„Im besten Sinne ist Graphic Novel Literatur.“ Ein Interview mit Ute Helmbold

helmbold_ute_135x170_135x170Ute Helmbold wurde 1958 in Bremen geboren. 1980 begann sie Kommunikationsdesign an der Universität GHS Essen zu studieren. Nebenbei arbeitete sie bereits als freie Art-Direktorin. 1987 entstand „Ein Mensch“, das erste offizielle Werk, indem sie sich mit der Verbindung von Bild und Text auseinandersetzte. Es handelt sich um zeichnerische Interpretationen von Texten des Dichters Eugen Roth. Ihr Diplom machte sie mit Auszeichnung im Bereich Illustration/ illustrative Darstellung bei Prof. Otto Näscher. Danach arbeitete sie vorerst freiberuflich als Illustratorin. Seit 1995 ist sie Universitätsprofessorin für zeichnerische Darstellung und Illustration an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig im Studiengang Kommunikationsdesign. 2013 veröffentlichte sie ihre neueste Graphic Novel, eine bildliche Verarbeitung Theodor Storms „Der Schimmelreiter“.[1]

Frau Helmbold, um auch unsere nicht fachinternen Leser abzuholen: Was macht eigentlich eine Graphic Novel gegenüber einem Comic aus?

Zunächst einmal ist der Begriff “Graphic Novel” ein Marketinginstrument, was seit einigen Jahren von den Verlagen eingesetzt wird. Grund dafür war, den Comic aus der (Schmuddel-) Ecke der Kinder- und gar Un-Literatur herauszuholen und salonfähig zu machen, mit dem neuen Begriff neue Märkte zu produzieren. Nachdem der (Comic-)Verlag Carlsen ein eigenes Logo für die G.N. eingeführt hatte, sprangen auch andere als Literaturverlage auf den Zug auf und veröffentlichten tatsächlich zum Teil nicht mehr als “normale” Comics.

Ursprünglich wird der Begriff G.N. in den frühen 20er Jahren gebraucht und meint tatsächlich das, was er sagt: Grafischer Roman, also ein in Bildern erzählter Roman. Der von europäischen Künstlern wie Frans Masareel und seiner “wortlosen Geschichte” “Die Sonne” beeinflusste amerikanische Grafiker Lynd Ward nannte seine erste Geschichte ” God’s Man” “A Graphic Novel in Woodcuts”.

Der Comic hingegen entstand aus dem Comicstrips: kleine, komische (Comic) in Serie erscheinende “Streifen”, die in Bild und Text erzählen und in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Die Geschichten und Erzählungen wurden komplexer und länger, waren meistens immer noch komisch und erschienen immer noch in Serien und wurden zu den klassischen Comics, die mit Sprechblasen, Panels, lautmalerische Bildzeichen und Typografie, handschriftliches Lettering, durch den Film inspirierte Dramaturgie arbeiten.

Ende der 70er Jahre nahm Will Eisner den Begriff G.N. wieder auf und meinte damit sein “A Contract With God”. Allerdings arbeitete er mit Text und entsprechenden Sprechblasen, nutzte also typische Comicmerkmale.

Soviel zur Geschichte. Wie sieht es heute aus?

Spätestens seit Art Spiegelman’s “Mouse” ist klar, was eine G.N. heute meinen sollte: Die Erzählung hat eine gewisse Relevanz, sie erscheint nicht in Serie (wie z.B. Superman, Asterix, Donald Duck, Tintin etc.) und ist durch den Künstler/ Erzähler geprägt. Trotz dieser drei Eckpunkte ist die Bandbreite der Erscheinungsformen einer G.N. naturgemäß extrem groß und Auslegungssache.

In neuester Zeit verstehen sich viele junge Bildautoren als Autoren von G.N. Weg vom klassischen Comichelden sprengen sie alle klassischen Comicmuster und stellen ihre persönliche Weltsicht und -Erfahrung in den Fokus ihrer Bilderzählungen. Dabei lassen sie jeglichem stilistischen und formalen Experiment freien Lauf. Der Begriff G.N. scheint also (wunderbare) neue Möglichkeiten zu eröffnen. Doch selbstredend geht es den Verlagen immernoch um Rentabilität. Die G.N. bleibt als Begrifflichkeit weiterhin unscharf, vermittelt aber einen gewissen Qualitätsanspruch. Ein Faktum, was nach Meinung des Journalisten Lars von Toerne durchaus dazu führt, dass der Comic nun in Abgrenzung zur G.N. abgewertet wird.

Es gibt zahlreiche Unterkategorien, die scheinbar ähnliches meinen: Buchillustration, Bildergeschichte, Bilderbuch, Comic(-Strip)…

Wo sehen Sie hier die Abgrenzungen?

Sicherlich lassen sich Abgrenzungen definieren, obwohl die Grenzen verschwommen sind. Klar abgrenzbar ist zunächst das Bild ohne textliche Begleitung und das Bild (oder mehrere Bilder), was, aus welchen Gründen auch immer, dem Text beigestellt ist, oder umgekehrt. Wo, in ersterem Fall, ein Bild aus sich heraus erzählen kann, entsteht, im zweiten Falle, eine Beziehung, die sich gegenseitig beeinflusst. Inwieweit diese Beziehung paritätisch ist oder zugunsten des einen oder anderen Mediums ausfällt, lässt sich unendlich variieren, einen Richtwert in Prozent gibt es nicht.

Dennoch scheint Comic noch immer ein größeres Massenmedium zu sein denn Graphic Novel. Wie ist ihr Bezug zu diesem Medium?

Tatsächlich habe ich Comic (wie Superman du Co.) nie, auch als Kind nicht, begeistert gelesen.

…aber sicher doch mal eine Comicverfilmung gesehen, die Ihnen gefällt?

Ja , natürlich!

Und welche Comicverfilmung ist Ihrer Meinung nach am besten gelungen?

Ganz klar Persepolis. Die plakativen und ungeheuer ausdrucksstarken Bilder des Comic haben das Laufen gelernt, ohne verkitscht zu werden. Er ist kaum animiert, ohne Effekte, mit einfachen grafischen und filmischen Mitteln ist den Bildern Leben eingehaucht. Gerade diese unaufgeregte Einfachheit verleiht ihm Witz und Charme. Das war sicher nur möglich, weil Marjane Satrapi selbst auch die Regie geführt hat.

Was fasziniert Sie persönlich so an Graphic Novels?

Als Illustratorin und Bildermacherin balanciert man immer zwischen den Aussage- und Ausdrucksmöglichkeiten von Einzelbildern und Bildsequenzen. Daher ist die Frage, wo ein Bilderbuch anfängt und ein Comic/ eine Graphic Novel aufhört unserer Arbeit implizit. Für mich war und ist immer die Frage präsent: Was kann Bild erzählen, ohne dass es durch Text erklärt oder bereichert werden muss.

Haben Sie einen Lieblingshelden bzw. -antihelden?

Habe ich nicht.

…oder sind Sie eher Fan von einem bestimmten Zeichner?

Ich schätze viele Zeichner und die sind alle keine “Comiczeichner”. Das fängt bei Daumier an und hört bei Steadman, Ungerer und Mattotti (gut, der hat auch Comics gezeichnet) längst nicht auf. Mich begeistern Zeichner, die den Prozess sichtbar werden lassen, die sich als Person in den Zeichnungen wieder erkennen lassen und die in aller Leichtigkeit selbstbewusste Linien und Striche setzen.

Wie würden Sie Ihren eigenen Stil in Sachen Graphic Novel beschreiben?

Ich denke, ich habe im Laufe der Zeit meinen ureigenen Zeichenstrich entwickelt. (Ich spreche ungern von Stil, denn dieser Begriff impliziert immer, dass “man ihn (gefunden) hat”, was bedeutet, dass man stehen geblieben ist und stehen bleibt und nicht weiter ausprobieren, experimentieren, entwickeln darf, denn dann könnte sich ja ein Stil verändern…)

Ich möchte natürlich viele Menschen erreichen, also viele Bücher verkaufen. Und ich wünschte mir, dass sich ein Markt für (experimentelle) Illustration etabliert, wie es ihn zum Beispiel in den Beneluxländern, Frankreich oder auch in Italien traditionell gibt.

Das Experimentelle scheint Ihnen in diesem Hinblick also sehr wichtig zu sein. Mit „Der Schimmelreiter“ haben Sie definitiv ein Experiment gewagt – nämlich einen Literaturklassiker in eine Graphic Novel umgewandelt. Was denken Sie ermöglicht die Graphic Novel im Gegensatz zur Literatur?

Graphic Novel ermöglicht nicht mehr und nicht weniger als Literatur. Im besten Sinne ist G.N. Literatur. Ich habe mit der Umsetzung des Schimmelreiter im Grunde versucht den Begriff G.N. auf eine eigene
Weise wortwörtlich zu nehmen: Dabei heißt “Graphic”= meine Bilder und “Novel”= Literaturvorlage. Ich wollte die Novelle “Der Schimmelreiter” nicht “nur” illustrieren. Und ich weiß, dass sich die Novelle nicht nur in Bilder ohne Worte übersetzen lässt. Ich wollte also Bilder und Text konsequent paritätisch (50%/ 50%) miteinander, wechselseitig wirken lassen. Dafür habe ich die wörtliche Rede aus dem Originaltext herausgestrichen. Den verbliebenen Erzähltext habe ich konsequent unter die Bilder platziert. Die Bilder erzählen den Schimmelreiter, der Erzähltext tut es sowieso. Das Layout sieht vor: oben Bilder, unten Text. Als Bindeglied und als quasi 3. Leseebene habe ich die wörtliche Rede den Bildern zugeordnet. Der Leser kann also nach Belieben durch die Seiten “meandern” und sich die Lesereihenfolge – ob zunächst Erzähltext, oder erst Bild – aussuchen. Mein Schimmelreiter ist also eher als Experiment zum Text-Bild-Verhältnis zu verstehen.

Haben Sie weitere literarische Werke als Graphic Novel in Planung?

Nicht in absehbarer Zeit… aber man soll ja niemals nie sagen…

Seit fast 20 Jahren sind Sie nun schon an der HBK. Was vermitteln Sie Ihren Studenten in Bezug auf den Umgang mit Bild-Text-Verbindung?

In der Lehre werde ich oft mit dem Wunsch von Studierenden, doch auch einmal einen Comic machen zu wollen, konfrontiert. Oft heißt das, den konventionellen und tradierten Comicmustern zu folgen. Das ist langweilig. Denn es gibt so viele, immens subtilere, klügere und experimentellere bildliche Ausdrucksmöglichkeiten. Diese nicht zu nutzen halte ich, gerade für Studierende, für fatal. Denn die Formulierungsmöglichkeiten von Bildsprache auszureizen bietet die Gelegenheit, eine Position und damit eine eigene Bildsprache zu finden. Da ist man sehr schnell bei dem Begriff Graphic Novel.

Zum Abschluss: Was ist Ihre Lieblings-Graphik Novel und warum?

Ich mag die Geschichten von Judith Mall. Sie kommt ganz ohne Text aus und lässt Momentaufnahmen, Details und Blickwinkel darauf sprechen. Sie erzählt nicht vor, sondern lässt die Geschichten im Kopf des Betrachters entstehen, der sich assoziativ durch ihre Bilder bewegen muss.


[1] Vgl. Internetpräsenz des kunstanstifter verlag unter: http://kunstanstifter.de/autoren/ute-helmbold/