Einleitung zum Schwerpunkt “Fahren im Film”

Wenn Barry Newman als Kowalski in Vanishing Point (1971) am Steuer eines Dodge Challenger R/T von Denver nach San Francisco durch die Wüste braust, dann symbolisiert das seine individuelle Flucht vor dem amerikanischen Traum. Seinen Bestimmungsort erreicht er zwar nie, jedoch war stets die Fahrt das Ziel und damit die Flucht vor der Exekutive, die durchlebte Freiheit sowie die Hoffnung, bis fast zuletzt unaufhaltbar zu sein. Vielfach zitiert, etwa in Tarantinos Death Proof, fungiert der Film als ein Genre-Urgestein, röhrende Motoren auf einsamen Landstraßen sind seit jeher en vogue, wenn sie es nicht schon mit Peter Yates Bullitt waren, der drei Jahre zuvor in die Kinos kam und Jahre später Nicolas Winding Refn zu seinem Neo-Noir-Thriller Drive inspirierte.

Richard C. Sarafians Klassiker des Roadmovies beweist eindrücklich die Rezeptionsfreudigkeit, die das Genre auslöste, zumal das Fahr-Motiv bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück reicht. Denn im Film gefahren wurde praktisch schon immer, die Kamera als Agent der Bewegung und Apparatur der Beschleunigungsvermittlung spielte im Kino der Attraktionen eine ebenso tragende Rolle, wie im minimalistischen Autoren- oder Experimentalfilm – das gilt damals wie heute.

Frühe Phantom-Ride-Werke, wie die simulierten Bahnfahrten der Hale’s Tours, markierten den Anbeginn eines scheinbar aufkommenden Bedürfnisses, sich einem simulierten Momentum auszusetzen. Ein Erbe dieser quasi-dokumentarischen Bewegungsabzeichnung ist sicherlich Claude Lelouchs Kurzfilm C’etait un Rendezvous von 1973, eine irrsinnige Fahrt durch das frühmorgendliche Paris, aufgenommen durch eine frontal am Auto angebrachte Kamera. Doch das Fahren im Film muss nicht zwangsläufig mit der Absicht einhergehen, hohe Geschwindigkeiten zu demonstrieren. Gefahren wird schnell wie langsam, beiläufig wie exzessiv, konstruktiv wie destruktiv – und manchmal auch gegen die Wand.

Es sind folglich nicht nur Fahrzeuge, die fahren, sondern auch die Kamera selbst, deren Bewegungsabläufe oftmals über logische Grenzen hinauswachsen, etwa wenn diese durch ein Schlüsselloch hindurch schwebt oder ohne Schnitt eine Wand durchbricht. Durch ihre Bewegung kommuniziert sie mit dem Rezipienten, manchmal bis zum Schwindel oder darüber hinaus, wann immer sie im spektakulären 3D-Kino der Gegenwart Kapriolen schlägt.

Im Rahmen unseres ersten Schwerpunkts „Fahren im Film“ wird der Vielfältigkeit des Gegenstands von ausgewählten Autoren auf den Grund gefühlt.

Der Schwerpunkt wird herausgegeben von Philipp Fust.