FRAMEUP

Zurückgelassene Schicksale, hoffnungslose Charaktere, Kriminalität, Sex, Landschaften – all das sind Dinge, mit denen sich “Frameup” auseinandersetzt. Mit letzteren beginnt Jost sein visuell hypnotisches und manchmal merkwürdig komisches Portrait. Die Anfangssequenzen bestehen aus langen Einstellungen amerikanischer Landschaften (Highways, Kleinstädte usw.) in Totalen. Dazwischen wird leinwandfüllend immer wieder Schrift eingeblendet, ihr plötzliches Erscheinen ist von Schussgeräuschen begleitet. Diese großen, farbigen Buchstaben, die teilweise auch den Vorspann bilden, stehen in Kontrast zu den blassen, entsättigten Bildern Amerikas.
Zusammengesetzt ergeben sie eine Art Untertitel: Twelve Movements To The Only Conclusion. In diese 12 Episoden ist der Film schematisch eingepasst, wobei die Zahlen 1 bis 12 zwischendurch erscheinen und die einzelnen Szenen und damit auch die verschiedenen Macharten voneinander trennen. Das Ende wird dabei schon zu Beginn klar vor Augen geführt. Alles läuft auf das eine hinaus, die “only conclusion”, die Exekution.

Schon die Vorstellung der beiden Hauptfiguren wird von Jost auf bemerkenswerte Weise gestaltet und gibt die experimentelle, faszinierende, aber nie überladene Richtung vor, in die der Film gehen wird. Ricky Lee wird in zwei Bildern gezeigt, links sein Profil, rechts frontal, im Stil typischer Polizeifotos. Die Bilder werden nach einer Weile lebendig, sodass diese beiden Versionen Ricky Lees anfangen zu reden. Mehr noch: während er auf der rechten Seite des Split Screens von seinem Leben und seiner Kindheit spricht, wird er auf der linken Seite immer aggressiver und beschimpft sein eigenes Abbild. Die perspektivische Spielerei wird besonders interessant, wenn man das tatsächlich als Interaktion eines Mannes mit sich selbst betrachtet und man sich bewusst macht, dass er sich auch im Profil sieht, so wie wir ihn zumindest teilweise ansehen. Die Wahrnehmung des Zuschauers vermischt sich mit der Selbstwahrnehmung der Figur.
Beth-Ann wird ebenso charakteristisch präsentiert. In einer unkonventionelleren Form des Bildschirmaufteilung sehen wir in einer Ecke ein Foto von ihr, das genau wie die Bilder von Ricky Lee lebendig ist und spricht, während der Rest des Bildschirms nach und nach mit Gegenständen gefüllt und wieder geleert wird, die das beschreiben, was sie erzählt oder Züge ihres Charakters und ihres Lebens repräsentieren. Sie erzählt von der High School Zeit, dem ersten Freund und wie sie kurz darüber nachdachte, sich nach dem missglückten Prom das Leben zu nehmen.

Ricky Lee, der Kriminelle und “Ladies’ Man” (so heißt es in seiner anfänglichen Beschreibung) und die verblendete Beth-Ann, die so naiv ist, dass es fast wehtut. Die beiden bilden ein ungewöhnliches Paar, vereint durch die traurige Gewissheit, dass sie zu dem Teil der Gesellschaft gehören, für den es eigentlich keinen vorgesehenen Platz gibt. Sie lernen sich in dem Cafe kennen, in dem Beth-Ann arbeitet, verbringen ein oder zwei Nächte zusammen und danach lässt sie ihren Job zurück, um mit Ricky Lee zu gehen. Die gemeinsame Reise der beiden wird sie an die zwei Orte führen, die sie schon immer sehen wollte: das Meer und Kalifornien. Der Weg dorthin wird in einer längeren Sequenz beschrieben, die im Hintergrund eine sich nach oben bewegende Landkarte zeigt und im Vordergrund eine Fläche, die sich immer mehr füllt. Je weiter sie fahren, desto mehr erleben und sehen sie. Besonders schön ist auch die Sammlung an Postkarten, die zum Teil die Landschaftsbilder vom Anfang aufgreifen. Und wenn sie schließlich am Ziel angekommen sind, wird es nicht lange dauern, bis der Überfall, bei dem Ricky Lee mehrere Menschen erschießt, ihr Schicksal endgültig festlegen wird.

In vielerlei Hinsicht ist “Frameup” ähnlich aufgebaut wie andere Bonnie-und-Clyde- oder Kriminellen-Pärchen-Variationen. Das naive Ding, das sich auf den bösen Typen einlässt, woraufhin sie gemeinsam durchs Land ziehen und am Ende schließlich für ihre Taten mit dem Tod bestraft werden. Nur fehlen hier jegliche romantische Beschönigungen der ganzen Situation und die Hauptfiguren sind weder glamourös noch faszinieren sie in irgendeiner Form – sie sind eher ziemlich stumpf, beschränkt und nerven. Die Loser werden tatsächlich als Loser gezeigt. Viel interessanter als die inhaltliche Ebene ist aber die formale, da Jost mit verschiedensten Techniken und Ästhetiken spielt, die sich zu einer bemerkenswerten filmischen Collage vereinigen. Die visuellen Besonderheiten machen den eigentlichen Reiz des Films aus und lassen das grundlegende Thema fast im Hintergrund verschwinden. Immer wieder wird auch mit der Tonebene gespielt, sodass sich erzählende Off-Stimmen und normale Dialoge abwechseln oder sich manchmal gegenseitig übertönen. Was am Ende erst deutlich wird, ist die Möglichkeit, dass diese Off-Stimmen der beiden aus einer anderen Welt kommen, aus ihrem Leben nach dem Tod. Die Erzählungen haben den ganzen Film über einen rückblickenden Charakter und aufgrund des finalen Schicksals ist das vielleicht die einzige Schlussfolgerung. Denn wenn uns Beth-Ann am Ende von ihrem Tod und allem, was danach kam, erzählt und sie dabei immer mehr von Sand überblendet wird und somit langsam verschwindet, wirkt das wie ein runder Abschluss des gesamtem Portraits. Auf ihre eigene, spezielle Art, die Dinge auszudrücken, redet sie über die Bedeutung des Todes und es wird klar, dass dies nicht nur für Ricky Lee und Beth-Ann die “only conclusion” ist, sondern für jeden von uns. Jost nennt den letzten, zwölften Teil seines Films treffend “The Real Big Nada”.

“There wasn’t anything and there was everything. And if you would have been around to see it, it would probably be the most wonderful thing in your life, except, and I guess that was the trick of it, by then, when you were deep in its arms, all those things didn’t really seem to matter anymore, whether it was wonderful or it was terrible. All those things just didn’t exist at all. They went away. And there was -.”

Frameup
USA 1993, 91 Min
REGIE: Jon Jost
DARSTELLER: Howard Swain, Nancy Carlin u.a.