8 faule Bilder

von Serjoscha Wiemer und Anke Zechner

(1) ein angefaulter Text

Einen Text zu schreiben verlangt, die Faulheit zu bekämpfen. Schreiben ist ein Beleg für die Unmöglichkeit von Faulheit. Kommunikation ist Anti-Faulheit.
Wenn Faulheit einmal möglich war, dann im ruhigen Dahinziehenlassen der Wolken. Beim Blick in den Himmel, ohne Ziel und Aufgaben. Faulheit als Schwelle zur Muse? Müssen Dichter und Künstler die Faulheit als Schwester der Muse begrüßen und bejahen?

Der faule Künstler, die faule Künstlerin, wird mit der Industrialisierung, spätestens aber seit dem 20. Jahrhundert obsolet.

(2) ein fauler Zuschauer

Faulheit im Film? Gibt es nicht! Erstens ist Film immer Arbeit. Faule Menschen drehen keine Filme. Das beweist der Abspann eines jeden Kinofilms. Die Namen sind zu zahlreich, um sie lesen zu können.

Faul sind höchstens die Zuschauer, die nach der Geschichte, aber noch vor dem Ende des Abspanns das Kino verlassen, weil sie nichts über die getane Arbeit lesen wollen. Gegen diese faulen Zuschauer wehren sich manche RegisseurInnen durch nachgeschobene kleine Sequenzen, die nach der Schrift nochmals einsetzen. Schlechte VorführerInnen erkennt man daran, dass sie das Saallicht schon vor dem Ende des Abspanns anschalten. Vermutlich tun sie das aber nicht aus Faulheit, sondern im Gegenteil: Sie eilen gehetzt in den nächsten Saal, um die Projektoren zu kontrollieren. Oder sie säubern eilig den Kinoraum von den Speiseresten vor der nächsten Vorstellung.

Die Regisseure, die von sich selbst die Faulheit behaupten (wie Tsai Ming-liang, cf Reynaud 1997: 36) sind zwar diesbezüglich nicht ernst zu nehmen. Manchmal machen sie aber die schöneren Filme, denn sie sind offen für das Gefundene, zufällig Gegenwärtige.

(3) faule Helden

Die Darstellung von Faulheit im Film ist dagegen schon möglich, die entworfenen faulen Figuren folgen allerdings meistens romantischen Vorstellungen von Müßiggängertum, so als ob im Nicht-Handeln eine Verweigerung gegen gesellschaftliche Anforderungen liegen könnte. Wäre aber nicht vielleicht das positive Moment von Faulheit eher in passiven Figuren zu finden, die als Schauende aus dem Geschehen herausgetreten sind? Die sich nicht ganz beteiligen können oder wollen und zu Beobachtern werden. Deleuze hat sie als Figuren beschrieben, die vom Geschehen überfordert werden. Es ist ein Kennzeichen des Neo-Realismus, solche Figuren ins Zentrum zu stellen. Sie lassen das Aktionsbild ‘faulig’ werden. Der Neo-Realismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine Reaktion auf die Unmöglichkeit zu handeln und die überkommenen Aktionsbilder fortzusetzen. Nicht-Handeln zu können ist aber nicht das gleiche wie Faulheit, oft ähnelt es sogar einer Form von Getriebenheit. Die Krise des Aktionsbildes ist nicht der Beginn von Faulheit im Film. Es geht vielmehr um ein neues Verhältnis zwischen Handlung und Sehen, Beobachten und Zuschauen. Es gibt die Hoffnung, die wirkliche Situation durch Betrachtung erkennen zu können und dadurch ein neues Verhältnis zur Welt zu gewinnen.

In Mamoro Oshiis Sky Crawlers findet sich ein gegenwärtiges Beispiel für ein ins Stottern geratenes Aktionsbild. Bemerkenswert ist in diesem Animationsfilm die durchgehende Verlangsamung, die die gesamte Darstellung durchzieht. Hier ist es nicht allein der Filmheld, der dem Geschehen distanziert gegenübersteht, sondern es ist vor allem auch ein Hund, der, fast wie ein Stellvertreter des Zuschauers, betont behäbig und freundlich gelassen durch das Bild tapst. Wie um die Verlangsamung zu begründen blickt dieser Hund behäbig auf das Rollfeld, lange Sekunden unbewegt, bevor er sich zu einem freudigen Kläffen erhebt.

Sky Crawlers

(4) Power-Napping: Das Kapital schläft nicht

Getting Things Done (GTD) ist nicht nur eine Methode zur Selbstorganisation, sondern kommt wie selbstverständlich als Imperativ daher, der nicht nur für bestimmte Büroaufgaben, sondern für das Leben als Ganzes Anwendung verlangt. Der 24/7 Kapitalismus, wie ihn Jonathan Crary beschreibt, lässt keine Lücken und Ausflüchte mehr gelten. Auch jenseits der Zwangsinstitutionen von Arbeit, Schule, Gefängnis – und seit Bologna-Reform auch der Universität – darf es keine Zwischenräume und -zeiten mehr geben, in denen Selbstmanagement und Selbstoptimierung ruhen.

Eine Welt voll von To-Do-Listen kennt noch Aufschieberitis, neudeutsch Prokrastination genannt, als behandelbare Motivationsstörung (mit Gefahr möglicher Depression), aber keine Faulheit mehr. Multitasking und Gadget-Training (unsere kleinen mobilen Sklaventreiber) sind Ausdruck von Anti-Faulheit.

Wo könnte Faulheit dann überhaupt noch als glaubhaftes, tatsächliches Motiv zu finden sein? Computerspiele sind Arbeit und verlangen den fleißigen Klicksklaven, Kino ist Bilderkonsum oder Bildung oder Wahrnehmungstraining, das Fernsehen verlangt die Benutzung der Fernbedienung als Fingermassage. Medienpessimismus Ahoi!

Und wenn ich mal Pause habe, probiere ich ein paar neue »tools« für mein Handy aus.

(5) verfaulte Jugend

Faulheit ist eine moralische Kategorie. Sie gehört zur Delinquenz. So in der Fernsehserie Misfits. Eine Gruppe von straffällig gewordenen Jugendlichen wird zur Sozialarbeit verdonnert, wogegen sie sich mit der Ausstellung von demonstrativer Faulheit zur Wehr setzen. Gemeinnützige Tätigkeit zur Besserung gegen soziale Verwahrlosung. Ein Grüppchen von Sozialverweigerern und -verlierern. Ihre Reaktion ist demonstrative Pflichterfüllung mit der Geste gelangweilter Gelassenheit.

Misfits S01E03.avi

Faulheit als Demonstration der eigenen Überflüssigkeit? Die arbeitslosen Jugendlichen in Griechenland, Spanien oder Portugal können solche Gesten wohl nur als fremdartigen Luxus verstehen. Fernsehen und Wirklichkeit müssen sich nicht decken. Die Misfits sind keine gewöhnlichen Jugendlichen, sondern haben je eigene “Superkräfte”, die sich nach einem Blitzeinschlag manifestieren. Auch diese Superkräfte sind jedoch demonstrativ überflüssig, un-produktiv. Keine Weltrettung in Sicht: So schüchtern, dass man unsichtbar wird, so verträumt, dass man die Gedanken anderer hören kann, so feminin-attraktiv, dass jede Berührung zu Sexwahn führt, so jung und großmäulig, dass man unsterblich wird, so schnell, dass die Zeit rückwärts läuft und die Zukunft ungeschehen gemacht wird.

Übertroffen wird ihre Faulheit nur noch durch den Bewährungshelfer, der jedes Engagement für die ihm Anvertrauten vermissen lässt und sich aus Krisensituationen mit dem Hinweis auf seine “Arbeitszeiten” punktgenau verabschiedet.

Faulheit ist hier ein Spiegel von aktueller Perspektivlosigkeit, eines gesellschaftlichen status quo, der trotz allem Performance-Gedudel seine Versprechen auf Zukunftschancen nicht einhält.

(6) fauler Fleiß

Faulheit als eine Kategorie von Delinquenz ist unerwünscht. Sand im Getriebe einer auf Produktivität ausgerichteten Ordnung? Sie ist Objekt von Disziplinierung und Überwachung. Sie ist ein Vorwurf, der an unerledigte Aufgaben mahnt. Und sie ist Objekt von vielfältigen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung und Überwachung. Die Schule, das Gefängnis, die Fabrik, die Universität. Arbeitslose werden zu unterschiedlichen Maßnahmen verpflichtet, Fortbildung, Bewerbungstraining, lebenslanges Lernen. Es kann gar nicht früh genug beginnen, Kindergarten, Vorschule, frühkindliche Förderung.
Statt Zwang auch bevorzugt pädagogisch mit Anreizen. Die Subjekte werden angehalten zu Selbstmanagement, Selbstoptimierung, Motivationstraining. Die Fabrik ist ein Gas, schreibt Deleuze. Jeder ist ein eigenes Unternehmen.
Abhängig ist dieses Unternehmen von der “Performance” des Fleißes, bzw. die Performance einer Welt, die vom Fleiß und der ununterbrochenen Tätigkeit abhängig ist. Andrew Murphie zufolge richtet sich diese permanente Aufforderung zur Dauer-Performance (in allen Lebenslagen) gegen die Angst vor der nicht beherrschbaren Unendlichkeit der Welt – der ins Uferlose gesteigerte, nicht mehr (be-)greifbare Kapitalismus ist letztlich ein Auswuchst der Abwehr des unkontrollierbaren Lebens.

(7) verfaulte Welt

Die Dauer-Performance jedes Einzelnen im gegenwärtigen Cyber-Kapitalismus verdrängt die Welt.

Immer billigere ‘smarte’ Überwachungsgeräte – schon wieder ein Angebot, das man nicht ablehnen kann – tragen die äußeren Anreize zu Kommunikation, Information, Unterhaltung, Do-it-yourself, in jede Ritze des Alltags. Statt untätige Faulheit Dauersurfen im Netz, Rumklicken statt Abhängen. Prokrastination statt Pause, Unterbrechung, Auszeit. Permanente Erreichbarkeit statt bekennende Untätigkeit. Motiviert bis in die Haarspitzen! Vorwärts Sisyphos: Noch einmal, du musst dich nur mehr anstrengen. Jeder kann es schaffen, wenn er nur wirklich will. Das Wollen permanent zu wollen lernen, das Lernen immer neu erlernen. Erschöpfung heißt jetzt Burn-Out. Faulenzen heißt jetzt ADHS oder Ritalin! Und schlafen? Das kannst Du noch, wenn Du tot bist.

Aber was, wenn all die Aktivierungsbemühungen, die permanenten Anreize nicht fruchten? Was, wenn sich keine Tätigkeit findet? Was, wenn der Alltag sich immer zäher anfühlt, wenn die Faulheit aus jeder Ritze kriecht wie Löwenzahn durch die Poren im Asphalt? Wenn der tausendste Sofort-Download trotz Highspeed-Anschluss zu lange dauert und trotz Multitasking die Gedanken einen Schlupfwinkel finden, aus dem sie in die Leere abgleiten? Wenn trotz Zappen, Klicken, und täglich neuen ‘Freunden’ der Computer nicht alle Facetten unseres Daseins ausfüllt, wenn trotz sofortiger Antwort, kleinste Verzögerungen sich doch zusammenfinden, und sei es nur in den Schlupfwinkeln unserer gesteigerten Wahrnehmung wie eine Milliarde mal Nano-Sekundenschlaf sich zu der Erfahrung unerfüllter Zeit verdichtet. Nur nicht Blinzeln! Ein falscher Lidschlag im falschen Augenblick könnte dem Nichtstun ein Einlasstor bieten. Faulheit sprießt uns aus allen Poren.
Und dann endlich weiterpennen nach dem Power-Napping. Wie ein absichtliches Stolpern auf der Zielgeraden. Do.it.yourself?! – nicht schon wieder.

(8) faules Stück

Und natürlich wird vor lauter Faulheit mal wieder die Geschlechterfrage außer acht gelassen. Dabei wird gerade dem faulen Geschlecht die Faulheit nicht zugestanden. Natalie Lettenewitsch hat sehr schön aufgezeigt, dass im Film faule Frauen so gut wie nicht zu finden sind. Eine bekannte Ausnahme ist das Mannequin in Menschen am Sonntag (Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder, Deutschland 1930), das den ganzen Film verschläft. Ansonsten behaupten sich die Frauen eher im Erkämpfen ihrer beruflichen Anerkennung.

Menschen am Sonntag

Generell scheinen Frauen einem anderen Regime temporalisierter Produktivität zu unterliegen, für die der Gegensatz von ‘produktiver Arbeit’ und ‘Faulheit’ so keine Gültigkeit hat. Nach Heike Klippel sind sie gesellschaftlich einer Zeit ohne Ende ausgeliefert. Offensichtlichstes Beispiel ist die Hausarbeit. Sie wird so niedrig eingestuft, dass sie gesellschaftlich kaum von Faulheit zu unterscheiden ist. Vielleicht daher die große Anziehung, die von den romantischen faulen Helden auf die Frauen ausgeht, die deren Untergang so oft begleiten.

Quellen:

Anke Zechner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG Forschungsprojekts “Giftdiskurse in Film- und Wissenschaftsgeschichte: Das Giftmotiv im Spielfilm” in Braunschweig.

Serjoscha Wiemer ist Akademischer Rat im Studiengang Medienwissenschaften an der Universität Paderborn.

Zusammen haben sie zum (angrenzenden) Thema u.a. veröffentlicht: “Zwischen Langeweile und Zerstreu- ung. Von der Zeiterfahrung der Moderne zur Utopie des Kinos”. In: Karschnia, Alexander / Kohns, Oliver / Kreuzer, Stefanie / Spies, Christian (Hrsg.): Zum Zeitvertreib. Strategien – Institutionen – Lektüren – Bilder. Bielefeld 2005: Aisthesis, S. 47–58.