochmal Angela Schanelec zu zitieren: „[…] Ich hab‘ mich gefragt, was passiert, wenn man versucht, sich an nichts als an die Normalität zu halten…“

Es passiert ein wunderbarer und authentischer Film über uns.

Mein langsames Leben
Reg.: Angela Schanelec
mit Ursina Lardi, Andreas Patton, Anne Tismer, Wolfgang Michael, u.v.m.
Deutschland, 2001; 85 min