Last Chants for a Slow Dance

Last Chants for a Slow Dance offenbart sich als ein Roadmovie mit Zwischenstationen, die der zum Scheitern verurteilten Alltagsflucht von Hauptperson Tom Bates als bestätigendes Element seiner Resignation dienen. Zu Beginn des Films sitzt er am Steuer seines Autos – neben ihm ein Anhalter, den er später auf die Straße setzt, weil er seinen Ansichten widerspricht – und wirkt für kurze Zeit wie ein Steve McQueen in seinen besten Jahren, durch seine Hasspredigt auf alles und jeden gar cool und abgebrüht, jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich eine tiefe Verzweiflung zu seiner Frustration gesellt.
Er schimpft über Frau und Kinder, die er niemals wollte. Für ihn sind alle Frauen ohnehin nur „Pussies“ und was er möchte ist weit weg von seinen alten Lasten sein und in erster Linie drei Dingen frönen: fahren, saufen, vögeln. Die Straße stellt hier den scheinbaren Fluchtweg dar und ist in ihrem monotonen Verlauf ein Ausdruck Bates Rastlosigkeit auf seiner Suche nach einem besseren Leben und Arbeit. Für ihn zählt nur das „Weg“ und nicht etwa das „Hin“, inszeniert in körnigen 16mm-Bildern, die nicht wie sonst üblich von vorne, sondern stets vom Heck des Wagens aus aufgenommen wurden. Wohin es gehen soll, ist nur wenig von Bedeutung, hauptsache, der Weg führt weg; weg von ihm selbst, weg von seinem Zuhause. Jedoch was er auch tut: Er holt sich selbst immer wieder ein und kommt nicht von seinem Alltag frei. Sein Frust kulminiert zusehends, scheint hin und wieder durch seine bröckelnde Fassade hindurch und entlädt sich schlussendlich in einem verheerenden Ausbruch.

Jost inszeniert die schrittweise Eskalation Bates in langen Einstellungen und wechselt zwischen Farb- und Schwarz-Weiß-Sequenzen, bei denen farbliche Akzente gesetzt wurden. So liegt in einer Bar ein spiegelverkehrter roter „Cafe“-Schriftzug über Bates Kopf und fungiert als visueller Fixpunkt in der sonst farblosen Szene. Er führt dort ein Gespräch über die Beschissenheit der Dinge mit einem Sitznachbarn. So werden die Alltagsrituale Rauchen, Kaffee trinken und Zeitunglesen zum Symbol Bates’ ritueller Lebensweise, aus der er verzweifelnd versucht, auszubrechen. Nach einem Streit mit seiner Frau Darlene, die ihm erzählt, sie sei schwanger, stellt dies ein weiteres bezeugendes Moment seiner seelischen Degeneration und deren Unumstößlichkeit dar, der er anschließend versucht, mit einem Seitensprung entgegenzuwirken. Die Sexszene ist eine Plansequenz unter vielen, farbig ist lediglich das Bild des Fernsehers, der die Sexgeräusche übertönt und die visuelle Aufmerksamkeit auf sich zieht, zumal man sowieso nur die Beine der beiden zu sehen bekommt. Und auch wenn der Sex ein Moment der Befreiung zu sein scheint, geht die Welt um ihn herum ihre eigenen Wege und schert sich nicht um Bates’ Arbeitslosigkeit, dessen Angst vor Verantwortung und die Unerträglichkeit seiner Existenz. Nach dem One-Night-Stand telefoniert er noch ein letztes Mal mit seiner Frau. Wie üblich wird gestritten und sich beschimpft. Der Kreis, in dem Bates gefangen ist, bleibt geschlossen.

Drastisch arrangiert Jost den vermeintlichen Ausbruch aus der Endlosspirale: Er zeigt die Enthauptung eines Hasen, dem anschließend die vorderen Gliedmaßen abgetrennt werden. Diese Szene markiert den umgelegten Schalter in Bates Gehirn, sozusagen den cerebralen “Klick”, der ihn dazu führt, einen Mann, dessen Wagen liegen geblieben ist, erst auszurauben und dann zu erschießen. Erschöpft zählt er im Anschluss an die Tat das gestohlene Geld und fährt kurz darauf ins Nirgendwo, untermalt von melancholischer Country-Musik, wie sie durch den ganzen Film hindurch zu hören ist und in erster Linie einen Abgesang auf das Leben versinnbildlicht. Denn Bates’ Ausbruch führt ihn augenscheinlich in den nächsten Kreislauf, was Last Chants for a Slow Dance zu einem eindringlichen Film über die Festgefahrenheit der Dinge und die Trostlosigkeit mancher Lebensrealitäten macht, quasi zu einem rekursiven Roadmovie, das einen Moment der Freiheit nicht einmal erahnen lässt.

1977 | 16mm | Color | Sound | 90 minutes
Producer, writer, director, editor and cinematographer : Jon Jost
With: Tom Blair, Steven Voorheis, Jessica St. John, Wayne Crouse, Mary Vollmer, John Jackson
Official selection: Edinburgh, Toronto, Florence and Sydney Film Festivals