Angela Schanelecs „Marseille“ – der Zerfall des Minimalismus

Wie schreibt man über einen Film, den man nicht mag, ohne der Polemik zu frönen? Im Falle von Angela Schanelecs viertem Spielfilm Marseille fällt mir das überaus schwer. Zwar ist das eigentliche Thema durchaus interessant, jedoch scheitert der Film daran, dass das Zeigen von festgefahrenen Lebensrealitäten durch eine problematische Konzeption seinen Sinn verliert. Ich bin mir über die Eigenarten der Berliner-Schule-Stilrichtung zwar im Klaren, aber das ändert nichts daran, dass der Film für mich nicht funktionierte und ich mir schon während der Exposition dachte: Was soll das bloß?

Man beobachtet die junge Fotografin Sophie wie sie läuft und fährt, wie sie flirtet und tanzt und wohl auf der Suche aus sich heraus ist, filmisch angelegt in verschiedenen Stationen in einer immerwährenden Endstation. Und zu allem Überfluss ist sie auch noch in den Mann ihrer Freundin Hanna verliebt. Da ist es nicht gerade verwunderlich, dass besagte Freundin Schauspielerin ist, passt das doch so gut ins Prinzip der personifizierten Metaebene, die besagt, dass im Spiel des Lebens das Drehbuch auch mal Unschönes in sich birgt und es dummerweise an vielen Stellen mit Edding statt Bleistift geschrieben wurde. In gesprochenen Worten ist der Film also sicherlich interessant, vor allem der für Schanelec typische Aspekt des Nicht-Ortes.

In ORLY war dieser noch ein Flughafen, in Marseille ist es das lieblos-leere Studentenzimmer in Marseille, wo Sophie für eine Zeit lang residiert. Und so anonym wie ihr Zimmer ist auch die Stadt selbst, durch die Sophie streift. Bei anstehenden Ortswechsel in ihre Heimatstadt Berlin nimmt sie diese Einsamkeit mit sich, verändert hat sie der Aufenthalt in Frankreich natürlich nicht. Sie ist immer noch die alte. Das kennt man aus vielen anderen Filmen. Jedoch wird hier der Zugang durch stark definierte Charaktere (auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird) erschwert. In Marseille verkommt nämlich der Aspekt des Fotografierens zu einem Aufhänger, der die besagte Einsamkeit unbedingt benötigt und Sophie als menschliches Treibgut wirkt wie eine Performance-Künstlerin, die sich in ihrer Selbstdarstellung nicht wirklich unwohl zu fühlen scheint. So ist Einsamkeit nichts anderes als das Sujet einer Art elliptischen Theatervorführung, nicht etwa ein alltagsspezifisches Problem, das reflektiert wird, und somit Marseille letztendlich ein Film über die schöne Kunst des Einsam-Seins.

Es ist nicht schlimm, dass in Marseille praktisch nichts erzählt (sondern eben nur gezeigt) wird und man den Personen im Film nicht wirklich nahe kommt; Distanz wird hier groß geschrieben. Die Krux liegt vielmehr im Leitgedanken, welcher in Kombination mit dem Aussagespektrum und dem merkwürdig aufgesetzten – stellenweise unfreiwillig komischem – Schauspiel ein wirres Ganzes ergibt; und zwar ein nerviges Wirrwarr, nicht etwa ein interessantes; unterm Strich ein zähes Bühnenspiel (wie das im Film gezeigte), das irritiert. Theater Welt auf Zelluloid hat natürlich seine Berechtigung, keine Frage. Aber im Falle von Marseille scheppert einem eine gar unsympathische und aufgesetzte Intellektualität ins Gesicht, sprich ein Film, der scheinbar für einen äußerst kleinen Kreis gedacht ist und den Rest verdutzt die Stirn kratzen lässt. Nicht, weil man dessen Aussage nicht begreift, nichts mit ruhigen Filmen anfangen kann oder lieber Action-Flicks mit Jason Statham schaut, sondern weil das Gezeigte durch eine – wenn auch fast unmerklich – mitschwingende Überheblichkeit befremdlich und stellenweise fast schon abstoßend wirkt, vor allem im Kontext mit der Mitten-aus-dem-Leben-Thematik. Munter bröckelt hier der Minimalismus; und plötzlich reden die auch noch über Tschechow! Nicht überall wo Minimalismus draufsteht, ist auch einer drin.

Marseille
Reg.: Angela Schanelec
mit Maren Eggert, Emily Atef, Alexis Loret, u.v.m.
Deutschland, 2004; 95 min