Winter of Discontent

Filmfestspiele Venedig
Sektion: Orizzonti / El Sheita Elli Fat / Regie: Ibrahim El Batout / Ägypten 2012 / 94’

Winter of Discontent ist der vierte Spielfilm von Regisseur Ibrahim El Batout, der bereits als Dokumentarfilmer international anerkannt ist und in verschiedenen Kriegsgebieten filmte. In seinem neuesten Film beschäftigt er sich mit den Ereignissen des Arabischen Frühlings in seinem Heimatland Ägypten. Er beginnt mit den Geschehnissen am 25. Januar 2011 und verfolgt die Geschichten dreier Menschen, deren Verbindungen zueinander erst nach und nach klar werden. Amr ist ein Mann, der sein Zuhause kaum zu verlassen scheint und in sich gekehrt durch seine Wohnung läuft, während er die Nachricht von Protesten in ganz Kairo hört. Farah ist Moderatorin einer TV-Nachrichtensendung und präsentiert gemeinsam mit ihren Kollegen ein deutlich anderes Bild der Demonstrationen als es auf den Straßen zu sehen ist. Mit der Rechtfertigung, die Dinge ja nicht anheizen zu wollen, sondern Ruhe zu schaffen, wird nicht nur die Bedeutung der Ereignisse heruntergespielt, sondern auch ihr Hergang verfälscht dargestellt. Adel ist Offizier der Staatssicherheit, die die Bevölkerung überwacht und grundlos Personen festnimmt, foltert und über Jahre festhalten kann. Über den Verlauf des Films werden sie ihre eigenen Standpunkte überdenken oder daran festhalten, zu ihren alten Werten zurückfinden oder starr die eigene Position vertreten.

Einige Jahre zuvor wurde auch Amr von Adel festgenommen und wochenlang in einem abgelegenen Haus gefoltert, bis er plötzlich freigelassen wurde. Und damit beginnt der Film, seinen Rhythmus zu verlieren und schafft Verbindungen zwischen seinen drei Hauptfiguren (Amr war zu dieser Zeit mit Farah zusammen), die erzwungen wirken und vom eigentlichen Thema ablenken. In plötzlichen und eher holprig eingebauten Zeitsprüngen sieht man immer wieder Amr, wie er von der Staatssicherheit festgehalten und gefoltert wird. Auch wenn diese Bilder natürlich ihren schockierenden Zweck erfüllen und zeigen, was in Ägypten zumindest vor der Revolution harter Alltag für viele war, fragt man sich doch, ob diese Art des Hin- und Herspringens der richtige Weg ist, die Verbrechen der Staatssicherheit zu zeigen. Diese immer wiederkehrenden Einschübe, ohne Ankündigung oder wirkliche Erklärung, reißen den Zuschauer permanent aus den eigentlichen Geschehnissen heraus. So entwickelt sich ein leider nur schleppendes Vorankommen und man muss sich fragen, ob das Bild der Revolution in diesem Film nicht auch heruntergespielt ist, wie in der ägyptischen Presse, die hier ganz offen (und natürlich auch zu Recht) kritisiert wird. Vielleicht passiert es hier unabsichtlich, aber durch die ganzen Verzweigungen der Figuren und die ständigen Verweise auf frühere Ereignisse, verliert der Film den Fokus auf das eigentliche Thema.

Was dagegen stark fokussiert wird, ist die Kritik an der ägyptischen Presse, wodurch auch eine gewisse Absurdität und Tragik entsteht. Wenn die eigene Bevölkerung sich fragt, wieso man in den Nachrichten nicht das sieht, was die Leute sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen oder wenn man BBC einschalten muss, um Informationen zu erhalten, wird klar, dass Presse, Nachrichten und Information in Ägypten eine andere Bedeutung hatten. Farah, der Nachrichtenmoderatorin, wird das allerdings erst über die Ereignisse der Revolution klar, auch wenn sie zuvor wahrscheinlich jahrelang nichts anderes getan hat, als Lügen zu verbreiten und Ereignisse verfälscht darzustellen. Ihr Wandel von der ignoranten, angepassten Journalistin zur schluchzenden Freiheitskämpferin, die in youtube-Videos allen die Augen öffnen will und zum Protest aufruft, wirkt so aufgedrückt und fast genauso lächerlich wie ihre vorherigen TV-Auftritte. Als Symbol für das plötzlich Aufwachen und Aufstehen eines ganzen Volkes wirkt sie auf diese Weise nur unehrlich. Diejenige, die vorher zur Blendung beigetragen hat, ist plötzlich geläutert und will das Richtige tun… klingt kitschig? Ist es auch.

Ibrahim El Batout arbeitet zunächst mit einer auffallend ruhigen Kamera, langsamen Schwenks und Zooms, die durchaus das Potenzial haben, dem Film einen bestimmten Rhythmus zu verleihen. Immer wieder werden Szenen ganz langsam und fast vorsichtig von der Kamera abgefahren, ein interessantes Vorgehen bei einem Film, der sich eigentlich mit lauten, chaotischen Ausschreitungen beschäftigt. Auch die immer wiederkehrenden Bilder, die sich wiederholenden Settings, allen voran die Wohnung von Amr mit Blick auf die geöffneten Balkontüren als einzige Verbindung nach draußen, schaffen eine bedeutsame Ruhekonstante. Allerdings wird diese Ruhe nach und nach unterbrochen, wenn zwischendurch wackelige Kameraaufnahmen und gegen Ende sogar abrupte Zooms und Schwenks eingebaut werden, die eher einen dokumentarischen Eindruck entstehen lassen. Diese Dokumentarfilm-Tendenzen kommen immer wieder durch und legen eine gewisse Unentschlossenheit offen.
Hinzukommt, dass insgesamt zu wenige politische Akte der eigentlichen Ereignisse gezeigt oder diskutiert werden. Alles bleibt sehr vage und oberflächlich, die erhoffte Auseinandersetzung mit dieser für Ägypten so wichtigen Zeit fehlt. Der Arabische Frühling verfällt fast zum bloßen Hintergrund-Setting für eine verwobene Geschichte dreier Charaktere, die es auf diese Art überhaupt nicht gebraucht hätte. Zu einfach wirkt es dann, am Ende des Films einzelne Opfergeschichten zu erzählen und in weiß auf schwarz die Zahlen der Verletzten, Verstorbenen und Inhaftierten aufzuzählen. Man merkt dem Film eine scheinbare Überforderung mit seinem Thema an, manchmal ist er zu aufgeladen, manchmal zu distanziert und manchmal vielleicht auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein guter und interessanter Anfang wird durch all die Verzweigungen und Zeitsprünge schleppend, sodass am Ende ein etwas enttäuschender Eindruck eines eigentlich ambitionierten und wichtigen Projekts bleibt.
Der einzige Moment, in dem man den Protesten wirklich nahe kommt, ist zum Schluss, wenn Amr und Farah auf dem Tahrir-Platz stehen und gemeinsam die letzte Ansprache von Staatspräsident Husni Mubarak hören. Man könnte spekulieren, dass etwas Abstand zu den Ereignissen gut getan hätte, denn der erste Drehtag war der 10. Februar 2011, der Tag vor Mubaraks Rücktritt, an dem auch die eben erwähnte Szene gedreht wurde. Es gab kein richtiges Drehbuch, Ibrahim El Batout wollte einfach einen Film machen, weil er selbst während der Revolution auf dem Tahrir-Platz war. Winter of Discontent ist damit sozusagen aus dem Geiste der Revolution entstanden, den man im fertigen Film leider nicht mehr so stark spürt. Gelungen ist es aber, eine Art von Hoffnung zu zeigen, nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch für die veränderte Situation ägyptischer Filmemacher.
“Only this time, I knew that the film I was going to shoot would have never been possible to make ‘before the 25th of January’.”
(Ibrahim El Batout)

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