Angela Schanelec – Die Retrospektive

Von Veronika Mayer

Angela Schanelec

Der Name Angela Schanelec ist eng mit dem Begriff der
Berliner Schule verknüpft. So wird das filmische Schaffen einer losen Gruppe von Regisseuren seit Mitte der neunziger Jahre genannt, zu der zu Beginn Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec gezählt wurden. Alle drei hatten zuvor an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) studiert und sich dort kennengelernt. Inzwischen werden auch Namen wie Christoph Hochhäusler, Ulrich Köhler, Valeska Grisebach, Henner Winckler und einige mehr mit der Berliner Schule in Verbindung gebracht. Dabei ist die Berliner Schule kein selbst gewählter Zusammenschluss, vielmehr entstand die Zusammengehörigkeit erst in der Filmkritik, die den Filmen eine gemeinsame Ästhetik attestierte. Wenn Christoph Hochhäusler vom „Einbruch der Wirklichkeit in den deutschen Film“ spricht, so sprachen die deutschen Kritiker anfangs vom Eigensinn, von der Sperrigkeit und vom anstrengenden Charakter dieser Filme. Gemein ist den Filmen vor allem eine visuelle Ästhetik, eine neue Art des visuellen Erzählens. Das ist ein gutes Stichwort, um zu Angela Schanelec zurückzukehren.

Vor ihrem Studium an der dffb war sie mehrere Jahre als ausgebildete Schauspielerin an Theatern und Schaubühnen in Köln, Hamburg, Berlin und Bochum tätig. Das hat sich auch in ihren Filmen niedergeschlagen. Ihre Filme zeigen einerseits eine Abkehr vom Theater und seiner Dramaturgie, andererseits bedient sich Schanelec auf der sprachlichen Ebene klassischer Elemente des Theaters.
Sie selbst sagt, dass sie sich in ihren Filmen auf andere Dinge konzentriere, Handlung interessiere sie nicht. Ihr sei die klassische Dramaturgie bekannt, aber viel wichtiger sei es, sich von dieser Dramaturgie loszulösen. Und so kommt es, dass sich ihre Filme aus einzelnen Momenten zusammensetzen. Momente, die laut Schanelec eher als Pause empfunden werden, mit denen man sich jedoch sein ganzes Leben lang beschäftigt. Daher spielen Stillstand und Bewegung bei Schanelec eine wichtige Rolle. Das trifft auch auf die Kamera zu. Eine Schuss-Gegenschuss-Situation findet sich bei Schanelec selten. Das hat vor allem mit ihrer Arbeitsweise während des Drehs zu tun. Bei ihrem ersten Film Das Glück meiner Schwester (1995), für den sie mit dem Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet wurde, konzentrierte sie sich darauf, linear von Einstellung zu Einstellung ohne Sprung zurück zu arbeiten, was Verfahren wie Schuss-Gegenschuss von vorn herein ausklammert. So entstand ein für Schanelec typischer Prozess, den Film sozusagen bereits beim Drehen in der Kamera zu schneiden. Ein weiterer Ausgangspunkt war bei diesem Film, die Kamera als statisch zu sehen. Durch die Nähe zu ihren Darstellern in Gesprächssituationen rückt so der Gesprächspartner aus dem Bild, während seine Stimme aus dem Off zu hören ist. (In späteren Filmen wie z.B. Nachmittag entwickelt Schanelec diese Art der Gesprächsführung weiter, in dem sie den Kameraschwenk zum Gesprächspartner einführt.) Für Schanelec ist dies kein Problem, da sie dem Wort und der Sprache eine große Bedeutung zuweist. Das Ohr ist dem Auge überlegen und damit der Ton dem Bild, die intensive Wahrnehmung des Ohrs ist in der Lage, Lücken zu öffnen und die Phantasie und die Freiheit des Zuschauers zu bedienen. Und so wird das Bild selbst erweitert, indem es durch den Ton auch immer das Off mit einschließt.


In ihrem zweiten Film Plätze in Städten (1998), der in Cannes uraufgeführt wurde, wird zudem ersichtlich, welche Wichtigkeit der Original-Ton in Schanelecs Filmen inne hat. In einer Einstellung, in der der Blick der Kamera aus dem Fenster eines Klassenzimmers fällt, können wir zwar sehen, was draußen ist, hören aber, was drinnen Klassenraum passiert. Man hört das Knistern von Papier, lautes Atmen, das Scharren von Füßen. Schanelec versucht, den Ton so wenig wie möglich zu manipulieren. Der Ton wird zu einer Möglichkeit, in dem hoch künstlichen Akt des Filmens den Bezug zur Wirklichkeit herzustellen, auch für die Schauspieler. Im Moment des Filmens ist der Ton das, was wirklich da war und damit das Geschehen zu einer potentiellen Wirklichkeit werden lässt.


Und mehr noch: Der Ton kann stellenweise für und anstelle von Bildern sprechen oder ganze Handlungsstränge ersetzen. Nicht jedes Geschehen hält Schanelec in Bildern fest, Sprache und Dialoge können im Film ebenso erzählen. Auf diese Weise findet sich der Botenbericht des klassischen Theaters bei Schanelec wieder. Der Bote überbringt die Nachricht des Geschehens (dies kann ein Überfall sein wie bei Marseille oder die Erzählung des Sohns, dass er Sex mit seinem besten Freund hatte wie in Orly) und löst damit eine Reaktion beim Empfänger aus. Die Beobachtung der Reaktion ist für Schanelec viel wichtiger als das Geschehen selbst.


Ein großes Thema in Schanelecs Filmen ist die Beziehung zu Familie und Freunden. Sei es das Problem, ein Verhältnis zu seiner Familie zu finden wie in Mein langsames Leben (2001), die plötzliche Einsamkeit wie in Marseille (2004) oder das Zusammensein vieler Menschen an einem Ort wie in Nachmittag (2007l). Die Beziehung zwischen Personen ist der Dreh- und Angelpunkt von Schanelecs Filmen und genauso beginnt sie auch die Arbeit an ihren Filmen: Mit der Skizzierung von Momenten, in denen Personen sich zueinander in Beziehung setzen. Und genau diese Momente ergeben dann in ihrer Summe den Film der Angela Schanelec:

„Diese Filme bestehen ja aus jedem einzelnen Moment, der auf einen anderen Moment folgt. Und es gibt eine Lust und ein Vergnügen, jeden einzelnen Moment wahrzunehmen und nicht zu wissen, was als nächstes passiert…“ (Angela Schanelec über Orly).

Sehr zu empfehlen ist die Dokumentation Der Ton, das Wort, das Bild: das Kino der Angela Schanelec von Geremia Carrara, der auf der DVD von Nachmittag enthalten ist.

Filmographie: Das Glück meiner Schwester (1995, Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik), Plätze in Städten (1998, Uraufführung Festival de Cannes), Mein langsames Leben (2001, Uraufführung Berlinale), Marseille (2004, Uraufführung Festival de Cannes, Drehbuchpreis der deutschen Filmkritik), Nachmittag (2007, Regiepreis Albe International Film Festival), Deutschland 09 – Erster Tag (2009), Orly (2010, Uraufführung Berlinale, Filmkunstpreis Festival des deutschen Films Ludwigshafen).