Einleitung zum Schwerpunkt “Angst”

Sie lähmt uns. Sie macht uns krank – die Angst. Herzklopfen, Atemnot und Schweißausbrüche – Angstgefühle gehören zu den Grundemotionen des Menschen und zeigen sich in den unterschiedlichsten Formen. Sie sind eine Reaktion des Körpers auf bedrohliche Situationen. Es ist das Gefühl der Fremdheit, das Gefühl des Verlusts, vor Jemandem oder Etwas. Angst vor politischer Verfolgung, Angst vor den Bildern im Kopf, die nicht verschwinden wollen und auch vor Träumen nicht haltmachen.

Seit den Attentaten am 11. September 2001 ist die Angst vor dem Terror erheblich, worauf das amerikanische Kino mit Narrativen der Traumabewältigung reagiert (Schneider 2008). Auch wird gegenwärtig die Angst vor dem Terror, aber auch der “Überfremdung”, auf Flüchtlinge projiziert; Auf die Menschen, die in den vergangenen Monaten ihre Heimat verlassen mussten, da Krieg und Terror das Leben unmöglich machen. Diverse öffentliche Medien allegorisieren und diskursivieren die Flüchtlingsmassen als reißenden Strom der Fremdheit und schüren die kollektive Angst vor “dem Anderen”. Diskursanayltische Forschungen zu diesem Thema finden sich unter anderen bei Jürgen Gerhards und Mike Schäfer (2011).

Die reale Angst ist ein ständiger Begleiter in unserem Leben und trotzdem gehen wir ins Kino, um von Horrorgeschichten und Thrillern freiwillig verängstigen zu lassen. Brauchen wir den Kick der fiktiven Angst, um die reale Angst zu schmälern oder gar vergessen zu können? Die Rede ist von einem freiwilligen Angstgenuss, wie er schon von Richard Alewyn in seinem Text “Die Lust an der Angst” (Alewyn 1974) beschrieben wird. So reicht allein das Gefühl in Sicherheit zu sein aus, um die Angst als Genuss ohne Risiko empfinden zu können.

Doch auf welche Weise schaffen diese Genres es, den Rezipienten zu verängstigen? Als Meister der Spannung hat sich Alfred Hitchcock schon damals gut darin verstanden, den Kinobesuchern das Fürchten zu lehren. In seinem berühmten Interview mit Truffaut erklärt er die Erzeugung von Suspense wie folgt:

“Wir reden miteinander, vielleicht ist eine Bombe unter dem Tisch, und wir haben eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, nichts besonderes passiert, und plötzlich, bumm, eine Explosion. Das Publikum ist überrascht, aber die Szene davor war ganz gewöhnlich, ganz uninteressant. Schauen wir uns jetzt den Suspense an. Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie der Anarchist sie da hingelegt hat. Das Publikum weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55 – man sieht eine Uhr. Dieselbe unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe, und gleich wird sie explodieren! Im ersten Fall hat das Publikum fünfzehn Sekunden Überraschung beim Explodieren der Bombe. Im zweiten Fall bieten wir ihm fünf Minuten Suspense. Daraus folgt, dass das Publikum informiert werden muss, wann immer es möglich ist.” (Truffaut 1999: 64)

Mit dieser Erläuterung demonstriert Hitchcock, dass der Schlüssel, Gefühle im Film zu erzeugen, darin liegt, wie viele Informationen dem Zuschauer gegeben werden. Neben einer dramatischen und angsteinflößenden Handlung sind es auch die akustischen Untermalungen, die allein durch Ton und Klang eine bedrohliche und angsteinflößende Atmosphäre vermitteln. Das Kino macht Angst nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar.

Dabei sind es nicht nur die auf den ersten Blick offensichtlichen Filmgenres, die sich mit der Angst auseinandersetzen. Der neueste Pixar-Film Alles steht Kopf versucht auf eine ganz kreative Art und Weise mit menschlichen Emotionen, wie eben auch der Angst, umzugehen, indem er Gefühle durch kleine Figuren im Kopf der Protagonisten darstellt. Der Angst werden auf diese Weise gewisse affektive Ausprägungen attestiert.

Die theoretische Auslotung von Angst-Konzepten, -Motiven, und -Diskursen in Medien und Kunst, wie hier exempelhaft aufgeführt, ist Idee und Ziel des Schwerpunkts. Gewünscht sind Beiträge aus Film-, Medien-, Kunst-, Kommunikations-, Bildungs- und Sozialwissenschaft mit Medienschwerpunkt sowie Abhandlungen aus verwandten Disziplinen. Abstracts im Umfang von ca. 500 bis 1000 Zeichen bei Interesse bitte bis zum 15.09.2016 an ph.fust@gmx.de. Eine Rückmeldung erfolgt innerhalb von zwei Wochen, Deadline für die fertigen Beiträge ist der 15.01.2017. Veröffentlicht werden die Texte voraussichtlich ab März 2017. Die Zahl der Zeichen sollte zwischen 10.000 und 40.000 liegen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Projektleiter Philipp Fust (ph.fust@gmx.de).

Der Schwerpunkt wird bearbeitet von Philipp Baumgartner, Marisol Glasserman, Johanna Jagonak, Walter Lamm, Laura Piep, Björn Schmitz, Desiree Schober, Sabrina D. Seal, Monika Stanislawski und Vera Zellmer, betreut und herausgegeben von Philipp Fust.

Quellen:

Alewyn, Richard: Die Lust an der Angst. In: Alewyn, Richard (Hg.): Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt am Main 1974: Insel Verlag, S. 307 – 330
Gerhards, Jürgen / Schäfer, Mike et al.: Terrorismus im Fernsehen. Formate, Inhalte und Emotionen in westlichen und arabischen Sendern. Wiesbaden 2011: VS
Truffaut, François: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? 3. Auflage. München 1999: Heyne
Schneider, Thomas: Der 11. September 2001 im amerikansichen Kino. Zur filmischen Verarbeitung eines kollektiven Traumas. Marburg 2008: Tectum Verlag