Wir sind jung. Wir sind stark

24.8.1992, Rostock-Lichtenhagen. Seit Tagen randalieren aufgebrachte Menschen vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und dem Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Der Film schilderte die Ereignisse der Ausschreitungen, die mit der Erstürmung des Wohnhauses eskalierten. Regisseur Burhan Qurbani und sein Drehbuchautor Martin Behnke konzentrieren sich dabei auf drei unterschiedliche Gruppen: die randalierenden Jugendlichen, die untätigen Politiker und die bedrohten Vietnamesen.

Zunächst muss festgehalten werden, dass der Film beeindruckend inszeniert und besetzt ist. Vor allem die Jugendlichen überzeugen in ihrem Spiel zwischen Hass, Langeweile und Verzweiflung. Und auch sonst zeugt der Film von einem Einfallsreichtum, wie er viel zu selten geworden ist im deutschen Kino. Gerade die ausgeklügelten Kameraeskapaden (lange und kunstvolle Plansequenzen, 360-Grad-Drehungen) lassen immer wieder auch an Matthieu Kassovitz kraftvollen Film La Haine denken, was sicher auch an dem Schwarzweiß-Fotografie liegt, die ca. 2/3 des Films ausmacht.

Trotzdem hat der Film ein entscheidendes Problem: er ist zu vorsichtig und deswegen unpolitisch.

Zunächst irritiert, dass die Geschichte aus drei Perspektiven erzählt wird. Neben der der Jugendlichen, die am meisten Raum einnimmt, gibt es eine Episode mit einem Politiker, der sich nicht zu einer eindeutigen Haltung durchringen und deswegen nicht zur Deeskalierung beitragen kann. Außerdem wird eine Vietnamesin gezeigt, die in dem Wohnhaus wohnt, das am Ende vom Mob gestürmt wird. Die Zersplitterung von Wir sind jung  nimmt jeder einzelnen Perspektive die Zeit weg, die man bräuchte, um etwas zu zeigen. So werden die Politiker aufs Herumlavieren reduziert und die Vietnamesen aufs Angsthaben. Am Problematischsten sind aber die Jugendlichen: der Regisseur verwendet viel Zeit darauf, zu betonen, dass es sich nicht um politisch motivierte Täter handelt. Sie verwenden politische Symbole wie den Hitlergruß oder das Hakenkreuz nur aus Spaß oder zur Provokation. Wenn sie Nazi-Lieder singen, folgt danach die Internationale. Parolen werden ausgetauscht und dem jeweiligen Gegenüber angepasst. Randaliert wird aus Langeweile und Perspektivlosigkeit. Lediglich ein Nazi versucht die Jugendlichen aufzuheizen, aber dem folgen sie nur, wenn es auch Bier gibt und sie sonst nichts zu tun haben. Es gibt also gar kein rechtes Problem in Rostock. Auch in der applaudierenden Menge sind nur normale ältere Menschen zu sehen, die häufiger jubeln als die Hand zum Gruß zu erheben. Diese Inszenierungstaktik, die das Progrom als Krawall zeigt und die politische Färbung als Zufall oder Aufbegehren gegen die Elterngeneration, ist ebenso verheerend, wie es das Gegenteil wäre, die Protagonisten als wutverzerrte Nazis zu zeigen. In diesem Fall würde die Identifikation misslingen, der rechte Rand verkäme zu einem Anderen. Hier wie dort fällt aber unter den Tisch, das rechte Gesinnung schon längst auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dass sie eben nicht nur Krawall aus Langeweile, sondern der Grund für das einfache Entstehen eines Mobs ist.

Getreu dem Drehbuchratgeber, nachdem man sein Thema nicht direkt erzählen soll, kulminieren dann auch alle drei Erzählstränge kurz vor der Erstürmung des Wohnheims in Befindlichkeiten: der linke Politiker muss erkennen, dass sein Sohn einer der jugendlichen Randalierer ist; dieser wiederum hat Sex mit der Freundin seines Freundes; und die Vietnamesin muss lernen, dass die Angst ihrer Familie begründet ist.

Am nächsten Morgen, nachdem die Krawalle sich gelegt haben, streichen drei (deutsche) Kinder wieder am Wohnhaus vorbei um Flaschen zu sammeln. Einer der Jungen hebt etwas vom Boden auf und lächelt. Dann holt er aus und wirft es wütend auf die Kamera. Dieses Symbol sowie der Wechsel von schwarz-weiß auf Farbe zu Beginn der Ausschreitungen sollen das Geschehen nicht in der Vergangenheit belassen, der Wurf ist einer, der auch bis ins Heute reicht. Aber was vielleicht schön gedacht ist, funktioniert nicht. Denn wie die Protagonisten ist es jetzt ein unpolitisches Kind, das agiert. Die strukturelle Aussage dieses letzten Bildes wird auch im Film geäußert: wenn der Staat sich nicht um seine Kinder kümmert, müssen diese sich eben selbst kümmern. Als ob dem Problem mit den Nazis allein über Zuwendung beizukommen wäre …

Wir sind jung. Wir sind stark
D 2014, 123′
R: Burhan Qurbani
B: Martin Behnke, Burhan Qurbani
K: Yoshi Heimrath
mit Devid Striesow, Jonas Nay, Trang Le Hong
Verleih: Zorro
Starttermin: 22.1.2015

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