Einleitung zum Schwerpunkt “Faulheit”

Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, hat 1883 eine kleine Streitschrift herausgebracht mit dem Titel “Das Recht auf Faulheit”. Darin geht es ihm vor allem um die seiner Meinung nach unheilvolle Forderung der Linken auf das Recht auf Arbeit. Arbeit, so Lafargue, ist kein Menschheitsrecht, sondern Mittel der Unterdrückung, egal wie sehr man hier noch auf Verbesserungen setzt. “Führe die Fabrikarbeit ein, und adieu Freude, Gesundheit, Freiheit – adieu alles, was das Leben schön, was es wert macht, gelebt zu werden.”
Auch wenn sich die konkreten Situationen geändert haben, Lafargues Buch war immer aktuell, ist es auch heute, wenn angesichts der Krise von deutscher Arbeitssucht und faulen Südländern gesprochen wird. (Bei Lafargue liest sich das so: “Für den Spanier, in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist, ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei. Auch die Griechen hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüte nur Verachtung für die Arbeit”)
Faulheit war und ist immer noch ein negativ besetztes Wort. Es spricht von Verweigerung, dem aber kein Mehrwert mitschwingt, wie beispielsweise der Langeweile, dem Müßiggang, der Ennui, Begriffe, die allesamt aus dem Feld der Kreativität kommen und kulturtheoretisch durch Schriften von Walter Benjamin, Jean-Paul Satre und Susan Sontag geadelt wurden. Wer faul ist, ist bereits außerhalb der Verwertungslogik, das ist heutzutage nur noch durch Burnout zu rechtfertigen. (Den kann man ja auch “reparieren”, um den Wiedereingliederungsprozess zu beginnen.) Und auch Lafargue kann nicht umhin, die Faulheit zu fordern, ohne sie rational zu begründen (Arbeiter, die nur drei Stunden am Tag arbeiten, sind produktiver).
Faulheit im Film hängt häufig mit der angesprochenen Verweigerungshaltung zusammen, allerdings zeigen die Faulen dann meist starke Aktivität auf anderen Gebieten, die am Ende dann von der Gesellschaft auch als lohnenswert anerkannt wird. Wirklich faule Menschen sind selten, entstammen der Klientel der Slacker, der Herumtreiber. Permanent Vacation hieß auch schon der erste Film von Jim Jarmusch, der solch einen Protagonisten durch die Stadt begleitete. Für ihre Regisseure können sich diese Faulen häufig als sehr produktiv erweisen: Kevin Smith’ Clerks oder der Dude der Coens haben ihren Schöpfern enormen Erfolg beschert.
Film ist natürlich harte Arbeit, wie die beteiligten nicht müde werden, in den entsprechenden Interviews zu betonen. Faule Filmemacher machen keine Filme, auch nicht über Faulheit. Und im Kino? Faul ist, wer im Kino nicht nachdenken möchte, wer zu faul ist, Anstrengungen für den Film zu unternehmen. Feiert ein faules Publikum die immer neuesten Blockbuster ab, oder ist es als faul zu bezeichnen, wenn es die Strapazen des Kinobesuches nicht mehr auf sich nimmt und sich stattdessen den Film im Internet herunter lädt?
Die Fäule ist seit einigen Jahren auch im Blockbuster wieder attraktiv, seit Zombies wieder die Leinwände bevölkern und deutlich sichtbare Zersetzungsspuren am Körper tragen. Die faulste Protagonistin der letzten Jahre stammt allerdings aus dem Pariser Zoo und heißt Nénette. Nicolas Philibert hat sie für seinen gleichnamigen Film mehrere Monate lang gefilmt, ohne, dass sie jedoch etwas anderes machen würde, als man es von Orang-Utans erwarten würde: essen, schlafen, schlendern. Können Tiere faul sein? Als Zuschauer wünscht man sich vielleicht ein so sorgloses Leben, aber man bleibt aktiv, man ist ja schließlich im Kino.

Beiträge zum Schwerpunkt können bis Ende September an fl.krautkraemer@hbk-bs.de gesendet werden, die Mindestzahl an Zeichen beträgt 4.000.

Der Schwerpunkt wird herausgegeben von Henrik Götte und Florian Krautkrämer