Eine Schwäche für Schall: ASMR im Film

Klang ist das Medium der Nähe. Er verflüchtigt sich umso weiter er sich von seiner Quelle entfernt. Er kann so stark sein, dass man ihn körperlich spürt und ist gleichzeitig so schwach und vergänglich, dass es unmöglich wird, ihn festzuhalten.
Wir beugen uns dem Schall, indem wir zu- oder weghören, indem wir dazu tanzen oder dazu einschlafen.,„Autonomous Sensory Meridian Response“, kurz ASMR, beschreibt das subjektive Erleben eines euphorischen Gefühls, das meist von positiven Emotionen und einem Kribbeln auf der Haut begleitet wird. Häufige Auslöser dafür können visuelle und auditive Stimuli wie sanfte und flüsternde Stimmen oder beruhigende Handbewegungen sein. Auf YouTube existiert mittlerweile eine große Community für ein Genre an Videos, die ASMR hervorrufen sollen. Dabei sind insbesondere Handlungen beliebt, die in Zusammenhang mit menschlicher Berührung und persönlicher Zuwendung stehen, wie etwa Haare schneiden, Kochen oder das Streichen über Oberflächen.

Auch in Filmen und Serien können ASMR-Trigger bewusst oder unbewusst eingesetzt werden. Zwar kann ASMR über alle Sinne herbeigeführt werden, allerdings spielt die klangliche Ebene hierbei oft eine übergeordnete Rolle in der Erfahrbarmachung des Raumes und subjektiver Körperlichkeit. Wird der Sound über ein binaurales Mikrophon aufgenommen, kann das Gefühl entstehen, von Klang umgeben zu sein. Als würde tatsächlich jemand neben dem eigenen Ohr einen Bleistift anspitzen. Dieser Effekt wird in einem Kinosaal über unter Umständen intensiver empfunden als vor einem Bildschirm mit Kopfhörern. Die distanzierte Intimität eines YouTube Videos kann sich auf Leinwand auflösen in ein gemeinsames sich Hineinversetzen in das Gehörte.

Besonders gelungen ist das in der Friseursalon-Szene in Battle of the Sexes. Nachdem die Friseurin Marilyn der Protagonistin Billie behutsam durchs Haar streicht, ihr ein Kompliment macht und sie nach ihren Wünschen fragt, hält sie ihr noch kurz ihr Handgelenk hin “It’s lavender oil. I put it on my wrist to relax the customers.” und beginnt dann damit, ihre Haare zu schneiden. Wir hören nur noch eine ruhige Musik und das Geräusch des Haareschneidens. Auch auf visueller Ebene wird Nähe suggeriert. Durch Haarspitzen hindurch sieht man Marilyns konzentrierten Blick, verliert beinahe die Orientierung, weil in der Nahaufnahme alles unkenntlich wird und sieht dann, wie Billie Marilyn durch den Spiegel beobachtet. Dabei erlebt jedoch nicht jeder jeden Stimulus als positiv und beruhigend.

Tatsächlich wirkt ASMRContent auf YouTube für viele Außenstehende eher irritierend. Die erzeugte Intimität erhält schnell einen befremdlichen Effekt, wenn sie eigentlich unerwünscht ist. ASMR kann daher beispielsweise in Horror Filmen gezielt eingesetzt werden, um ein Gefühl des Unbehagens und beklemmender Nähe zu erzeugen. Ein Flüstern kann genauso angsteinflößend wie beruhigend sein. So würde beispielsweise Voldemorts Stimme deutlich weniger bedrohlich wirken, wenn er in gewöhnlicher Lautstärke sprechen würde. Wer ASMR generell unheimlich findet, hat vielleicht einfach ein Problem mit Nähe.

von Maria Conrad