Zu Claude Lanzmann

Le Dernier des Injustes heißt der neue Film von Claude Lanzmann, den er dieses Jahr in Cannes vorgestellt hat. Ein Beitrag dazu wird noch warten müssen, bis der Film auch hierzulande zu sehen ist. Während die Zeitschrift “die Welt” Le Dernier des Injustes bereits zwei Tage nach Vorführung das Prädikat “Meisterwerk” verliehen hat, nachfolgend ein paar Gedanken zum Umgang mit Claude Lanzmann und seinen ersten drei Filmen.

 

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Denn es fällt auf, dass, ist von Lanzmann die Rede, Shoah vielfach gelobt und hervorgehoben wird, während Pourquoi Israel und Tsahal eher mit spitzen Fingern angefasst werden. Das gilt insbesondere für Letztgenannten. Ob es nun bei der Berlinale ist, bei der Lanzmann für sein Lebenswerk geehrt wird und Tsahal und Pourquoi Israel im zwar netten, aber doch etwas abseitigen Zeughauskino mit mäßigem Zuschauerandrang gezeigt werden, während Shoah die größte Leinwand des Festivals bekommt oder ob es Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung ist, die Shoah “grandios” findet und gleichzeitig zu berichten weiß, dass Tsahal vor allem entstanden sei, weil Lanzmann ein “Faible für Waffen” hat. Sicherlich, Shoah ist der Film, der Lanzmann weltweit bekannt gemacht hat und somit auch eng mit seinem Namen verbunden. Trotzdem bleibt diese merkwürdige Abspaltung, die unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung von drei Filmen, die doch tatsächlich eine Einheit bilden.

 

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In Pourquoi Israel lässt sich Lanzmann in Yad Vashem die Ermordeten mit seinem Nachnamen vorlesen, in Tsahal spricht Generalstabchef Ehud Barak von seiner Familie, die er in Treblinka und Pogromen in Litauen verloren hat – die Bedrohung ist allgegenwärtig. Es geht um Macht und Ohnmacht, Normalität und Ausnahmezustand, um, wie Lanzmann selbst sagt: “Die Wiederaneignung der Gewalt.” Genau das aber passt so gar nicht zur aktuellen “Gedenkkultur” der Bundesrepublik, in der nach einer langen Phase des Schweigens das “Gedenken” zu einer inhalts- und folgenlosen Turnübung geworden ist. Gedenken ersetzt jede wirkliche Beschäftigung mit der Shoah. So kommt es, dass der Historiker Eberhard Jäckel am Holocaust-Denkmal in Berlin sagen kann, dass andere “Völker uns um dieses Mahnmal beneiden”, gegenwärtiges jüdisches Leben aber vor allem Polizeischutz braucht. “Erinnerung stellt in Deutschland die höchste Form des Vergessens dar” bemerkte schon Eike Geisel.  Vielleicht erklärt sich so der merkwürdige Unterschied im Umgang mit den Werken von Claude Lanzmann. Sein Werk jedoch nimmt eine derartige Fokussierung in keinster Weise ernst, denn dazu müsste die Kritik an der Bedingung der Möglichkeit des Unheils eingeschlossen werden.

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