Einleitung zum Schwerpunkt “Bewegung”

Zunächst ist Bewegung im Film nicht mehr als eine Illusion. 24 Einzelbilder rasen ratternd durch den Filmprojektor und verschmelzen in der Wahrnehmung des Rezipienten zu einem bewegten Bild. Voraussetzung ist die Bereitschaft des Zuschauers, sich auf dieses Trugbild einzulassen. Das Kino ist ein Ort der Täuschung. Bewegung ereignet sich stets in einem bestimmten Raum, geschieht in der Zeit, innerhalb von Grenzen oder über Grenzen hinweg. Der Film vermag es, sich über Grenzlinien zu bewegen, räumliche sowie zeitliche. Zeitraffer, Zeitlupe, Zoom oder Tonspur als technische Bewegungsformen folgen ihren eigenen Raum-Zeit-Regeln. Durch die Möglichkeiten des digitalen Films verbreitet sich das Medium selbst schneller und weiter, diffundiert und begibt sich auf Reisen. Schließlich bedienen sich auch politische und gesellschaftliche Bewegungen des Mediums Film. Dabei spielt auch die abstrakte Bewegung des Denkens und des Bewusstseins eine wichtige Rolle. Kurzweg: Film ohne Bewegung ist nicht möglich.

Der Film wird durch verschiedene Bewegungsarten geformt. Die Kamera fährt, schwenkt, verfolgt, fängt ein, zoomt und wird dank der heutigen Technik immer kleiner, mobiler und bewegter. Dies ermöglicht ihr Objekte und deren Bewegungen im Raum für einen Moment in einzelnen Standbildern festzuhalten. Montage und Schnitt setzen die Bewegungsabläufe auf neue Art zusammen und verweben sie in ihre Erzählungen. Fortbewegung, Lokomotion, ist das zentrale Motiv des Films. Bezeichnenderweise war 1895 eine Lokomotive eines der ersten Filmmotive, das, so heißt es, auch das Publikum bewegte. Der Gewinner des silbernen Bären für die beste Kamera 2015 ist eine einzige über zweistündige Kameraeinstellung (Victoria). Die Kamera ist derart mobil, dass kein einziger Schnitt die nächtliche Flucht der Figuren unterbricht. Egal ob die Kamera eine im Wind tänzelnde Plastiktüte (American Beauty) oder die schier endlose Fahrt eines Jungen auf seinem Dreirad (The Shining) verfolgt – Bewegung ist dem Film immanent: Ohne Bewegung kein Film.

Der Western als der amerikanische Film par excellence funktioniert aus der Bewegung seiner Akteure heraus. Diese haben ein Ziel und eine eindeutige Richtung, welcher ihre Fortbewegung stets folgt: Go West! Die frontier, die imaginäre Grenzlinie zwischen Wildnis und Zivilisation, unterliegt einer stetigen Versetzung westwärts, vorangetrieben durch die Helden des Films. Das Road Movie, welches sich später aus dem Western heraus entwickelte, zelebriert Bewegung vorneweg in ihrer Geschwindigkeit und ihrem sinnstiftenden Potential: Bewegung um der Bewegung willen – der Weg ist das Ziel. Wenn kein Ort, kein fester Punkt Läuterung zu bringen vermag, bleibt dem Subjekt nur, unentwegt in Bewegung zu bleiben. Billy und Wyatt (Easy Rider), Thelma und Louise fahren in ihr Ende. Der Tanzfilm schließlich, der Körperbewegungen auf die Leinwand projiziert, positioniert sich als Genre irgendwo zwischen Theater, bildenden Künsten und klassischem Kino und zeichnet sich somit selbst durch seine flüchtigen Grenzen und seine bewegte Historie aus.

Bewegung, Flucht und Migration sowie die Überquerung von Grenzen und Grenzräumen waren auf der 66. Berlinale im Februar 2016 zentrale Themen der gezeigten Filme. Der Gewinner des Goldenen Bären, Fuocoammare (Feuer auf See) setzt die Insel Lampedusa in den Mittelpunkt des Geschehens, um sich von diesem Blickwinkel aus mit den genannten Themen und Motiven auseinanderzusetzen. Ulrich Meurer und Maria Oikonomou stellen in ihrem Sammelband “Fremdbilder. Auswanderung und Exil im Internationalen Kino” (2009) das Zusammenspiel von Migration und Kino unter anderem anhand des markanten Syllogismus „Migration ist Welt, Kino ist Welt, Migration ist Kino“ dar. Migration ist welt-bewegend und somit auch zwingend Teil des aktuellen Kinogeschehens. Bewegung umfasst zudem noch viel mehr als die räumliche und zeitliche Veränderung und die Aufhebung physischen Stillstands. Bewegung bedeutet Anregung. Etwas bei jemandem auszulösen. Die abstrakte Bewegung des Denkens. Wie schafft es der Film uns mit Gespieltem, mit Trugbildern zu echten Emotionen zu bewegen? Wie setzt er unsere Gedanken in Gang? Löst etwas in uns aus? Die Bewegung des Denkens und des Bewusstseins des Zuschauers ist schwer greifbar, aber dennoch eine wichtige Komponente des Films.

Der französische Gelehrte Blaise Pascal schrieb in seinen Pensées (1669): „Zu unserer Natur gehört die Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod.“ (“Notre nature est dans le mouvement: le repos entier est la mort.”) Dem Film ergeht es nicht anders. Die Bewegung ist ihm auf so viele Arten eingeschrieben, dass ihre Eliminierung wohl den Tod des Mediums bedeuten würde. Film ohne Bewegung ist nicht möglich!

Die theoretische Auslotung von Bewegungs-Konzepten, -Motiven, und -Diskursen in Medien und Kunst, wie hier exempelhaft aufgeführt, ist Idee und Ziel des Schwerpunkts. Gewünscht sind Beiträge aus Film-, Medien-, Kunst-, Kommunikations-, Bildungs- und Sozialwissenschaft mit Medienschwerpunkt sowie Abhandlungen aus verwandten Disziplinen. Abstracts im Umfang von ca. 500 bis 1000 Zeichen bei Interesse bitte bis zum 19.09.2016 an ph.fust@gmx.de. Eine Rückmeldung erfolgt innerhalb von zwei Wochen, Deadline für die fertigen Beiträge ist der 20.01.2017. Veröffentlicht werden die Texte voraussichtlich ab März 2017. Die Zahl der Zeichen sollte zwischen 10.000 und 40.000 liegen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Projektleiter Philipp Fust (ph.fust@gmx.de).

Der Schwerpunkt wird bearbeitet von Andrea Abeln, Michaline Saxel, Tabea Kempf, Gloria Glöggler, Lena Röttger, Jasmin Rychlik, Madlen Schwentke, Monia Meier, Sabrina Schützenhofer und Roxana Schuster, betreut und herausgegeben von Philipp Fust.

Quellen:

Pascal, Blaise: Pensées II. 1669
Meurer, Ulrich / Oikonomou, Maria: Fremdbilder. Auswanderung und Exil im internationalen Kino. Bielefeld 2009: transcript