Julius Othmer über Bewegung und Nichtbewegung im Antikriegsfilm Jarhead

Julius Othmer ist Referent für Medien in Lehre und Studium an der Technischen Universität Braunschweig.

 

 

 

 

Über welchen Film reden wir heute?

Über Jarhead (R: Sam Mendes, USA 2005) mit Jack Gillenhall in der Hauptrolle. Ein Antikriegsfilm von 2005. Er wurde in der Frage stark diskutiert, ob es ein Antikriegsfilm oder ein Kriegsfilm ist, weil er sich in der politischen Haltung sehr zurücknimmt. Dazu ist interessant, dass es nicht eine einzige klassische Kriegsszene gibt.

Also geht es nur um die zwischenmenschlichen Beziehungen?

Ja, also ein Stück weit. Er beruht auf der Biografie des Hauptcharakters: Er ist als 20-Jähriger als Soldat im Irakkrieg, dort wird er in einem Drillcamp zum Scharfschützen ausgebildet. Die Stimmung ist dem Krieg gegenüber euphorisch aufgeladen. Die Soldaten schauen nach der Ausbildung zusammen Apokalypse Now (R: Francis Ford Coppola, USA 1979) und feiern diesen Film. So wird auch die bekannte Szene, die mit dem „Ritt der Valküren“ unterlegt ist, gezeigt, in der ein vietnamesisches Dorf ausgelöscht wird. Die Soldaten fühlen sich dadurch angespornt. Das finde ich aus einer Bewegungsperspektive schon spannend: Es geht um ein gemeinsames Vorwärts. Dann kommen die Soldaten in den Irak. Es ergeben sich zwei Kriegsteile: Zu Beginn ihres Einsatzes sitzen sie mehrere Monate lang in der Wüste und machen gar nichts: Keine Bewegung, absoluter Stillstand. Ihnen ist nur langweilig, sie betrinken sich, haben persönliche Krisen und weiteres. Und dann fängt plötzlich der Einsatz an. Das spannende hierbei ist, dass sich der Teil des Krieges, der maschinell geführt wird, viel schneller bewegt als die Soldaten. Sie bekommen den ganzen Kriegseinsatz gar nicht mit, sondern laufen los und stellen fest, dass alle anderen schneller sind als sie. Sie sehen ab und zu einen Helikopter oder einen Jet, kommen aber selbst nie zum Kriegseinsatz. Sie sind total „geil“ darauf Menschen zu erschießen, treffen jedoch keine mehr an. Sie laufen schließlich diese lange Straße bis nach Bagdad und treffen nichts außer verbrannten Menschen und ausgebrannte Panzer an.

Es geht also auch um die zweite Industrialisierung des Krieges?

Ja, sozusagen. Es geht auch um dieses Bild: Sie sind zu unbeweglich, zu langsam, um selbst Teil des Krieges zu sein. Und das ist spannend, weil es eine Perspektive des Krieges ist, in der man keine schnelle Verstörung und aktive Aktivisten sieht, sondern gerade am Anfang die Langeweile und die Nichtbewegung. Sie sitzen eine Dreiviertelstunde des Filmes nur in einer Zeltstadt in der Wüste und können sich nicht bewegen. Und dann laufen sie zu Fuß los, gehen den Weg, den sie in ihrem Selbstverständnis als durchtrainierte Kampfmaschinen gehen müssten. Aber der maschinelle Krieg hat sie überholt und sie sehen nur das was übrigbleibt. Das Ganze endet damit, dass sie gegen Ende noch einen Spezialeinsatz bekommen. Doch kurz vor Erfüllung dessen ist der Krieg beendet. Sie bekommen Abbruch-Befehle und werden abgeholt.

Das bedeutet, sie sind als „menschliche Ressourcen“ überflüssig geworden?

Genau. Sie sind überflüssig geworden, gehen aber dennoch am Krieg selbst kaputt. Zum einen, weil sie das ganze Leid gesehen haben, zum anderen weil sie sich über Wochen im Lager quälen und anschließend gar nicht wissen, was sie im Irak eigentlich sollen. Sie werden von aktiven Teilnehmern zu passiven Beobachtern, die aktiv sein wollen, aber in ihrer Bewegung nicht schnell genug sind. Es ist eine gewisse Erstarrtheit in der Bewegung.

Was hat der Film für eine Wirkung auf den Rezipienten?

Er ist sehr komisch zu betrachten. Wenn man vorher nichts von dem Film weiß, sieht man erst einmal das Ausbildungslager, was man aus vielen Filmen dieser Richtung kennt. Genretypisch werden die Soldaten dann meist in eine Situation geworfen, in der sie sich zurechtfinden und agieren müssen. In diesem Fall existiert zwar die Erwartung auf diese Situation, sie selbst tritt aber nicht ein. Dieses Warten könnte der Film noch deutlicher machen: Er ist sehr kritisch für einen Blockbusterfilm aber an vielen Stellen doch zu sehr auf Unterhaltung ausgerichtet, statt dem Stillstand und dem Warten wirklich Raum zu geben. Es wird nicht jede Situation wie zum Beispiel im Camp grenzenlos ausgehalten. Man hätte die Langeweile noch stärker ausdrücken können, trotzdem wird sie schon ziemlich klar.

Dann findet man sich als Rezipient doch in den Darstellern wieder? Man hat Erwartungen an den Krieg(sfilm), die nicht erfüllt werden?

Genau. Das Schöne an dem Film ist, dass es bei vielen anderen Filmen immer eine klare Position gibt. Ein klares Pro oder Kontra. Und das hat man hier einfach nicht. Man sieht wie diese Menschen seelisch kaputtgehen und wie der Irak als Land und die dort lebenden Menschen zerstört worden sind. Man hat aber keine Begründung, es gibt auch keinen richtigen Schuldigen im Film. Da nimmt er sich sehr zurück. Es geht nicht um das amerikanische Militär oder die Diktatur im Irak, sondern um das Dazwischen. Ich glaube deshalb wurde der Film auch so unterschiedlich wahrgenommen.

Hat der Film einen bestimmten Adressaten?

Da er politisch so unklar ist, hat er auch keinen richtigen Adressaten, er ist weder Kriegs-Action-Kino noch wirklich tiefgründiger Antikriegsfilm. Deshalb ist es ein Film mit einem theoretisch breiten Publikum. Es gibt keinen klassischen Helden oder einen sympathischen Antihelden, sondern auch der Hauptcharakter wirkt distanziert und wird unterspielt. An ihm gibt es ganz wenig Regungen.

Das heißt, man ist gezwungen sich selbst mit dem Film auseinanderzusetzen. Es gibt keine Möglichkeit, sich auf den Film einzulassen?

Genau.

Hat der Film einen dokumentarischen Anteil?

Er ist nicht dokumentarisch erzählt. Die Charaktere sind entweder typische Klischeesoldaten oder ergeben sich aus der Vorlage der Biografie. Aber es ist schon so, dass er eine für mich als Person ohne Kriegs-  und Soldatenerfahrung glaubwürdige Sicht auf das Soldatenleben in diesem Krieg zeichnet, die meist authentisch wirkt.

Gibt es noch etwas, was du erwähnen möchtest?

Ich habe lange nach einem Film über das Thema Bewegung gesucht. Man hätte den Stillstand der Soldaten noch viel konsequenter umsetzen können. Aber das im Camp sitzen und sich nicht bewegen dürfen, obwohl man es möchte, ist ein sehr spannender Gedanke. Nichtbewegung ist für mich eine sehr interessante Bewegungsform und der Grund warum ich diesen Film ausgewählt habe.

Das Interview führte Michaline Saxel