Einleitung zum Schwerpunkt “Körper”

17 leblose Körper in einer Kühlkammer. Seit acht Monaten in weißen Säcken auf engstem Raum gestapelt. Namenlos, Staatenlos und Identitätslos, nachdem sie an den geschlossenen Grenzen Europas starben. Nach dem cartesianischen Paradigma „cogito ergo sum“ gilt der Geist des Menschen als Ursprung seiner Identität, der Körper ist nur Hülle. Wie die jüngste Aktion DIE TOTEN KOMMEN des Zentrums für Politische Schönheit eindrücklich zeigt, sind Körper aber mehr als das.

An Körpern vollziehen sich vielfältige symbolische und performative Prozesse der Identitätsbildung. Sie sind Signifikanten in einem kulturellen Bezugssystem, das Identität auf einem Raster visuell unterscheidbarer Kategorien anordnet. Nur so lässt sich erklären, dass die Nationalität eines Toten überhaupt von Relevanz sein kann.

In Michel Foucaults theoretischem Konzept der Bio-Macht und Bio-Politik spielen Körper nicht nur als individuelle, durch Drill und Disziplinierung ansprechbare Individuen eine Rolle, sondern ebenso als Masse, wie sie sich in der Bevölkerung manifestiert. Bio-Politische Motivationen nach Optimierung des Lebens erweisen sich auch für das Konzept der Cyborgs als relevant, die nicht nur in Cyberpunk-Filmen und -Romanen in den Fokus gerückt werden. Mit Herzschrittmachern, In-Vitro-Fertilisation et cetera beschreitet die Medizin schon seit Jahren Pfade von Science-Fiction-Utopisten.

In vielen Medien wird die Verherrlichung, aber auch die Verdinglichung des Körpers dargestellt. Quentin Tarantinos Fußfetisch kommt in seinen Filmen durch konzentrierte Nahaufnahmen von Füßen zum Ausdruck und in Medien der Boulevard-Presse werden klar bestimmte Schönheits- und Fitnessideale propagiert. Damit gehen vermehrt Wünsche nach Veränderungen des von Idealen abweichenden Körpers einher. YouTube-Channels geben Ratschläge zu den Themen Fitness und Ernährung. Celebrities stellen ihre Schönheits-Operationen öffentlich zur Schau. Body-Horror-Filme zeigen die Verwandlung eines Menschen in ein Monster und thematisieren auf diese Weise Identitätskrisen und den Verlust der Menschlichkeit.

Darüber hinaus treten insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten Körper digital (in digitalen Räumen im Computerspiel) in Erscheinung. So etwa als Ursprung filmischer Figuren, denen mittels Motion-Tracking-Technologien die gewollten Bewegungsabläufe beigebracht werden (Gollum / Andy Serkis in Herr der Ringe). Ebenso können durch digitale Techniken (CGI) ganze Figuren erschaffen werden, wie am Beispiel von Terminator Salvation oder aktuell Fast & Furious 7 zu sehen ist. Neben der Verdopplung der Körperlichkeit in eine reelle und eine digitale Existenz wie in Tron, Avatar oder Matrix, findet auch der Aspekt der Körperlosigkeit in Filmen wie Her oder Transcendence ihren Platz.

Eine Ausweitung des Körpers im McLuhan’schen Sinne findet sich im Film gerade durch immersionsfördernde Techniken wie die 3D-Darstellung. Neuere Medientechniken oder veränderte Nutzungen selbiger beeinflussen Körperideale, üben gesellschaftlichen Druck aus und tragen zu Selbstoptimierungs-Tendenzen sowie veränderten Identitätsbildungen bei – nicht zuletzt durch massen- und sozialmediale Verbreitung.

Die theoretische Auslotung von Körper-Konzepten in Medien und Kunst, wie hier exempelhaft aufgeführt, ist Idee und Ziel des Schwerpunkts. Gewünscht sind Beiträge aus Film-, Medien-, Kunst-, Kommunikations-, Bildungs- und Sozialwissenschaft mit Medienschwerpunkt sowie Abhandlungen aus verwandten Disziplinen. Abstracts bitte bis zum 13.08.2015 an l.moeller@hbk-bs.de. Eine Rückmeldung erfolgt innerhalb von drei Wochen, Deadline für die fertigen Beiträge ist der 02.12.2015. Die Mindestzahl der Zeichen beträgt 5.000. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Projektleiter Philipp Fust (ph.fust@gmx.de).

Der Schwerpunkt wird bearbeitet von Klaus Baalmann, Philipp Deny, Ben Grippenkoven und Lewis Edwien Möller, betreut und herausgegeben von Philipp Fust.