Im Amt für Umschweife

Viola Vahrson über Muße, Faulheit und falsches Arbeitsethos.

„Wenn es aber einen Zustand gibt, in welchem die Seele eine hinreichende Grundlage findet, um sich dort ganz und gar auszuruhen und ihr ganzes Wesen darin zu sammeln, ohne sich an das Vergangene erinnern oder sich das Zukünftige herbeiwünschen zu müssen; einen Zustand, in welchem die Zeit nichts für sie ist, das Gegenwärtige immer andauert, ohne doch seine Dauer und irgendeine Spur seiner Abfolge merken zu lassen, ohne irgendeine andere Empfindung von Verlust oder Genuss, von Freude oder Schmerz, Verlangen oder Furcht als allein diejenige unserer Existenz; und wenn einzig diese Empfindung sie ganz erfüllte – so kann derjenige, welcher sich in diesem Zustand befindet, sich glücklich nennen; und sein Glück ist nicht unvollkommen, arm und nur bedingt, wie jenes, das man in den Freuden des Lebens findet, sondern es ist ausreichend, vollkommen und erfüllt und hinterlässt keine Leere in der Seele, die diese auszufüllen wünschte. In einem solchen Zustand befand ich mich auf der Petersinsel oft während meiner einsamen Träumereien, wenn ich entweder in meinem Nachen lag, den ich in der Strömung treiben liess, oder am Ufer des stürmischen Sees sass oder anderswo am Ufer eines schönen Flusses oder eines Baches, der murmelnd über den Kies dahinfloss“ (Rousseau 2002: 169 & 171).

Jean-Jacques Rousseaus schwärmerische Beschreibung von seinem fast zweimonatigen Aufenthalt auf der St. Petersinsel im Bielersee, in der er den Zustand glücklicher Faulenzerei mit seinen Naturerlebnissen verknüpft, hat gegen Ende des 18. und im 19. Jahrhunderts wahre Pilgerströme ausgelöst. Heute hat die Zahl der Besucher deutlich abgenommen. Beschreibungen über die Schönheit der Natur wie die von Rousseau, seine Selbstvergessenheit, Faulenzerei und Träumereien sind heutzutage kaum noch Auslöser einer Reise an einen fernen, abgelegenen Ort.

Wer dennoch die kleine Insel besucht, kann natürlich nicht, wie Rousseau, zwei Monate bleiben, um sich dem Müßiggang hinzugeben – undenkbar! Auch Rousseau wusste, dass die äußeren Umstände nur selten längere Phasen ermöglichen, in denen man sich einfach treiben lässt. Doch scheinen wir heute nicht einmal mehr diesen Zustand zu suchen. Statt auf einer Insel voll Ruhe und Beschaulichkeit, leben wir in einer Welt voller Reize und Informationen; einer Welt, die uns antreibt, auf dem Sprung hält, uns ein hohes Maß an Aktivität und Flexibilität abfordert. Nicht die vita contemplativa, sondern die vita activa entspricht den Anforderungen der Gegenwart. Träume nicht, bewege dich, arbeite! Erstaunlicherweise wird die Verdrängung der Muße durch die Arbeit auch in einer der ersten Textquellen thematisiert, in der der Begriff Muße (scholé) Anwendung findet. In der Tragödie Agamemnon von Aischylos will Klytemnestra (die Frau Agamemnons) sich nicht die Muße nehmen, mit der unzugänglichen Kassandra, der Seherin, die Agamemnon als Geliebte (Sklavin) mit ins Haus gebracht hat, ein Gespräch zu führen. Klytemnestra äußert voller Ungeduld gegenüber der schweigsamen Kassandra: „Mir fehlt die Muße, vor dem Tor herum zu stehn, wo in des Hofes Mitte schon die Schafe warten auf den Todesstreich“ (Aischylos 1958: 45).

Aischylos beschreibt in diesem spezifischen Teil seiner Tragödie einen Verlust an Ruhe, Zeit und Geduld. Eine weitere Besonderheit der Textstelle ist, dass die Arbeit für Klytemnestra weniger eine Notwendigkeit darstellt, der sofort nachgegangen werden muss. Vielmehr wird sie als Möglichkeit genutzt, sich einer bestimmten Situation zu entledigen. Klytemnestra will sich keine Zeit nehmen, überspielt ihren Unwillen jedoch mit dem Gebot der Arbeit. Der Vorwand zur Arbeit verhält sich also komplementär zur Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen, sich um ein Verständnis seiner Situation zu bemühen. Eine Strategie, die sich bis heute erhalten hat. Sie ist umso wirksamer geworden, desto mehr Arbeit gegenwärtig einen höheren Stellenwert besitzt als Muße. Wer heutzutage Arbeit vorschützt, muss sich nicht legitimieren, Belange sozialer Bedeutung zu vernachlässigen oder sogar vollständig zu ignorieren.

Eine weitere Quelle, in der der Begriff Muße (scholé) erstmals auftaucht, findet sich bei Pindaros (Nemea), dem es an Muße fehlt, sich den zeit- und raumgreifenden Ausführungen seines Lobgesangs zu widmen. Seine Aufgabe bestand in der kunstvollen Schilderung zahlreicher Siege eines Olympioniken. Geübt in dieser Tätigkeit, war es ihm zur Gewohnheit geworden, seinen Gesang mit einer Aufzählung von Sagenmotiven zu beginnen, um den Ruhm des Athleten durch eine lange Ahnenreihe zu erhöhen. Die kunstlose Aneinanderreihung und ständige Wiederholung drohte jedoch den Hörer zu ermüden. Und auch Pindaros selbst empfand Überdruss hinsichtlich der Nennung und Ausschmückung der massenhaften Siegespreise. Doch statt diese unbefriedigende Situation zu ändern, verharrt er in Trägheit und Unlust. [1] Auch dem Mittelalter war dieses Phänomen gut bekannt. Eine kritische Thematisierung dieses Zustandes jenseits simplifizierender, moralischer Vorurteile fand im Umfeld des Klosterlebens statt. Die Acedia (der Trübsinn, die Trägheit) befiel die Mönche insbesondere während der Gebete, der Kontemplation – also in der Muße.

Der von der Acedia Befallene empfindet Widerwillen gegenüber einer Tätigkeit, die ihm eigentlich Freude bereiten sollte. Statt sich zu konzentrieren, flieht er in die Zerstreuung, die Last sucht er mit Lust zu ersetzen, er gerät in eine Rastlosigkeit oder aber eine dumpfe Handlungsohnmacht. Im christlichen Umfeld gilt die Acedia als die fehlende Freude an Gott. Die fehlende Freude an Gott ist also das Traurigsein über das Gute, denn Gott ist das Gute. Wie aber kann man über das Gute traurig sein, am Guten verzweifeln? An einem solchen paradoxen Zustand erkrankt die Seele ernsthaft: Acedia eine Krankheit zum Tode und im gewandelten moralischen Kontext schließlich bloße Faulheit und eine Todsünde.
Bei den Klerikern des Mittelalters spielt die Einsamkeit bezüglich der Acedia eine wichtige Rolle. In den Stunden der Kontemplation waren sie nicht nur vom Treiben der Außenwelt abgeschlossen, sondern häufig auch von der eigenen Gemeinschaft. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst über einen längeren Zeitpunkt bedeutet eine Herausforderung, der nicht jeder standhalten kann. Der Zeitfluss verlangsamt sich, Unlust und das Gefühl der Leere treten ein, die bis zur Resignation führen können. Mit zunehmender Verzweiflung wächst der Druck, der Situation Herr zu werden. Die Kontemplation, die von Leichtigkeit und Freude geprägt sein sollte, wird zu Last und Mühe.

Zwar scheint es in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch Bereiche zu geben, in denen ausgiebig Zeit zur Muße oder Kontemplation bleibt, trotzdem lassen sich relevante Parallelen aufzeigen. So sind Vereinzelung und Vereinsamung geläufige Phänomene der Arbeitslosigkeit. Aber auch die Dominanz undurchsichtiger oder obsoleter Strukturen im Arbeitsumfeld, die Entfremdung durch fehlende Identifikationsmöglichkeiten mit dem Gegenstand der Arbeit, führen zu den bekannten Phänomenen. Heute werden sie nicht mehr unter den Begriff Acedia zusammengefasst, sondern heißen Burn-out-Syndrom oder schlicht Depression. Unverständlicherweise reagiert unsere Gesellschaft nicht mit Strategien der Entlastung. Sie entschärft dieses Phänomen nicht. Vielmehr schüren sowohl die Politik als auch die Wirtschaft gemeinsam mit den Medien die Angst vor einer unsichern Zukunft. Faulenzerei ist und bleibt dabei verwerflich, wenn sie nicht gar als Bedrohung betrachtet wrid. Statt jedoch soziale Katastrophenszenarien zu entwerfen, sollte der Stellenwert der Arbeit in unserer Gesellschaft und unser Verhältnis zur Muße und zum Müßigang überdacht werden.

Wenn Thomas von Aquin den Zustand der Acedia als „Schlaffheit des Geistes, die es versäumt mit dem Guten anzufangen“ bezeichnet, so scheint er die Tragweite einiger Ursachen und Gründe der Acedia ignorieren zu wollen. Schöpft man die Bedeutungsvielfalt des Begriffs Acedia jedoch aus, so offenbart sich nicht nur ihr schwermütiges, sondern auch ihr leichtsinniges Wesen.
Die wörtliche Bedeutung von a-kedia meint Negation der Sorge. Acedia bedeutet also Sorglosigkeit. Klingt bei Thomas von Aquin die Forderung nach Selbstdisziplin und Entschlossenheit an, so ist diese nur dann berechtigt, wenn der Einsatz und die Anstrengung einen nachhaltigen und erkennbaren Wert haben.

Betrachten wir – wie Aristoteles es tat – die Muße als Ziel und Vollendung des Lebens, sieht man in ihr eine Hauptaufgabe der Ethik und damit zugleich der Politik und Erziehung, werden die an die Muße gestellten hohen Anforderungen verständlich.
Wenn Aristoteles von der Muße spricht, meint er damit den Umgang mit der freien Zeit. Für ihn teilt sich das Leben in Arbeit und Muße. Arbeit schließt Muße aus. Und selbst Tätigkeiten, die der Erholung dienen wie Spiel, Sport oder Schlaf sind nicht der Muße zuzurechnen, weil sie nur dazu dienen, neue Kraft für die Arbeit zu schöpfen. Arbeit ist eine bloße Notwendigkeit, Muße hingegen „der Angelpunkt, um den sich alles dreht. Denn wenn auch beides sein muß, so ist doch das Leben in Muße dem Leben der Arbeit vorzuziehen, und das ist die Hauptfrage, mit welcher Art Tätigkeit man die Muße auszufüllen hat“ (Aristoteles 1995: 284f., 1337b).
Aufgrund des Übermaßes an freier Zeit, die dem freien Hellenen zur Verfügung stand, wurde der rechte Umgang mit der Muße zu einer verantwortungsvollen Aufgabe und eventuell sogar zu einem Problem. Muße ist zur Zeit Aristoteles also keine Mangelerscheinung, sondern sie kennzeichnet den Überschuss an freier Zeit, die es sinnvoll zu füllen gilt. Seine Richtschnur ist das ‚wahre’ Glück. Entsprechend stellt er höchste Erwartungen an die Muße. Zur Orientierung gibt er drei Hauptformen der Muße an: das Genussleben, eines der Politik oder ein der Wissenschaft gewidmetes Leben. Den ersten Bereich, das Genussleben, würden wir heute insbesondere mit der Muße in Verbindung bringen, während Politik und Wissenschaft gegenwärtig dem Bereich der Arbeit angehören. Gerade deshalb erscheinen mir die Ausführungen interessant.

Aristoteles ist der Auffassung, dass ohne Lustgefühl und Genuss Muße nicht möglich sei. Doch erkennt er auch die Gefahr, die im Genussleben liegt, sofern es nicht mehr konkreten, beendbaren Bedürfnissen dient. Aristoteles warnt von daher vor Hemmungslosigkeit wie auch vor Askese. Diese Warnung bezieht sich nicht nur auf die sinnlichen Genüsse, sondern auch auf die geistigen Tätigkeiten. Entsprechend äußert er: „Auch einige freie Künste und Wissenschaften kann man zwar bis zu einem gewissen Grade betreiben, ohne daß es für einen freien Mann ungeziemend wäre; verlegt man sich aber allzu eifrig auf sie, um es zur Meisterschaft in ihnen zu bringen, so würde das die angegebenen Schäden nach sich ziehen“ (ebd). Es gilt also mit den Kräften zu haushalten, sie nicht unnütz zu verschwenden – weder an die Institutionen noch an sich selbst. In allem ist das richtige Maß anzustreben, ansonsten stellen sich Verausgabung oder Erschöpfung ein. Nicht nur die Trägheit, sondern auch die innere Unruhe, die Rastlosigkeit und auch der Rückzug von der Wirklichkeit durch zu große Intensität stehen der Muße im Wege. Wir scheinen heute die Fähigkeit zum Maßhalten verloren zu haben. Was sich schon allein darin zeigt, dass wir nicht nur Wissenschaft und Kunst als Arbeit betrachten, sondern auch Freizeit nach den Grundsätzen der Effizienz und Leistung kalkulieren und organisieren.
Weiß der Mensch jedoch richtig mit der Muße umzugehen, führt sie ihn, nach der Auffassung Aristoteles, zu Unabhängigkeit und Freiheit. Der Umgang mit der Zeit, dem Tempo, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. In der wissenschaftlichen Tätigkeit bleibt der Mensch, nach Aristoteles, von der Zeit, vom Tempo frei gehalten. Nicht die Zeit bestimmt über den Menschen, sondern der Mensch über die Zeit. Aristoteles bezeichnet diesen Zustand als Lust- und Glücksmoment, der sich mit der „bewussten Entfaltung der menschlichen Kräfte“ verbindet. In der Wissenschaft sieht Aristoteles diese Vorstellungen verwirklicht. Heutzutage gehört die Wissenschaft jedoch dem Bereich der „geistigen Arbeit“ an. Im Wesentlichen bedeutet diese Umbenennung die Geringschätzung der artes liberales, des freien Denkens, das den Zweck in sich selbst und nicht außerhalb ihrer selbst trägt. Die Wissenschaft wird zu einer nutzen- und zweckorientierten Disziplin, deren Richtlinien von der Marktwirtschaft geprägt sind: Leistungskampf, Produktivität, Effizienz. Auch die Universitäten haben sich dementsprechend drastisch verändert und bilden nur noch auf konkrete Berufsprofile aus. Und, könnte man fragen, ist eine Wissenschaft, die an einen erkennbaren Nutzen orientiert ist, so negativ? Dem sei Josef Piepers Antwort auf eine ähnliche Frage gegenübergestellt: „Gibt es noch einen Bereich menschlichen Wirkens, ja menschlichen Daseins, der nicht in die Zweckmechanik eines Fünfjahresplanes eingespannt ist?” (Pieper 1961: 40).

Bereits Friedrich Nietzsche warf seiner Zeit und Umgebung Bildungsfeindlichkeit vor. In seinen Basler Vorträgen thematisierte er diesen Umstand. Als wesentliches Problem erkannte er die Verknappung der Zeit, die die unabhängige Arbeit – das freie Denken – entweder durch ein andauerndes schlechtes Gewissen belaste oder sie sogar vollständig verhindere. „Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse […] Ja es könnte bald soweit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (daß heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe“ (Nietzsche 1980: 556f.). Die Muße stellte für Nietzsche ein notwendiges Gegengewicht zur falschen Arbeitsmentalität dar, die ein „Nachdenken, Grübeln, Sorgen“ verhindere (ebd: 154). Interessant ist hier, dass Nietzsche die Funktion der Muße auch auf alltägliche und emotionale Belange überträgt. Wer ständig die Zerstreuung sucht, flieht nach Nietzsche vor sich selbst. Die Muße dient hingegen der Konstituierung des Selbst, des Selbst-Bewußtseins. Sich seiner selbst bewusst zu sein, sich zu kennen, heißt, eine souveräne Position und Haltung einnehmen zu können. Wer hingegen beständig einem Arbeitsethos folgt, dessen höchster Wert Effizienz ist, muss sich darin zwangsläufig verlieren. Das Selbst-Bewußtsein, der kritisch-fragenden Blick auf die eigenen Handlungen und Position innerhalb der Gesellschaft gehen zugunsten ökonomischer Werte, nach denen nicht nur das eigenen, sondern auch das Leben anderer bemessen wird, verloren. Die Umwertung der Arbeit von einer lästigen, aber notwendigen Tätigkeit zu einer Tugend hat, darauf verweist Robert Louis Stevenson nicht ohne Ironie, eine besondere Spezies Mensch hervorgebracht: „Viele, die ‚ihre Bücher sorgfältig durchgeackert’ haben und alles wissen über den einen oder anderen Zweig landläufigen Wissens, kommen mit einer altertümlichen und eulenhaften Haltung aus ihrem Studierzimmer und erweisen sich in allen besseren und fröhlichen Teilen des Lebens als trocken, langweilig und übellaunig.“ Stevenson bezieht sich hier auf den Schriftgelehrten, der in der Stube hockt und die Welt um sich herum nicht mehr wahrnimmt und der für Nietzsche bereits der Vergangenheit angehört, weil ein Arbeiten in Ruhe und Versenkung gesellschaftlich nicht mehr angemessen erscheint. Doch Stevenson beschreibt hier sehr viel allgemeiner einen Typus, dessen absolute Fixierung auf die Arbeit, sich nicht nur negativ auf die eigene Person auswirkt, sondern auch seine Umwelt in Mitleidenschaft zieht: „Er sät Hast und erntet Verdauungsprobleme“ (Stevenson 2008: 43). So kommt Stevenson auch zu dem in der Tat etwas drastisch klingenden Urteil: „Es ist mir egal wieviel oder wie gut er arbeitet, dieser Bursche ist ein übler Bestandteil im Leben anderer Leute. Sie wären glücklicher, wenn er tot wäre. Sie könnten leichter auf seine Dienste im Amt für Umschweife verzichten, als sie seine mürrischen Launen aushalten können. Er giftet das Leben an seiner Quelle“ (ebd). Statt auf die Arbeitspflicht, verweist Stevenson auf „die Pflicht fröhlich zu sein“, eine, wie Stevenson meint, der wohl am stärksten unterschätzen Pflichten (ebd). Von daher wundert es nicht, dass er die Lanze für den Müßigen, den Faulen bricht: „Er hatte Zeit, sich um seinen Gesundheit und seine Lebensgeister zu kümmern, er war beträchtliche Zeit an der frischen Luft, was das Wohltuendste für den Körper wie die Seele ist […] Und dabei hat der Müßiggänger noch eine andere und wichtigere Qualität als diese. Ich meine die Weisheit. Wer die kindische Befriedigung anderer Leute an ihrem Steckenpferd ausgiebig betrachtet hat, wird seine eigene nur mit sehr ironischer Nachsicht betrachten. Er wird sich nicht unter den Dogmatikern hören lassen. Er wird eine weite gelassen Toleranz für alle Arten von Leuten und Ansichten haben“ (ebd: 38). Diese Charakterisierung macht deutlich, worin sich Müßiggänger, Dichter, Kleriker und Philosophen gleichen. Sie alle vereint ein Blick und eine Haltung, die nicht schon vorab von Zwecken und Zielen determiniert ist. Ein Blick, der von den eigenen zwingenden Interessen abzusehen in der Lage ist, eine Haltung, welche die persönliche Sicht auf die Dinge nicht als erlesener oder bedeutsamer betrachtet und von daher auch nicht anderen aufoktroyiert will. Von daher zieht Stevenson auch den großzügigen Schluss: „Es ist besser von einem Taugenichts von Neffen gedankenlos an den Bettelstab gebracht als täglich von einem verdrießlichen Onkel schikaniert zu werden“ (ebd: 44).

 

Viola Vahrson ist Juniorprofessorin am Institut für Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Hildesheim. Zusammen mit Hannes Böhringer hat sie 2008 ein Buch zur Faulheit herausgegeben. 

 

  • Aischylos: Orestie, übersetzt von Ernst Buschor, Frankfurt/M. , Hamburg 1958.
  • Aristoteles: Politik, übersetzt von Eugen Rolfes, Hamburg 1995.
  • Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1980, 3.
  • Josef Pieper: Muße und Kult, München 1961.
  • Jean-Jacques Rousseau: “Fünfter Spaziergang” aus: “Die Träumereien des einsamen Spaziergängers”. Abgedruckt in: Rousseaus Garten, Eine kleine Kulturgeschichte der St. Petersinsel, Basel 2002.
  • Robert Louis Stevenson: “Eine Apologie für Müßiggänger”, In: Viola Vahrson, Hannes Böhringer (Hg.): Faulheit, 2008.

  1. Eine ausführliche Analyse und Deutung des Begriffs Muße in den Schriften von Aischylos und Pindar findet sich bei Elisabeth Charlotte Welskopf, Probleme der Musse im alten Hellas, Berlin 1962.  ↩