Der Akt der Adaption – Zur transmedialen Autorenpolitik von Walter Hills Bullet to the Head

Von Ivo Ritzer

Für die Medienwissenschaft gibt es vielleicht keinen interessanteren Fall einer Comic-Adaption als Walter Hills Bullet to the Head/Shootout – Keine Gnade (2013). Die Relation des filmischen Hypertexts zum literarischen Hypotext ist zugleich die denkbar komplexeste wie denkbar einfachste. Einerseits adaptiert der Film die französische Graphic “Du Plomb dans la tête”/”Blei im Schädel” (2004-2006; Text: Alexis „Matz“ Nolent, Zeichnungen: Colin Wilson), extrapoliert sie andererseits aber in extenso. Es wird nicht nur gekürzt, reorganisiert und different akzentuiert, Bullet to the Head lässt “Du Plomb dans la tête” schlicht kaum wieder erkennen. Entgegen der klassischen Frage: „Was verändert die Adaption?“ wäre mit Perspektive auf Bullet to the Head viel eher zu fragen: „Was behält die Adaption bei?“ Was Bullet to the Head von “Du Plomb dans la tête” übernimmt, das ist nicht mehr als das „High Concept“ der Graphic Novel: Ein Killer und ein Cop arbeiten wider Willen zusammen, um die Mörder ihrer jeweiligen Partner zur Strecke zu bringen. Dieses Konzept nun hat die Graphic Novel “Du Plomb dans la tête” selbst wiederum dem Medium Film entlehnt. In der Relation von Film und Graphic Novel ist somit eine mehrfache transmediale Passage zu konstatieren: Wo die Graphic Novel sich vom Film inspirieren lässt, adaptiert der Film die Graphic Novel, referenziert dabei allerdings weniger sie als vielmehr eben jenes filmische Vorbild, auf dem bereits die Graphic Novel basiert: Walter Hills 48 Hrs./Nur 48 Stunden (1982).

1

[Abb. 1]


Bullet to the Head
 nun leistet eine Inversion von 48 Hrs., eben jenem Film, mit dem Walter Hill das Konzept des „Anti-Buddy-Movie“ gestiftet hat. Dort versichert sich ein schmuddeliger, mundfauler, irischer Polizist (Nick Nolte) der Dienste eines smarten, redseligen, afroamerikanischen Gauners (Eddie Murphy), um mit dessen Hilfe einen flüchtigen Killer dingfest zu machen. Von Bullet to the Head wird diese Prämisse ins Gegenteil verkehrt: Nun treffen der junge, kommunikative, koreanischstämmige Cop Kwon (Sung Kang) und der alternde, schweigsame, italoamerikanische Gangster Bobo (Sylvester Stallone) aufeinander. [Abb. 1] In Analogie zu 48 Hrs. entwirft Bullet to the Head hier mitnichten aber eine Konstellation der Kumpel, vielmehr werden zwei Männer allein durch die äußeren Umstände zur Kooperation gezwungen. Zwischen beiden entwickelt sich keinerlei Freundschaft, und am Ende geht ein jeder der Protagonisten wieder seinen, d.h. getrennten, Weg. Sie wissen, dass sie auf konträren Seiten des Gesetzes stehen und damit keine Freunde werden können. Wo aber 48 Hrs. den Figuren zumindest noch einen gewissen gegenseitigen Respekt konzediert, ist in Bullet to the Head auch dieser weggefallen. Dabei wird die Graphic Novel “Du Plomb dans la tête” – mit ihrer Konstellation eines kaukasischen Paares – schlicht ignoriert. In Kontrast zur Vorlage, aber analog zu 48 Hrs., stehen ethnische Differenzen im Zentrum des Films. Eine besondere Dynamik erhalten diese, als Kwok sich in der finalen Sequenz des Films als der neue Partner nicht von Bobo, sondern von Bobos Tochter Lisa (Sarah Shahi) ausweist. Während in der Graphic Novel “Du Plomb dans la tête” die Figur der Lisa nicht einmal existiert, bildet in Bullet to the Head Kwoks Beziehung zu ihr einen zentralen Handlungsbogen, der immer wieder apostrophiert, wie die Antipathie zwischen Bobo und Kwok durch eine besondere Anziehung zwischen Lisa und Kwok konterkariert wird. [Abb. 2] Verarztet sie zunächst Kwoks Schusswunde, nimmt sie ihn später bei sich auf, um am Ende nicht mit ihrem Vater zu gehen, sondern bei Kwok zu bleiben. Durch die Union von Kwok und Bobos Tochter entfaltet der Film eine nachgerade utopische Vision. Was Bullet to the Head letzten Endes inszeniert, ist der Entwurf einer neuen nationalen Identität. Kwok und Lisa überschreiten die Grenzen von Ethnie und Kultur, um die Gemeinschaft der USA neu zu gründen. Ihnen gehört die Zukunft, während Bobo im Dunkel jener Nacht und Vergangenheit verschwindet, aus der er zu Beginn des Films aufgetaucht ist.

2

[Abb. 2]


Bullet to the Head
 lässt sich mithin als eine Art von Anthologie des gesamten Oeuvres von Walter Hill lesen[1]. Neben der bereits thematisch gewordenen Disposition des „Anti-Buddy-Movie“ steckt der Film voller ideosynkratischer Motive, die das Material der Graphic Novel an Hills Autorenpolitik brechen. Zu verweisen wäre hier unter anderem auf:

– den Fokus auf kulturelle Traditionen des Americana: Nicht nur weist Bullet to the Head einen „schwarzen“ Soundtrack von Rhythm & Blues auf wie schon Hills Southern Comfort (1981), 48 Hrs. (1982), Streets of Fire (1984), Crossroads (1986), Johnny Handsome (1989), Trespass (1992) oder Last Man Standing (1996), auch spielt der Film in New Orleans, also derjenigen Stadt, in der bereits ebenfalls Hills Debütfilm Hard Times (1975) sowie Johnny Handsome ihren Schauplatz finden; der Showdown von Bullet to the Head ereignet sich gar exakt am selben Ort wie in Hard Times.

3

[Abb. 3]

4

[Abb. 4]


– die Zentrierung des Konflikts auf spiegelbildliche Figuren: Wie bereits in The Driver (1978), Extreme Prejudice (1987) oder Undisputed (2002) zeigt Bullet to the Head zwei Antagonisten, die sich bekämpfen, obwohl sie verschiedenen Seiten derselben Medaille entsprechen; Bobo und Keegan – eine Figur, die der Graphic Novel “Du Plomb dans la tête” ebenfalls absent bleibt – sind beide Professionals, denen letztlich nichts an materiellen Werten, alles aber an der Performanz des Handelns liegt, nur wo Bobo das Töten als notwendiges Übel seiner Profession betrachtet, geht Keegan darin auf.

– die allusive Intertextualität zur Ära des Classical Hollywood: Sowohl über das Plot-Motiv der entführten und schließlich befreiten Tochter als auch über die Figur von Bobo gibt sich Bullet to the Head als freies Remake von John Fords The Searchers (1956) zu erkennen, ein Film, den etwa auch bereits Hills Streets of Fire variiert; am Ende von Bullet to the Head zitiert Bobo nun explizit den berühmten Satz von John Waynes einsamen Westerner Ethan Edwards: „That’ll be the day” – als Verweis darauf, dass auch Bobo aufgrund seiner destruktiven Impulse keinen Platz in der sozialen Gemeinschaft besitzt, selbst wenn er diese unter Einsatz seines Lebens verteidigt hat. [Abb. 3-4]

– die Emphase des Zeichenhaften der modalen Welt: In Tradition von Filmen wie Hard Times, The Driver, Extreme Prejudice, Last Man Standing und insbesondere Streets of Fire arbeitet Bullet to the Head durchgängig mit ikonischen Accessoires, die über den Film hinaus auf das Imaginäre populärer Kultur verweisen; ob Bobo mit einem antiken Winchester-Gewehr hantiert wie der Protagonist aus Streets of Fire oder ob der Showdown statt mit Vorschlaghämmern wie in Streets of Fire nun mit Feueräxten ausgetragen wird, stets oszilliert der Film zwischen einem Ausstellen und einer Einverleibung medial präfigurierter Bilder. [Abb. 5-6]

5

[Abb. 5]

6

[Abb. 6]


– die Forcierung autoreflexiver Strategien: Durch diegetische Kommentare der Figuren schafft Bullet to the Head eine semantische Ebene jenseits der erzählten Geschichte, die analog zu The Driver, Extreme Prejudice oder Last Man Standing kontinuierlich Fragen nach dem generischen Selbst stellt; die obligatorische Rede von Keegan vor dem Showdown kommentiert Bobo so etwa mit einem „We gonna fight or do you plan on boring me to death?“, bevor der er dann den sich anbahnenden Axtkampf mit einem Stirnrunzeln quittiert: „What are we, fucking vikings?“

– die artifizielle inszenatorische Stilisierung: Im Rekurs auf lange Brennweiten, Chiaroscuro-Kontraste und fluoreszierende Neon-Lichter kultiviert Bullet to the Head wie The Driver, The Warriors (1979), 48 Hrs. oder Johnny Handsome eine expressive Mise-en-scène, die Figuren wie Objekte quasi aus dem Bild stanzt. [Abb. 7-8]

– die Konzentration des Zuschauersubjekts auf die somatische Dimension des Dargestellten: Bei Hill schaffen seit Hard Times auf der einen Seite klassische Einstellungsfolgen eine permanente Orientierung im diegetischen Raum, auf der anderen Seite werden die Körper der Akteure im Raum immens mobilisiert und zusätzlich kinematographisch dynamisiert, ohne inszenatorisch aber die dekorativen Welten digitaler Spezialeffekte zu bemühen; in Bullet to the Head durch den Rekurs auf Zoom-Effekte und Handkamera ebenso wie durch eine rapide Schnittfrequenz.

7

[Abb. 7]

8

[Abb. 8]


– die Intensivierung des Bewegungsbildes zwischen Post-Klassik und Neo-Klassik: Ähnlich wie Streets of Fire, aber auch 48 Hrs., Extreme Prejudice oder Trespass, zielt Bullet to the Head durch Strategien von Dynamisierung und Somatisierung weniger auf eine kohärente Ästhetik als vielmehr eine signifikante Praxis ab; das audiovisuelle Arrangement scheint nicht mehr nur synthetisch, sondern synthetisiert.

– sowie schließlich den ideosynkratische Umgang mit allem Referenzmaterial: Bereits die ersten Worte des Films, von Bobo als proleptische Voice-Over gesprochen, zitieren nicht etwa die Graphic Novel “Du Plomb dans la tête”, sondern sind stattdessen wortwörtlich Hills frühem Film Southern Comfort entlehnt; „The guy I just saved is a cop“, sagt Bobo zu Beginn, als er einen gedungenen Killer erschossen und damit dem Polizisten Kwon das Leben gerettet hat: „That’s not the usual way I do things, but sometimes you gotta abandon your principles and do what’s right”.

„To do what’s right”, das ist zum einen in der Narration von Bullet to the Head die Geschichte eines Wahrheitsereignisses. Als sein Partner durch eine Intrige von skrupellosen Immobilienhaien und korrupten Politikern zu Tode kommt, entschließt sich der Killer Bobo „das Richtige“ zu tun und entgegen seines Outlaw-Codes mit dem Polizisten Kwon zu kooperieren. Zum anderen kann dieses „Richtige“ aber auch im Sinne einer Autorenpolitik von Walter Hill verstanden werden. Aus dieser Perspektive erscheint Bullet to the Head nicht zuletzt als eine medienpraktische Politik der Singularität, wie sie der neoplatonistische Philosoph Alain Badiou als einen Bruch mit dem Bestehenden bestimmt, d.h. einen „Widerstand gegen das einfache Weiterfließen des Lebens“[2]Bullet to the Head leistet in diesem Sinne des Bruchs genau jene kinematographische Synthese, die Badiou für eine medienimmanente Kultur einfordert: als „a synthesis with the contemporary world”[3]. Ihre Funktion besteht darin, das existente Medienmaterial aufzugreifen und im Prozess eines Durcharbeitens zu transformieren. Mit dem Hypertext Bullet to the Head hat Hill so die Graphic Novel radikal synthetisiert, deren Material aber dennoch wiederum die basale Prädisposition für seinen Zugriff auf das Medium Film bleibt. Der Hypotext von “Du Plomb dans la tête” wird hier durch die Politik des Autors einer transmedialen Übersetzungsarbeit unterzogen. Die Synthese resultiert aus einem Akt der Adaption.

Ivo Ritzer, Dr. phil, ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Medienwissenschaftlichen Seminar der Universität Siegen; Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mediendramaturgie/Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Lehrbeauftragter für Bild-, Kultur- und Medientheorie an der Fachhochschule Mainz. Promotion zur Dialektik von Genre- und Autorentheorie (2009). Gründer und Sprecher der AG Genre der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Externer Gutachter für Theatre, Film and Television Studies an der University of Glasgow. Herausgeber der Schriftenreihe „Neue Perspektiven der Medienästhetik“ (Springer VS). Zahlreiche Publikationen zu Medien-, Kultur- und Filmtheorie in Form von Aufsätzen, Herausgeberschaften und Monografien.


Badiou, Alain: Cinema, Cambridge: Polity 2013.
Badiou, Alain/Žižek, Slavoj: Philosophie und Aktualität, Wien: Passagen 2005.
Ritzer, Ivo: Badiou to the Head: Zur In-Ästhetik transmedialer Genre-Autoren-Politik, in: Ivo Ritzer/Peter W. Schulze (Hrsg.): Transmediale Genre-Passagen: Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden: Springer VS 2015.
Ritzer, Ivo: Walter Hill: Welt in Flammen, Berlin: Bertz + Fischer 2009 [Dissertation als „Genre/Autor“, Mainz 2009].

[1] Zu Walter Hill als einem Filmemacher zwischen Genre- und Autorenpolitik siehe: Ivo Ritzer: Walter Hill: Welt in Flammen, Berlin: Bertz+ Fischer 2009 [Dissertation als „Genre/Autor“, Mainz 2009].
[2] Badiou, Alain/Žižek, Slavoj: Philosophie und Aktualität, Wien: Passagen 2005, S. 23. Für den Versuch, Badious Philosophie für eine medienwissenschaftliche Perspektive fruchtbar zu machen siehe: Ivo Ritzer: Badiou to the Head: Zur In-Ästhetik transmedialer Genre-Autoren-Politik, in: Ivo Ritzer/Peter W. Schulze (Hrsg.): Transmediale Genre-Passagen: Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden: Springer VS 2015.
[3] Badiou, Alain: Cinema, Cambridge: Polity 2013, S. 228.