Interview Markus Kuhn

24950020(1)Zur Vertiefung unseres “Biografie”-Schwerpunktes haben wir uns kürzlich auf den Weg nach Hamburg gemacht. Prof. Dr. Markus Kuhn, Professor an der Universität Hamburg, hat uns dort empfangen und uns Rede und Antwort rund um das Thema gestanden. Da der biografische Spielfilm zu seinen Hauptarbeitsgebieten zählt, entwickelte sich ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch.

Was ist für Sie eine Filmbiografie, ein Biopic, ein biografischer Film? Gibt es da Abgrenzungen oder fällt das alles unter den Oberbegriff „biografischer Film“?

Man findet tatsächlich sehr viele verschiedene Definitionen. Ich würde sagen, man sollte nicht versuchen, die Begriffe voneinander zu trennen und einzeln zu definieren, sondern den Begriff Biopic so klar wie möglich zu fassen, dann aber auch die Grenzbereiche zu betrachten. Ein Biopic ist erst einmal ein fiktionaler Film, der ein Leben einer Person repräsentiert, die tatsächlich außerfilmisch gelebt hat und die einen gewissen Grad an Bekanntheit, Exemplarität oder Popularität erlangt hat. Das ist eine recht weite Definition, die gut zum Forschungsmainstream in Westeuropa und den USA passt. Davon gibt es natürlich verschiedene Abweichungen; manche Autoren sind beispielsweise der Ansicht, dass ein Biopic im Film den Namen der realen Person aufweisen sollte – dies ist bei über 90 % aller Biopics auch der Fall. Es gibt aber auch Ausnahmen, die trotzdem dazugehören. Beispielsweise gibt es im Film I’m not there (USA 2007, R: Todd Haynes) keine Figur, die Bob Dylan heißt, obwohl der Film als Puzzlebiografie über Bob Dylan bezeichnet wird. Dieser Film enthält sehr viele biografische Bausteine aus Bob Dylans Leben und spielt bewusst damit, dennoch keine Figur so zu nennen. Oder nehmen wir Citizen Kane (USA 1941, R: Orson Welles), mehr oder minder ein Biopic über den Medienmogul William Randolph Hearst, der zu der Zeit in den USA eine unheimliche Medienmacht hatte und der auch versucht hat, zu verhindern, dass dieser Film in die Kinos kam. Hier wurde der Name der biographierten Persönlichkeit nicht genannt, weil die Produzenten Schwierigkeiten befürchteten. Und es waren trotzdem noch genug biografische Spuren im Film enthalten, um für Probleme zu sorgen.

Also ähnlich wie bei dem Film The Devil Wears Prada (USA 2006, R: David Frankel) und Anna Wintour, die ja auch im Film nicht erwähnt wird, aber offen als Grundlage dafür genannt wurde.

Genau. Deswegen würde ich mir bei diesem Genre immer auch die Grenzbereiche mit anschauen und die Definition entsprechend weit wählen.

Wie sind Sie zum Forschungsfeld Biopic gekommen?

Über die Kunstgeschichte. Ich habe Literatur- und Medienwissenschaften sowie Kunstgeschichte studiert und fand es sehr interessant, wie Künstler, vor allem Maler, im Film repräsentiert werden, auch wie Malerei im Film repräsentiert wird. Film hat eine visuelle Dimension, Malerei hat eine visuelle Dimension; aber Film hat natürlich auch eine auditive Dimension und die Dimension des bewegten Bildes, was Malerei ja nun nicht hat. Ich habe mich mit Filmen beschäftigt, die Kunst repräsentieren und nichts Biografisches beinhalten, vor allem aber mit Biopics, in denen auf interessante Weise mit der Ästhetik des Künstlers gespielt wird. Das fand ich so spannend, dass ich da drangeblieben bin.

Ganz allgemein würde ich sagen, dass mich Künstler, Musiker, Schriftsteller, besondere Politiker, Bürgerrechtler, kurz: außergewöhnliche Persönlichkeiten interessieren und ich es spannend finde, wie diese Menschen filmisch repräsentiert werden. Ursprünglich kam ich von den Künstler-Biopics, und das hat sich dann erweitert auf alle anderen. Was ich aber auch zugebe, ist, dass man manchmal auch zu viel von diesem Genre haben kann. Eigentlich ist es ja ein langweiliges Genre – wir wissen, dass ein Biopic über eine verstorbene Persönlichkeit mit deren Tod endet, oder maximal noch den Nachruhm andeutet. Klar gibt es da Ausnahmen, die dann beispielsweise nur die Jugend des Helden betrachten. Das wird sehr gerne gemacht – die jungen Jahre von Goethe, die jungen Jahre von Schiller, die Aufbruchsjahre, in denen alles noch vor ihnen liegt. Aber Biopics können auch sehr deprimierend sein, gerade diese Aufstieg-und-Fall-Geschichten wie beispielsweise in Amadeus (USA 1984, R: Milos Forman) oder Basquiat (USA 1996, R: Julian Schnabel). Wenn man 25 Biopics nacheinander geschaut hat, dann hat man erst einmal genug.

Biopics sind ja in gewisser Form parasitär; sie leben davon, dass die Person, die sie repräsentieren, sehr berühmt geworden ist. So bekommt auch ein recht schlechtes Biopic Publikum, weil jeder das erste Biopic über Falco, Uschi Obermaier oder wen auch immer sehen möchte. Es gibt Persönlichkeiten, die sind grundsätzlich interessant. Es kommen dann auch einige ins Kino, die eigentlich nicht viel ins Kino gehen, weil sie von einem Film über Frida Kahlo gehört haben, für die sie sich schon lange interessieren.

Filme wie 12 Years A Slave (USA 2013, R: Steve McQueen) funktionieren auch ohne populäre Hauptperson – da steckt dann vermutlich einfach das Interesse an realen Lebensgeschichten dahinter.

Genau, abgesehen von Biopics über populäre Personen gibt es auch Biopics über exemplarische Personen; Personen, die gar nicht berühmt geworden sind, die aber exemplarisch für eine Idee, eine Sache, ein Volk, eine Bevölkerungsgruppe, ein soziales Milieu, ein Großereignis, eine Epoche etc. stehen. Nicht zuletzt interessieren wir uns grundsätzlich alle für Lebensgeschichten.

Das Prädikat „based on a true story“ zieht ja auch einfach das Publikum an. Oder wenn man an Inside Llewyn Davis (USA 2013, R: Joel & Ethan Coen) denkt, der beworben wurde als Film über den Typen, der eben nicht Bob Dylan geworden ist, über jemanden, der wahrscheinlich für tausende erfolglose Folkmusiker im New York der sechziger Jahre steht.

Tolles Beispiel, denn auch mit diesem Film bewegen wir uns wieder an einer der Grenzen der Definition – ist es ein Biopic oder nicht? Er erfüllt zwar nicht das Kriterium der berühmten biographierten Persönlichkeit, zieht aber trotzdem mit dem Namen einer berühmten Person das Publikum an, und spielt genau damit, dass es zu der Zeit in New York vielleicht 40 oder 50 Folkmusiker gab, die versucht haben, sich mit ihrer Musik durchzuschlagen. Exemplarisch für all diese wird nun dieses eine Leben inszeniert. Durch den Fokus auf das Exemplarische muss man sich auch nicht streng an eine bestimmte Biografie halten, sondern kann einfach die für den Film interessantesten Versatzstücke zusammenfügen. Deswegen befindet sich der Film an der Grenze des Genres. Der Film erfüllt aber einige zentrale Aspekte des Biopics und wurde ja auch so beworben, nur dass eben der Faktor der Berühmtheit gespiegelt wurde.

Welche Biopics halten Sie denn für gelungen oder sogar sehr gelungen, und warum? Wann halten Sie ein Biopic für nicht gelungen?

Das ist ja immer so eine Frage, die man gerade als Wissenschaftler schwer beantworten kann. Man weiß als Wissenschaftler um die Bedeutung eines Films für ein Genre, für eine historische Epoche, und so weiter – ob man den Film dann persönlich für gelungen hält, ist erst einmal sekundär. Beim Biopic gibt es unglaublich viele spannende Beispiele, die für ihre Zeit interessant sind, beispielsweise die frühen Biopics, die teilweise noch als Stummfilm erschienen sind oder die Abel Gance-Biopics aus Frankreich. So etwas schaut man heutzutage aber eher aus filmhistorischen Interesse. Dann gibt es viele Biopics aus den USA der dreißiger oder sechziger Jahre, die mit unglaublich viel Pathos daherkommen. Zum Wohl der Menschheit erbringt ein Einzelner ein kleines Weltwunder und muss sich dabei immer gegen alle anderen durchsetzen, da er der einzige fortschrittliche Mensch ist. Die gesamte Gesellschaft um ihn herum ist rückständig und nicht zukunftsorientiert – das Publikum ist natürlich immer auf der richtigen Seite, weil es ja weiß, dass Edison seine Erfindung durchgesetzt, Zola seine Bücher geschrieben, Michelangelo das Deckenfresko der Sixtina gemalt hat oder dass jemand ein wichtiger Schriftsteller oder Politiker geworden ist. Das wird dann extrem ausgespielt bis hin zur häufigen Gerichtsszene am Ende, in der sich der Held rechtfertigen muss, in der der Funke im letzten Moment überspringt. Solche Biopics sind wissenschaftlich und historisch betrachtet sehr interessant – aber oftmals too much für den heutigen Geschmack.

Aber was ist trotzdem gelungen? Ich greife mal eins von vielen gelungenen Beispielen heraus: Basquiat (USA 1996, R: Julian Schnabel), ein Biopic über den Künstler Jean Michel Basquiat. Der Regisseur Julian Schnabel war zu Basquiats Zeiten selbst Künstler und noch kein Regisseur, weswegen der Film gar nicht so professionell und genrekonform gemacht ist. Schnabel greift einzelne Episoden aus dem Leben Basquiats heraus, die der Zuschauer dann chronologisch präsentiert bekommt, aber selbst zueinander in Bezug setzen muss. Der Film arbeitet viel mit Musik und Symbolen. Basquiat war ein Straßenkünstler und es geht im Film nicht so sehr um die fertigen Kunstwerke, sondern um Kunst als Prozess und Lebensstil. Viele bekannte Musiker und Schauspieler haben umsonst mitgewirkt, um dadurch eine Hommage an Jean Michel Basquiat zu schaffen. Dieser Film hat, glaube ich, für jeden intensive, teilweise auch absurd-intensive Momente. David Bowie spielt Andy Warhol; das ist einfach wunderbar anzuschauen, weil er so einen Spaß dabei hat, er genießt es richtig. Alle Schauspieler scheinen mit Leidenschaft dabei zu sein, auch viele, die nur kleine Rollen übernehmen. In diesem Sinne wird der Film nicht deshalb der Biografie gerecht, weil er ihr umfassend gerecht werden will, sondern deshalb, weil er einfach nur einige Szenen herausgreift, die intensiv ausgespielt werden. Dazwischen einige Symbolsequenzen und gezielt eingesetzte Musik. Ein Film, der nicht lautstark schön, der nicht pathetisch ist, sondern im Kleinen poetisch. Neben der klassischen Aufstieg-und-Fall-Geschichte Basquiats, der als Straßenkünstler von der Kunstszene entdeckt wurde, schnell Berühmtheit erlangte und ebenso schnell an Drogen und Exzessen und der eigenen Berühmtheit zu Grunde ging, charakterisiert der Film ganz nebenbei die Kunstszene dieser Zeit. Ich meine dieses Gieren nach Authentizität und die Ausbeutung einer Person, die der Szene eben jene Authentizität liefert, die dabei aber ganz schnell zur Pseudo-Authentizität, zur neuen Künstlichkeit wird und einen Künstler vernichtet, der sich zu stark geöffnet hat.

Sie haben ja schon ein wenig über die historische Entwicklung des Genres gesprochen. Was hat sich in der Erzählweise oder den Inhalten verändert im Laufe der Geschichte? Gibt es gewisse Aspekte, an denen man die Entwicklung des Biopics festmachen kann?

Bei anderen Genres lässt sich genau ausmachen, wann es eine Hochphase und wann ein Tief gab; der Western hatte beispielsweise in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts seine Hochphase und hat dieses Hoch nie wieder erreicht. Beim Biopic ist dies schwieriger, weil es hier ein ständiges Auf- und Ableben und zudem keine länderspezifischen Schwerpunkte wie bei anderen Genres gibt, da Biopics in vielen Ländern gedreht und geschaut werden. Außerdem lief die Weiterentwicklung der Formen und Strukturen des Biopic immer parallel zu einem bewussten Beibehalten klassischer Formen ab. Heute gibt es immer noch ganz konventionelle Biopics, was zum Teil daran liegt, dass Biopics oft auch Fernsehfilme sind und sich manchen Künstlern und Politikern mit einem klassischen Biopic angenähert wird.

Biopics sind in der Geschichte häufig ideologische Filme, dies ist auch gerade bei amerikanischen Biopics zu erkennen. Es geht um herausragende Persönlichkeiten, die ihrer Zeit voraus sind und sich gegen eine Gesellschaft oder Konventionen stellen, um etwas durchzusetzen, die etwas Innovatives zum Wohle der Menschheit tun und dabei fast alles in Kauf nehmen. Das ist ein Muster, das sich problemlos mit verschiedensten Ideologien aufladen lässt.

Dieses klassische Modell des Biopics lässt sich deshalb auch im Faschismus finden: Unter nationalsozialistischer Kontrolle sind viele Biopics produziert worden. Natürlich sind gerade diese Filme einer deutlichen Manipulation unterworfen. Die harten biograpischen Fakten stimmen, jedoch wird dann zum Beispiel eine spezifische, nicht historisch verbürgte Gegenfigur entwickelt oder es werden Nebenfiguren über ihre geschichtliche Relevanz hinaus ausgebaut. Als Beispiel könnte man den Film Rembrandt (D 1942, R: Hans Steinhoff) nennen. Hier wird aus einem Maler ein ‚Durchhalte-Künstler‘: Rembrandt lebt in Armut und glaubt an ein künstlerisches Ideal, das größer ist als sein eigenes Leben und für das er bereit ist, selbst sein Leben zu opfern. Und wenn ich das so sage, klingt bereits die Ideologie durch: Es geht ums Durchhalten, das Volk, die Idee, den Heldentod für das ewige Reich … Es ist erschreckend, dass ein Film über einen Künstler, der viele Jahre zuvor irgendwo in Holland gelebt hat, derartig missbraucht werden kann, um eine Ideologie zu transportieren.

Nach dem zweiten Weltkrieg gibt es dann langsam zunehmend mehr Biopics, die in dem Sinne moderner werden, dass sie ein bisschen mehr Deutungsspielraum lassen und so dem Zuschauer die Möglichkeit geben, das Leben des Dargestellten selbst zu bewerten. Das machen die Filme auf verschiedene Art und Weise. Zum Beispiel, indem sie nicht mehr ganz so stark auf das Protagonisten-Antagonisten-Schemata setzen, indem sie die Thematik der Rückständigkeit der Gesellschaft im Vergleich zur Fortschrittlichkeit des Helden mehr in den Hintergrund rücken lassen, den Helden überhaupt mehr als Menschen zeigen oder formal freier sind und nicht mehr eine ganz klare Kausalkette erzeugen, in der sich ein Ereignis aus dem vorigen ergibt.

Dies ist auch das Geheimnis des Biopics, denn es hat immer wieder die gleiche Aufgabe: Es muss ein Menschenleben innerhalb von 90-120 Minuten erzählen und dabei auf einige Fakten zurückgreifen. Naheliegend ist natürlich, diese Fakten wie auf einer Perlenkette zu reihen, ohne die Zusammenhänge zu betonen; man kann sie aber auch in sehr typische Plotmuster einpressen. Letzteres machen ältere Biopics stärker. Das Liebesmotiv ist beispielsweise in einem Großteil dieser Filme zu finden. Es wird versucht, eine Kohärenz mittels erzählerischer Mittel in ein Leben zu bringen, welches vielleicht nie kohärent war. Das andere typische Mittel ist eben die bereits genannte Etablierung des Protagonisten als Helden, der sich gegen die Masse stellt.

Auf der anderen Seite haben wir dann Filme wie I’m Not There (USA 2007, R: Todd Haynes), die uns Puzzle-Stücke hinwerfen und uns sagen: „Mach du doch was draus.“ Dies ist die Entscheidung, die jedem Biopic zu Grunde liegt: Wie viel Freiheit gebe ich dem Publikum? Wie sehr führe ich es bei der Hand, um dieses Leben zu bewerten? Dies findet dann entweder auf der bereits besprochenen ideologischen Ebene statt, manchmal aber auch auf einer kunstgeschichtlichen: Wie bewerte ich das Werk eines Künstlers mit einem Biopic über seine/ihre Person? In Frida (USA 2002, R: Julie Taymor) erhalten wir einen sehr eindrucksvollen Blick auf ihre Kunst, aber auch eine recht eingeengte subjektiv-biografische Definition des Gesamtwerks von Frida Kahlo, mit der einige Kunsthistoriker bestimmt nicht übereinstimmen würden. Die subjektive Annäherung an die Kunst liegt dem Biopic natürlich nahe, aber sie kann in ihrer Ausprägung stark variieren. Frida lässt uns im Endeffekt ziemlich wenig Freiheit, die Kunst von Frida Kahlo zu interpretieren oder zu bewerten. Positiv zu nennen wäre hier Beispiele wie Love Is the Devil: Study for a Portrait of Francis Bacon (UK 1998, R: John Maybury) über das Leben von Francis Bacon, dessen Kunst wiederum nicht im klassischen Sinne schön ist, sondern häufig als „barbarisch“ oder „hässlich“ bezeichnet wird, was der Ambivalenz des Films zuspielt. Dieser Film gibt uns mehr Deutungsspielraum, ebenso wie Basquiat (USA 1996, R: Julian Schnabel) und I’m Not There (USA 2007, R: Todd Haynes).

Damit sind wir auch schon ein wenig bei einem weiteren wichtigen Punkt angekommen, wenn man über das Biopic spricht: Nämlich dem der Fiktion und Faktualität. Filme wie My Week With Marilyn (UK 2011, R: Simon Curtis) suggerieren dem Zuschauer ja, dass sie nun etwas über die historische Person dahinter wissen. Gerade bei diesem Film ist dies doch stark zu hinterfragen, da der Film auf einem Buch basiert, welches vom damaligen Regieassistenten Colin Clark verfasst wurde, der lediglich eine Woche die Dreharbeiten zu The Prince and the Showgirl (USA 1957, R: Laurence Olivier) mitverfolgte. Da ist schon zu erfragen, ob Biopics überhaupt in der Lage sind, adäquate Informationen zu liefern oder doch nur rein zur Unterhaltung dienen.

Also wenn ich mich wirklich festlegen müsste, dann würde ich sagen, dass Biopics eher Unterhaltung sind. Ich möchte mich aber ungern festlegen, also sage ich: Beides. Tendenziell sind die meisten Biopics, die wir kennen und vor allem jene, die ins Mainstream-Kino kommen, Filme mit starkem Unterhaltungsfaktor. Aber sie profitieren zugleich davon, dass sie eben nicht rein fiktional sind. Sie holen uns mit dem Versprechen „based on a true story“ ab und so liegt es auch im Interesse des Publikums, etwas über die Person und die Zeitgeschichte zu erfahren. Häufig bekomme ich als Zuschauer dann jedoch eine sehr zugespitzte und hingedrehte Interpretation eines Lebens, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss. Ich würde sagen, dass viele Zuschauer ein Biopic mit einer gewissen Erwartungshaltung sehen und dazu gehört auch, dass gewisse Eckdaten und Fakten stimmen müssen. Jene können aber dann ganz schön zurechtgebogen werden. Spekulierte Ereignisse im Leben der Persönlichkeit werden ausgeschmückt, Randfiguren wird viel mehr Spielraum gegeben als historisch nachweisbar. Dies ist teilweise aber auch notwendig, denn wir wissen beispielsweise nicht, wie Basquiat gefrühstückt hat, wir wissen nicht, wie der erste Kuss zwischen Frida Kahlo und Diego Rivera ausgesehen hat – und doch zeigt uns der Film eben solche Szenen, da er beispielsweise das Liebesmotiv stark machen möchte. Wir haben also zum einen eine Menge Füllmaterial im Biopic, zum anderen die Manipulation der erwarteten Eckdaten und Fakten, um die Spannungskette zu justieren. Ob eine Nebenfigur ein Jahr früher oder später im Leben des Protagonisten auftaucht, fällt schließlich den wenigsten Zuschauern auf – zumal die filmexternen Quellen ja auch nicht immer eindeutig sind. Eigentlich bekommen wir im Biopic nicht etwas über das Leben der Person mitgeteilt, sondern wir bekommen eine Lesart, eine Interpretation, eine Wertung dieses Lebens. Genau das gibt dem Genre einen ziemlich großen Spielraum, der manches Mal ruhig mutiger ausgeschöpft werden könnte. Ich finde, dass gerade die neuesten Biopics etwas zu vorsichtig sind. Ich würde gerne mal ein verrücktes Goethe-Biopic sehen, vielleicht auch einfach mal ein respektloses. Wir haben schon zu viele konventionelle Biopics über Goethe gesehen.

Auf Mozarts Leben bezogen hat Amadeus (USA 1984, R: Miloš Forman) da einen starken Beispielcharakter, denn durch den Film wurde die historische Figur Antonio Salieri einer kompletten Neuinterpretation unterzogen, die die gesellschaftliche Wahrnehmung beider Komponisten nachhaltig verändert hat. Historisch betrachtet weisen der Film und seine Vorlage jedoch eine mehr als fragwürdige Faktualität auf. Antonio Salieri gegenüber ist dieser Film, der freilich auf literarischen Vorlagen basiert, ziemlich unfair. Aber es ist ein gutes, unterhaltsames Biopic.

Hier steckt doch aber auch eine Gefahr oder ein Problem des Biopics, da dem Zuschauer, ähnlich wie beim Dokumentarfilm, eine „Wahrheit“ aufgetischt wird, die dann zu selten hinterfragt wird.

Der Punkt ist der: Fast jedes Biopic gibt implizit zu, dass es ein Spielfilm ist. Wir haben einen Schauspieler, der eine Persona verkörpert. Wir erfahren in Interviews und anderen Begleittexten, dass der Schauspieler so und so lange gebraucht hat, um sich erst einmal in die Rolle zu vertiefen. Dass er sich Tonbänder angehört hat, verreist ist oder zwei Wochen auf der Straße gelebt hat. Das zeigt eigentlich ganz deutlich, dass das Biopic ein Versuch ist, sich einer Sache anzunähern und bestimmte Aspekte zu rekonstruieren – aber es ist nie dokumentarisch. Der Anspruch auf Faktualität entspricht bei einem Dokumentarfilm der Konvention, bei einem Biopic nicht unbedingt. Ein Biopic sagt eigentlich nicht, dass jedes Faktum stimmen muss, es sagt nur „based on“. Irgendwie basiert es auf einer realen Figur, die von jemand ganz anderem gespielt wird. Und meist sind die Casting-Entscheidungen meilenweit entfernt von dem Aussehen und der Physis der historischen Person. Wer glaubt, dass der muskelbepackte Charlton Heston in The Agony and the Ecstasy (USA: 1965, R: Carol Reed) wirklich der eigentlich enorm hagere Michelangelo sei, ist selbst schuld.

Aber diese Grundspannung zwischen Faktualität und Fiktionalität macht das Biopic eben so faszinierend. Ein gutes Biopic zeigt, dass Biografie immer Rekonstruktion und Konstruktion zugleich ist. Wir rekonstruieren das Leben einer Figur, konstruieren dabei aber auch immer etwas Neues. Das ist ein besonders wichtiger Punkt beim Biopic: Nämlich, dass es nie in der Lage ist, zu zeigen wie es wirklich war. Aber, um es einmal ganz anders aufzurollen: Wie ist das denn eigentlich bei unser aller Leben, wie bei meinem Leben? Sind wir nicht alle auch ständig Autoren unseres eigenen Biopics? Es gibt mit Sicherheit Momente in jedem Leben, in denen wir das Gefühl haben, dass das Leben überhaupt keine Kausalität oder Kohärenz aufweist und dann wiederum Momente, in denen sich alles zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Wir liefern uns sozusagen selbst immer wieder Interpretationen unserer selbst, unserers Lebens, unserer Geschichte. Auch das macht das Biopic für uns spannend, denn es erzählt Geschichten über Menschen. Und Menschen scheinen sich immer auch über Geschichten zu definieren. Damit kommen wir zu einem faszinierenden Aspekt, der auch für die Erzähltheorie interessant ist: Warum ist das Erzählen ein menschliches Grundbedürfnis? Egal welches Medium wir nutzen, es geht immer auch um Geschichten. Weil wir selber Ereignisketten erleben, die wir mal als wirr und durcheinander wahrnehmen, mal als die eine große, kohärente Geschichte auffassen, mal als die andere. Sind wir dabei objektiv? Wenn Sie Ihr Leben auf einer Party nacherzählen, unterscheidet sich diese Version Ihres Lebens höchstwahrscheinlich stark von Ihrem Lebenslauf beim Bewerbungsgespräch. Zwei sehr unterschiedliche Biografien – und Sie würden wohl bei keiner von beiden sagen: „Ich lüge.“

Richtig, man wählt die Schwerpunkte anders aus.

Genau. Nur die Auswahl von – sagen wir – zehn Fakten aus dem Leben bewirkt schon eine Bewertung in die eine oder andere Richtung und wenn ich dann noch Figuren weglasse oder dazunehme, ob fiktional oder real, verändere ich die Geschichte ungemein: Michelangelo war wahrscheinlich homosexuell. In dem Michelangelo-Film aus den 1960er Jahren The Agony and the Ecstasy (USA 1965, R.: Carol Reed) haben wir eine Frauenfigur, Contessina de Medici, die in ihn verliebt ist. Diese Liebe kann Michelangelo im Film aber nicht erwidern, da er als Erwachsener – so suggeriert es der Film – statt eines realen Menschen die Kunst liebt. Das für Mainsstream-Biopics übliche Liebes-Motiv bekommt so die Funktion, den Zuschauern zu zeigen, wie leidenschaftlich ein Maler sein kann, der all die Liebe, zu der er fähig ist, der Kunst opfert. Als Jugendlicher, da war Michelangelo noch in die Contessina verliebt, als Erwachsener gibt es nur die Kunst. Was zugleich aber als Subtext passiert, ist, dass die homosexuelle Lesart ausgeschaltet wird, obwohl sie möglicherweise zutreffender ist.

Und genau so machen es viele Biopics. Das macht sie gleichzeitig gefährlich, gleichzeitig ideologisch, gleichzeitig spannend, gleichzeitig faszinierend. Ein weiterer Punkt, der bezüglich der Bewertung von Biopics wichtig ist: Auch all die anderen Bilder, die wir über die biographierten Personen jenseits des Films gesehen haben, all die Geschichten, die wir sonst gehört haben, sind medial vermittelt. Sie sind wahrscheinlich nicht alle fiktional, sondern vielleicht auch dokumentarisch und vielleicht nicht alle in Filmform vorhanden, sondern auch in Text- oder Bildform. Fakt ist: Wir haben die biographierten Personen in der Regeln nie persönlich kennengelernt und glauben trotzdem etwas über Sie zu wissen. Aber gerade diese Vermitteltheit aller Bilder und Geschichten über bedeutende Persönlichkeiten sollten wir berücksichtigen, denn häufig beginnt die (Um-)Interpretation nicht mit dem Biopic, sondern zuvor. Beispiel Michelangelo: Die Stilisierung seiner Person begann bereits zu seinen Lebzeiten mit den Biographien von Giorgio Vasari und Ascanio Condivi. Sie setzt sich durch alle Epochen, verschiedenste Gattungen, in unterschiedlichen Texten und in vielen Medien fort. Und das Spannende ist, dass man die filmische Hollywood-Interpretation von Michelangelo mit den Urtexten über ihn vergleichen kann und viele Gemeinsamkeiten seines Lebens in beiden Fassungen wiedererkennen kann. Es liegt sozusagen schon immer dadurch eine Interpretationen vor, dass die mediale Repräsentation immer ‚nur‘ eine Repräsentation und nicht die Sache selbst ist.

Die Frage ist ja auch immer, was der Begriff „realistisch“ überhaupt bedeutet. Im New Yorker Magazine erschien vor Kurzem ein Artikel über Nina Simone und über die Verfilmung ihres Lebens (Nina, USA 2014, R.: Cynthia Mort), in dem Zoe Saldana die Hauptrolle spielen soll. Diese Besetzung hat für großen Aufruhr gesorgt, da Saldana eine gebürtige Dominikanerin ist und ihre Haut wesentlich heller ist als die von Nina Simone. Die Nachfahren von Simone haben sich beschwert, da Saldana keinerlei Ähnlichkeit mit ihrer Vorfahrin habe. Das kann politisch bewertet werden, dass Regisseure gewisse Entscheidungen aus ideellen oder ästhetischen Gründen treffen oder auch aus anderen Gründen.

Wir haben ja in jedem Film ein Spannungsverhältnis zwischen Rolle und Schauspieler. Das prägt unsere Kinoerfahrung. Im Biopic kommt ein dritter Aspekt dazu: Wir haben die Rolle, den Schauspieler und den Biographierten als außerfilmische Persona. Diese drei Aspekte können sehr nah beieinander liegen, müssen es aber nicht. Gründe dafür können Entscheidungen filmästhetischer Natur oder produktionstechnische Faktoren sein. Diese Entscheidungen können dann aber Konsequenzen haben, die weit über die Produktion oder Ästhetik des Films hinausweisen, z.B. Konsequenzen politischer oder ideologischer Natur. Es geht dabei ja selten nur um den Film selbst, sondern um die Funktion, die die biographierte Persönlichkeit außerhalb des Films hat, ihre gesellschaftliche oder auch symbolische Stellung. Einfach gesagt geht es dann eher um den Diskurs über die Persönlichkeit als um den Film. Das zeigt, dass ein Biopic trotz seiner unterhaltenden Ausrichtung und fiktionalen Natur auch ein entscheidender Beitrag zum Diskurs über eine außerfilmische Person und ihre gesellschaftliche, politische und künstlerische Rolle sein kann. Als Beitrag zum Diskurs über diese Person sind Biopics dann häufig auch ein Beitrag zu politischen oder gesellschaftlichen Diskussionen. Und oftmals sind sie ein viel einflussreicherer Beitrag zum Diskurs als beispielsweise ein fundierter wissenschaftlicher Beitrag, weil sie ein Millionenpublikum erreichen. Biopics sind so gesehen also nicht nur ‘parasitär’, sondern leisten umgekehrt auch einen Beitrag zur Bekanntheit, Popularität und Bewertung der gezeigten Person. Gerade bei politischen Themen kann ein Biopic also schnell zu einem politischen Statement werden, bei künstlerischen Filmen schnell zu einem ästhetischen oder poetologischen Statement.

Auch Schauspieler können wiederum von einem Biopic profitieren und ihren Bekanntheitsgrad erhöhen. Popularität ist immer ein entscheidender Faktor und bei den großen Produktionen geht es immer auch darum, dass der Film ein kommerzielles Produkt ist, das mindestens die Produktionskosten wieder einspielen muss. Wenn ein Massenpublikum erreicht werden soll, kann eigentlich kein unbekannter Schauspieler für das Biopic genommen werden. So profitiert der Film von der Popularität des Schauspielers wie er auch von der Popularität der biographierten Persönlichkeit profitiert. Und der Schauspieler kann wiederum von der Popularität des Biographierten profitiert und – wenn es gut läuft – auch von der Herausforderung, die diese Rolle darstellt. Nicht zuletzt deshalb gelten Biopics oft als ‚Sprungbrett zum Oscar‘.

Gibt es noch Arbeiten über Biopics, auf die sie aufmerksam machen wollen?

Eine grundlegende Einführung mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen liefert mein Biopic-Artikel in unserer Einführung in die filmwissenschaftliche Genreanalyse (Kuhn, Markus: „Biopic“, in: Kuhn, Markus/Scheidgen, Irina/Weber, Nicola Valeska (Hg.), Filmwissenschaftliche Genreanalyse. Eine Einführung, Berlin/Boston: de Gruyter 2013, S. 213-239.). Ich glaube, dass sich das Buch insgesamt auch sehr gut für Leserinnen und Leser eignet, die keine Wissenschaftler sind, die Biopics und Genrefilme spannend finden, weil sie sich beispielsweise sehr für Filme interessieren oder gerne ins Kino gehen.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas zu dem Thema hinzufügen?

Ausgangspunkt jeder Betrachtung des Biopic sollte eine Definition sein, die klar auf den Punkt bringt, was ein Biopic ist. Bei diesem grundlegenden Punkt sollte man aber niemals stehen bleiben, sondern unbedingt schauen, was genau in diesem Genre passiert und die verschiedenen Spannungsverhältnisse betrachten, über die wir gesprochen haben. Das Spannungsverhältnis zwischen Fakt und Fiktion oder zwischen der Figur, dem Schauspieler und der außerfilmischen Persönlichkeit, die der Figur zugrunde liegt. Obwohl ein Biopic ganz einfach ein Film ist, der immer nach einem ähnlichen Schema funktioniert – er repräsentiert ein Leben in ca. 90 bis 120 Minuten – gibt es sehr viele Möglichkeiten und Varianten, kann das Biopic Funktionen haben, die sehr weit über den Film selbst hinausweisen. Das Genre des Biopic ist sowohl auf einer wissenschaftlichen als auch auf einer persönlichen Ebene äußerst interessant, weil Biopics Menschenleben repräsentieren und sie so gestalten, dass das Leben durch das spezifische narrative und dramaturgische Muster, in das es eingepasst wird, eine sinnhafte Struktur erhält. Das ist das Faszinierende am Menschen als ‘story-telling-animal’: dass der Mensch Stories verstehen, entwickeln, erzählen und genießen, darüber kommunizieren und nicht zuletzt damit arbeiten kann.

Das ist ein Faktor, der erklärt, warum Biopics nicht aussterben werden – weil eine Faszination für das Leben von Menschen in uns steckt und wir den Sinn darin erkennen und sehen wollen.

Das Interview führten am 26.08.2014 Laura Sophie Culik, Gesa Hattenhorst und Jens Wrobel.