Jon Jost – Die Retrospektive

PortraitDie bekanntesten Filme von Jon Jost datieren aus den frühen 90er Jahren: “All the Vermeers in New York” (1990) und “The Bed you sleep in” (1993) machten Jost für einige Jahre zu einem wichtigen Vertreter des amerikanischen Independent-Kinos. Das Independent-Kino begann sich zu jener Zeit aber schon langsam zu dem zu verändern, was es heute ist: Filme, die sich von den großen Studioproduktionen hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass ihr Budget sich noch im zweistelligen Millionenbereich bewegt. Independent-Filme in den 80er Jahren waren Filme, die ohne großes Budget entstanden, meist als erste, zweite oder dritte Filme eines Regisseurs. In ihrer Art zu erzählen als auch in der Bildsprache, dem Einfallsreichtum und der Montage waren sie radikal anders als der Rest des Erzählkinos. Jim Jarmuschs “Permanent Vacation” (1980) ist so ein Beispiel, aber auch die frühen Filme von Gus van Sant. Und obwohl beide Regisseure zwischendurch doch mitunter recht erfolgreiche und im Vergleich zu ihrem Frühwerk sehr angepasste Filme gedreht haben, sind sie doch gerade in den letzten Jahren wieder zu ihrem eigensinnigeren Stil zurückgekehrt: Jim Jarmusch drehte den wunderbaren “The Limits of Control” (2009), den keiner mag, und Gus van Sant schickte mit “Gerry” Casey Affleck und Matt Damon auf einen einsamen und filmisch höchst ungewöhnlichen Wüstentrip. Den Erfolg dieser beiden Regisseure hat Jost nie gekannt, und seine Filme sind immer mehr oder weniger experimentell und anders geblieben.

Vielleicht liegt das daran, dass Jost entscheidende 10 Jahre älter ist als die Generation, die mit den Independents Erfolg hatte, dass er zum Filmemachern auch über die politische Arbeit gekommen ist und dass er seine Filme auch immer in einem Kunstkontext angesiedelt hat. Neben zahlreichen Festivalaufführungen und -preisen sind seine Filme auch in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York. 1997 hatte die Documenta ihn eingeladen, einen Film für Ausstellung zu drehen – was aber scheiterte, dafür Jost aber vom Film zum Video brachte. (Man kann die Geschichte auf seinem Blog nachlesen: http://cinemaelectronica.wordpress.com/2011/03/29/end-of-the-line/ – überhaupt, seine Blogs: http://cinemaelectronica.wordpress.com/ & www.jonjost.wordpress.com sind zwei der interessantesten Filmemacher-Blogs. In erster Linie schreibt Jost hier recht wütende und bissige Kommentare zur aktuellen (amerikanischen) Politik. Dabei bestehen weite Teile der Posts aus Fotostrecken, eigenen Bildern und gefundenen, die das Geschriebene oft nicht bloß bebildern sondern weiterführen und dabei in Art einer Montage funktionieren, d.h. die recht unterschiedlichen Bilder erzählen selbst auch eine Geschichte. Zwischendurch berichtet er aber auch von seinen Filmen (und den Anstrengungen, die damit verbunden sind.)) Das Video hat Josts Art Filme zu machen stark verändert. Seine Filme wurden experimenteller aber auch dokumentarischer und essayistischer. Im Filmkontext wird er seitdem (natürlich – leider) deutlich weniger wahrgenommen.
Seit 2007 war er Professor an der Kunsthochschule in Seoul, kündigte aber diesen Job vor einigen Monaten, warum, steht hier: http://cinemaelectronica.wordpress.com/2011/06/15/unemployed-again/

Jon Jost

Rembrandt Laughing

Jon Jost ist ein Filmemacher, den es definitiv noch zu entdecken gilt. Seine sehr unterschiedlichen Filme sind sicher nicht nach jedermanns Geschmack, der ein oder andere verlangt selbst Jost-Kennern noch Geduld ab. Aber man spürt ihnen allen eine Getriebenheit, eine Suche an, eine Neugier auf etwas, das noch gefunden werden muss und das nicht in den bereits ausgetretenen Pfaden des Filmemachens liegt.