All the Vermeers in New York

Von Laura Sophie Culik

Jon Jost hat diesen Film im Jahr 1990 gedreht, daher auch die dem aktuellen Modestil enstsprechende Ästhetik. Alles sieht weicher aus als heutzutage gedrehte Filme, und die Kleidung der Filmcharaktere, fotografiert mit eben dieser Art von Weichheit und spätsommerlich wirkendem goldenem Licht findet man dieser Tage in zahlreichen Blogs und Zeitschriften sowie bei American Apparell und Urban Outfitters – nur nicht ganz so schön, weil nachgemacht. Also: Leggings, weite Oberteile, lange Blazer mit betonten Schultern, fransige Ponyfrisuren, Bundfalten, Schnürstiefel, lange Röcke, geflochtene Zöpfe, kräftige Augenbrauen, dunkelrote Lippen.
Mit anderen Worten: dieser 20 Jahre alte Film könnte, vom visuellen her, auch brandneu sein. Lediglich die riesigen, flackernden Computer in Marks Großraumbüro (Mark arbeitet irgendwas, das mit Aktien zu tun hat) und ein Mangel an iPhones lassen das Alter des Films erahnen.

Die französische Schauspielerin Anna lernt Mark im Metropolitan Museum of Art kennen, als sie gerade die Vermeers bewundert. Er schiebt ihr einen Zettel zu, sie nimmt ihn und geht sofort weg. Die Romanze, wenn man es so nennen kann, nimmt seinen Lauf, man sieht Anna und Mark gemeinsam an verschiedenen Orten. Bei einem Treffen in seiner Wohnung seuft Anna theatralisch, sagt auf Nachfrage, dass sie Kummer wegen ihrer Miete hat, und lässt sich von ihrem Bewunderer 3000 Dollar in bar geben.

Der Zusammenhang zwischen Liebe und Nutzen steht im Fokus des Films, genauso wie der Zusammenhang zwischen Kunst und Geld. Gleich zu Beginn des Films ist ein junger Künstler im Büro seiner Galeristin zu sehen, als er sie um einen Vorschuss anfleht, den sie ablehnt. Gleich danach ist eine Kunstsammlerin in der Galerie, die unbedingt – egal zu welchem Preis – das Hauptstück der aktuellen Ausstellung besitzen will. Außerdem wird Anna beim Besuch der Met gezeigt, dazwischen sind Szenen von Mark bei der Arbeit im Aktiengeschäft zu sehen. Ziemlich offensichtlich präsentierte Gegensätze, die im Laufe des Films elaboriert werden.

Anna liegt jedenfalls abgesehen von seinem finanziellen Wohlstand nicht viel an Mark, der sie wirklich zu mögen scheint. Kurz vor ihrer Abreise zurück nach Paris (wo übrigens ihr Freund auf sie wartet) ist Mark in der Met im Vermeer-Raum, anschließend spricht er Anna auf den Anrufbeantworter, dass er sie liebt. Währenddessen scheint er einen Infarkt oder einen Gehirnschlag zu haben, denn er bricht in der Telefonzelle zusammen und blutet aus dem Ohr. Als Anna aufgrund seiner Nachricht ins Museum fährt, ist Mark bereits tot.

Das erschreckende oder faszinierende an All the Vermeers in New York ist die Distanz zwischen den Charakteren, die durch Jon Josts wunderbare Kameraführung und die wirklich schönen Bilder noch verstärkt wird. Als Anna auf dem Weg zum Flughafen (wo sie mit ihrer besten Freundin zurück nach Paris fliegen will) im Museum vorbeischaut, sieht man, während Anna den toten Mark erblickt, wie das Taxi, in dem ihre Freundin auf sie warten sollte, wegfährt. Körperkontakt gibt es kaum, zwischen den Menschen ist immer ein gewisser Raum, der nicht gefüllt wird. Anna hat kein einziges freundliches Wort für Mark übrig, das auf Zuneigung ihrerseits schließen könnte, maximal ein kleiner Scherz oder generelle Fröhlichkeit kann ihrem Steingesicht entlockt werden. In einer Szene besuchen Anna und ihre Freundin deren Vater, der die beiden wie seltene Gäste behandelt und wirkt wie ein höflicher, aber fremder Mensch. Es gibt keine Vertrautheit zwischen Vater und Tochter, zwischen Anna und Mark, höchstens zwischen Anna und ihrer Freundin, aber auch diese ist nicht von Dauer. Vielleicht soll der Film aussagen, dass Menschen aufhören zu existieren, wenn sie wie Geld lediglich einen Nutzen, aber keinen emotionalen Wert für den Nutzer haben dürfen.

1989-90 | 35mm | Color | Sound | 90 minutes
Writer, director, editor, cinematographer: Jon Jost
Executive Producer: Lindsay Law for American PlayhouseProducer: Henry S. Rosental
Music: Jon A. English
With: Stephen Lack, Emmanuelle Chaulet, Katherine Bean, Grace Phillips, Laurel Lee Kiefer, Gracie Mansion, & Roger Ruffin