A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT

Stille auf den Vampir im Film zurückzuführen fängt vielleicht bei Murnau an. In Eine Symphonie des Grauens erlebt der Rezipierende das Starren der an Dracula angelegten Figur Max Schrecks als Silhouette des Horrors, ohne selbst einen einzigen Ton zu erzeugen. Natürlich ist der Stummfilm mit Musik untermalt, was in dieser Betrachtung als sekundär gesehen werden soll. Die Darstellung wird nachher berühmt unter dem Pseudonym „Nosferatu“, ein Mythos welcher ebenso namensgebend für den Film ist. Schreck’s Dracula ist kostümiert, denn die Darstellung selbst soll im Schauermärchen Angst einjagen. Das Visuelle des Vampirs steht im Vordergrund und ist prägend für weitere Darstellungen in späteren filmischen Umsetzungen. Stille hat bei Murnaus Vampir eine andere Wirkung, weil sie schlichtweg in der Blöße des Films gegeben ist. Mit diesem sehr frühen Bild des filmischen Vampirs wird ein Turnus gesetzt, der sich im Laufe der Filmgeschichte verändert und schließlich in anderen Werken gipfelt, die sich weit von dem aufgetragenen Vampirbild entfernt. Die Frage nach dem Vampir an sich; was er ist, was er verkörpern soll und wie er gelesen werden kann, hat sich verändert. Ein modernerer Vampir ist jedoch nicht weit weg vom murnau‘schen Vorsatz; doch steht er nicht in der Türschwelle, sondern gleitet in Tschador auf einem Skateboard durch die düsteren Straßen einer Stadt namens Bad City.
Arash (gespielt von Arash Marandi) lebt mit seinem drogenabhängigen Vater Houssein (gespielt von Marshall Manesh, u.a. in The Big Lebowski) in Bad City, einer iranischen Stadt und wird von seinem vermeintlichen Arbeitgeber und Drogendealer Saeed (gespielt von Dominic Rains) drangsaliert. Saeed verdient sein Geld außerdem als „Pimp“ und wird als er eine seiner für ihn arbeitenden Prostituierten aufsucht und misshandelt von einer Frau in Tschador beobachtet. Wenig später trifft er sie nachts auf der Straße und sie überredet ihn nahezu wortlos sie mitzunehmen. Angekommen stellt die namenlose Frau sich als Vampirin heraus, da ihr lange Fangzähne wachsen und rammt diese in seinen Nacken, um sein Blut zu trinken. Nach Saeeds tot findet Arash seine Leiche, versorgt seinen Vater mit dem benötigen Heroin und trifft selbst nach einer Feier die Vampirin auf der Straße. Es bahnt sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden an, nachdem die Vampirin den unter Drogen stehenden Arash mit zu sich nachhause nimmt.
A girl walks home alone at night ist eine westliche Produktion. Darsteller:innen und Regie sind jedoch durch ihre Herkunft mit dem Iran verwurzelt und so ist der Film auch gänzlich in persischer Sprache. Der Cast besteht hauptsächlich aus in der westlichen Welt aufgewachsenen Mitwirkenden. Am deutlichsten zeigt sich der westliche Einfluss auf den Film in seiner Zitation. Immer wieder werden westliche, prägend Werke in Dialogen rezitiert. Die Ästhetik kommt der einer Spaghetti-Western ala Sergio Leone nahe. Die namenlose Vampirin wird zur Vigilante, die sich am Blut des Patriarchats zu laben scheint, um die Frauen in Bad City zu beschützen.[1] Der Film pointiert seine außerweltliche Darstellung letztliche mit der utopischen Idee der Freiheit in der iranischen Stadt für die Vampirin.

Ana Lily Amirpour hat einen schwarz-weißen Vampirfilm gedreht, der teilweise einen Modus des stummen Urtyps der Sagengestalt einfängt und dabei nicht nur feministische Agenda, sondern eine eigentlich schauerliche Systemkritik mit sich bringt. Der Mythos wird durchbrochen durch den Widerstand, der sich durch die dargestellte, weibliche Vampirfigur in einer iranischen Stadt ausgedrückt. Durch den Mythos des Vampirs kann die Frau die auferlegten theokratische Unterdrückung durchbrechen. Ein Vampir und somit eine übernatürliche, monströse Macht zu besitzen, gibt ihr die Möglichkeit gegen das System zu rebellieren. Der Tschador wird dabei erhält eine neue Bedeutung und das Stigma des Kleidungsstücks wird unsichtbar für den Rezipierenden. Arashes Dracula-Kostüm zeigt hierbei jedoch die männliche Rückbesinnung auf Belá Lugosi, welches im Film als Vergleich zum realen Vampir in dieser Geschichte wie ein bitteres, betrunkenes Porträt wirkt. Er ist es, der am Ende dieser der den nachhause geführt werden muss, wo doch erst die Frage nach dem Aufenthalt auf der Straße der Frau gestellt worden ist.
Stille hat in diesem Falle eine andere Verortung. Oftmals kann die Rezipient:in nur einfachen Dialogfetzen lauschen. Der Soundtrack bleibt an vielen Stellen aus, nur um die Umgebungsgeräusche eines rauschenden Windes herauszufiltern. An einer Stelle allerdings verwandelt er sich in ein tiefes Dröhnen und bewegt sich ganz nah an die Klischees eines westlichen Horrorfilms. Die Stille um die Vampirin liegt der Bewegung. Durch das leise über die Straße rollen der Skateboardräder wird die Stille der Umgebung erst vernehmbar. Die Stille hat etwas Gleitendes; sie ist hierbei nicht das komplette Aussetzen der Tonkulisse, sondern das Wegbleiben der anderen Komponenten. Beim Aufeinandertreffen von Arash und der Vampirin bleibt der Score gänzlich aus, bis sie sich entscheidet ihn mit sich zu nehmen. Doch dies ist nicht die einzige Stille, die wahrgenommen werden kann. Nur ein einziges Mal wird das Verbot, in der Nacht durch die Straßen der Stadt zu schreiten, thematisiert. Es wird still um die Tatsache, dass die Vampirin weiblich ist. Es wird still, weil das Statement eine Gegebenheit wird, die nicht weiter thematisiert werden muss. Im Mantel des Vampirs versteckt sich die Kritik als unausgesprochene Gegebenheit und wird entgegen des Verbots akzeptiert.
Ein Blick auf das iranische Recht verrät die Kontroversität dieser Darstellung. Ein einfacher nächtlicher Spaziergang ist im Iran für die Frau nicht möglich. Weitere Faktoren benachteiligen die Frauen im Recht, sodass auch z.B. Gewalt in der Ehe gegenüber der Frau keine Rechtskräftigkeit besitzt.
Auch wenn es so scheint, fixiert der Film nicht gänzlich das gezeichnete Bild der feministischen Vampir-Vigilante. Der männliche Gegenpol zur namenlosen Vampirin Arash wird von Anfang bis Ende stärker thematisiert, obwohl es sich bei ihm um keine stereotypische Figur handelt. Der Film brilliert mit seinen subtil und als gegeben akzeptierten Wertevorstellungen und der Ästhetik. Mit dem Blick zurück auf Murnau prägte dieser eine Darstellung des Vampirs, der als Werkzeug diente, um diesen Film herzustellen. In den Augenblicken in denen die Stille das Ausbleiben der Tonkulisse ist und die Vampirin zur rastlosen Wanderin wird, erzeugt der Film einen neuen Mythos.

von Marc Beinling

Endnoten:

1 https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/15295036.2017.1302092?journalCode=rcsm20