Zerrumpelt Herz

Wir schreiben das Jahr 1929, als Schnauzbärte noch voluminös, Bustiers noch bieder und die Belichtungszeiten der Fotografie noch langwierig waren. Es sind die letzten Augenblicke der deutschen Spätromantik ehe die drohende Weltwirtschaftskrise nicht nur die Herzen, sondern auch die komplette gesellschaftliche Ordnung zerrumpelt. Doch zuvor präsentiert uns der Regisseur Timm Kröger noch seine letzte Hommage an die verklärte Idylle einer romantischen Epoche.

Zerrumpelt Herz

Zerrumpelt Herz ist eine romantische Schöpfungsgeschichte über den kreativen Schaffensprozess, über die menschliche Schöpfung und über die L’Origine du monde (1866) von Gustave Courbet. Paul Leinert, eine Künstlerseele gefangen im bürgerlichen Lehrerberuf, macht sich auf die Reise zu dem langjährigen Freund und Komponisten Otto Schiffman, in dessen Schatten er bereits zu Studienzeiten stand. Mit seiner Ehefrau Anna und dem gemeinsamen Freund Willi folgt die Kamera ihm unaufhörlich während seiner Wanderung durch das Gehölz des in Abendrot gehüllten Waldes. In Ottos abgeschiedener Hütte angekommen ist dieser jedoch unauffindbar. Stattdessen entdeckt Paul im Rauschen des Herbstlaubs und in der Abgeschiedenheit des Forsts eine Quelle der Inspiration. Der Gesang des Kuckucks bildet gemeinsam mit den Musikzitaten Gustav Mahlers den akustischen Klangteppich, der Paul und nicht zuletzt auch das Filmpublikum gänzlich vereinnahmt. Das Motiv des Kuckucks eröffnet gleichzeitig auch den letzten filmischen Satz: Inmitten der nostalgischen Romantik ist es, gleich der biblischen Schöpfungsgeschichte, Pauls Ehefrau Anna, die sich ihren fleischlichen Gelüsten hingibt und das musische Naturell ihrer Beziehung hintergeht.

In seinem Abschlussfilm, der dieses Jahr bereits in Venedig lief, inszeniert Kröger eine filmische Poesie, die sich in ihrer lyrischen Erzählform, statt in einem elaboriertem Handlungsraum artikuliert. Ihm gelingt eine eindringliche Symbiose aus Heimat-Ästhetik in Verknüpfung mit einer artifiziellen Lichtregie, beseeltem Off-Kommentar und dominierender Tongestaltung. Die malerischen Kulissen, die von einer ruhig fließenden Kamera eingefangen werden, skizzieren Bilder der Sehnsucht im Zeitalter von Weltschmerz und Leidensdruck. Das, was die Komponisten im Wald suchen, das finden wir im Film von Timm Kröger: Das Mysterium der Natur, die Poesie des Klangs und die Schönheit der Romantik.

Sektion: Wettbewerb
weiterer Termin auf dem Filmfest Braunschweig: 15.11
Zerrumpelt Herz, Deutschland 2014, 81′
Regie: Timm Kröger
Drehhuch: Roderick Warich & Timm Kröger
Kamera: Roland Stuprich
Darsteller: Thorsten Wien, Eva-Maria Jost, Daniel Kraus, Christian Blümel
Verleih & Bildrechte: Filmakademie Baden-Württemberg

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