X – The eXploited

Politthriller, Enthüllungsgeschichten über Unterschlagungen und Betrug, Kriminalfilme – das alles ist längst nichts mehr Neues. Aber ein Thriller aus Ungarn, der zudem noch mit einer Portion Gesellschaftskritik aufwartet, dürfte ein kleines, ungewöhnliches Unikat sein. Und ungewöhnlich ist X – The eXploited tatsächlich.

Eingerahmt von sakralen Chören, Orgelmusik und um 180° gedrehten Aufnahmen der Skyline Budapests in Slow-Motion entspinnt sich eine Handlung voller Undurchsichtigkeiten, falscher Fährten und Puzzleteilen, die Fragen aufwerfen – diese aber leider nicht immer beantworten.

Inhaltlich wie visuell im Zentrum steht die Polizistin Éva, die Ungereimtheiten in eigentlich als Selbstmorde oder Unfälle deklarierten und somit als abgeschlossen geltenden Fällen entdeckt. Zunächst glaubt ihr keiner der Kollegen im Polizeipräsidium, erst ein neu hinzugestoßener Kollege, der vom Lande in die Stadt versetzt wurde, befasst sich mit Évas Theorien. Tatsächlich werden die Fälle daraufhin neu aufgerollt und stellen sich nach und nach allesamt als geschickt getarnte Morde heraus, die sogar miteinander in Zusammenhang stehen. Korruption, Versicherungsbetrug, Évas eigene Vergangenheit und letztendlich Mord werden immer enger miteinander verwoben und ähnlich wie Éva aufgrund ihrer Panikattacken außer Atem gerät, scheint bei den zahlreichen Enthüllungen und Wendungen auch den Zuschauer*innen die Luft wegzubleiben.

Die Handlung ist leider nicht immer nachzuvollziehen und viele wichtige Aspekte bleiben ungeklärt, als wären sie plötzlich schlicht und ergreifend vergessen worden. Der Subplot um Évas Tochter Kati, der eine – leider zu deutlich als solche zu entlarvende – Parallele zu Évas Geschichte darstellt, weiß nicht richtig zu überzeugen und wirkt zu stark erzwungen, er ist eher überflüssig als ernsthaft zuträglich.

Auch ist das Timing des Films nicht immer optimal. Der starke, stimmige Handlungsstrang um einen jungen Linksautonomen, der durch seinen radikalen, politischen Protest als Verdächtiger auffällt, wird viel zu früh als falsche Fährte entlarvt. Der Aufbau, der visuell bereits in der Eröffnungssequenz seinen Anfang fand, wird viel zu schnell ausgebremst und viel Potenzial wird verschenkt.

Das ist vor allem deswegen schade, da dieser Strang zahlreiche starke Bilder liefert – starke Bilder, wie X – The eXploited sie durchgehend liefert. Die klare Stärke des Films liegt auf der visuellen Ebene. Budapest steht wortwörtlich stets Kopf, eine kalte, graue Stadt, sie ist anonym und rau. Die Proteste der Linksautonomen gehören zum Stadtbild dazu, dort taucht immer wieder das rote X auf, als Nackentattoo oder Jackenaufnäher, letztendlich auch beim Hauptverdächtigen für die Mordserie. X scheint das Ziel zu markieren, die Lösung aufzuzeigen und das Bindeglied zu sein, doch natürlich wäre dies für einen solch mehrschichtigen Film zu simpel.

Doch nicht nur der Fall selbst, sondern auch Éva und ihre mit den Morden verbundene Vergangenheit stehen im Zentrum. Ihr Verlorensein und ihre durch die Nähe zu Leichnamen und durch emotionalen Stress verursachten Panikattacken sind greifbar getroffen. Um Éva im (Bild-) Mittelpunkt herum scheint die Welt durch Unschärfe zu verschwimmen, ihr heftiges Atmen übertönt alles andere – Éva ist allein in ihrer Panik, in ihrer Mutterrolle und in ihrem Bestreben, sämtliche Umstände der Mordserie zu klären. Doch Éva wächst daran, zunächst zaghaft, aber dann unaufhaltsam.

X – The eXploited zieht einen trotz seiner Schwächen in den Bann, die Spannung bleibt bis zum Ende groß und zuzusehen, wie Éva sich aus dem Korsett ihrer eigenen Angst befreit, weiß absolut zu überzeugen. Auch wenn die Handlung nicht bahnbrechend neu ist, ist X – The eXploited optisch definitiv interessanter und grundsätzlich anspruchsvoller als seine Hollywood-Pendants.

 

32. Filmfest Braunschweig, Sektion: WETTBEWERB “DER HEINRICH”

X – The eXploited, Ungarn 2018, 111 Min.

Regie: Károly Ujj Mészáros

Buch: Bálint Hegedüs, Károly Ujj Mészáros

Kamera: Martin Szecsanov

Schauspieler: Móni Balsai, Zoltán Schmied, Zsófi Bujáki, János Kulka

Verleih: Hungarian National Film Fund

 

Vorführungen: 6. 11. 2018, 21:30 Uhr, C1 Cinema 2

7. 11. 2018, 21:15 Uhr, C1 Cinema 1

10. 11. 2018, 20:45 Uhr, C1 Cinema 2

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