William Shakespeare meets 2012

Es ist das Regiedebüt von keinem geringeren als Ralph Fiennes. Man kennt ihn aus teilweise großen Rollen wie in “Schindler’s List” (1993), “The English Patient” (1996), “The Constant Gardener” (2005) oder jüngst natürlich aus der Harry Potter-Reihe als Lord Voldemort. Vor der Kamera ist er groß. Mag ein Film noch so schlecht sein, an Fiennes’ schauspielerischen Darbietung ist in der Regel nichts auszusetzen. Aber wenn ein Schauspieler den Schritt hinter die Kamera wagt, ist dies nicht immer erfolgreich. So wie es zum guten Ton gehört, dass Schauspieler nebenbei noch zu singen beginnen, so gehört es inzwischen auch dazu, einen eigenen Film auf die Beine zu stellen.

Ralph Fiennes hat sich dazu an eine Tragödie von William Shakespeare herangewagt: Coiolanus. Fiennes selbst hat es vor einigen Jahren die Hauptrolle auf der Londoner Theaterbühne gespielt und war wie es scheint so gefesselt von dem Stück, dass er es auf die Leinwand bringen wollte. Doch wollte er keine 1:1-Adaption. So verlagerte Fiennes kurzerhand die Handlung in die, wenn auch fiktive, Gegenwart, die irgendwie stark an Osteuropa erinnert. Doch der Clou an der Sache ist, dass Fiennes den Originaltext beibehält. Das wirkt zunächst etwas befremdlich. Doch auf einen zweiten Blick zeigt es auch, dass die Brisanz des Themas auch heute noch von Bedeutung ist:

In Rom kommt es zu einem Volksaufstand, da die Grundnahrungsmittel rar geworden sind und die Oberschicht die Nahrung hortet. Primäres Ziel der Unruhen ist General Caius Martius (Ralph Fiennes), der auf der einen Seite dem Pöbel abgeneigt ist, seinem Land im Krieg aber äußerst loyal dient und schon einige Male für seine Landsleute in den Krieg gezogen ist. Neben den Unruhen gibt es auch noch das Volk der Volsker, die, unter der Leitung von Tallus Aufidius (Gerard Butler), gegen Caius Martius aufbegehren. In der Schlacht um Corioles geht Caius Martius als Sieger heraus, was ihn zum Volksheld werden lässt und er sogleich den Ruhm nutzt, um als Konsul zu kandidieren. Jedoch kann er vor allem die Plebejer nicht von sich überzeugen, welche ihn ins Exil schicken. So heuert er bei seinem Erzfeind Aufidius an, um Rom dem Erdboden gleichzumachen.

Ralph Fiennes selbst ist die perfekte Besetzung für die Rolle des Caius Martius. Man merkt seine Wurzeln im Theater, sowie sein generelles Können, sich in die unterschiedlichsten Charaktere zu versetzen. Gerard Butler schwächelt hingegen ein wenig gegenüber der anderen Größen. Er gibt eine solide Leistung in seinem gebürtigen schottischen Akzent ab und funktioniert ganz gut zusammen mit Ralph Fiennes. Vanessa Redgrave (als Volumnia, Mutter von Caius Martius) spielt aber dennoch alle gegen die Wand.  Sie lebt förmlich Shakespeares Zeilen und überzeugt auf ganzer Linie – und das ihrer wenigen Momente, die sie hat.

Sicher ist der Film durchaus actionreich, doch stehen vor allem die Worte im Zentrum. Und sie sind aktueller denn je, behält man die derzeitigen politischen Unruhen im Nahen Osten im Hinterkopf. Doch gibt es auch einige Schwächen im Film: so erfährt man als Zuschauer nie, wie die politischen Hintergründe für die Aufstände sind. Der Aufstand verschwindet in einer einzigen grauen Masse die keinerlei Motive oder Hintergrundinformationen verrät.

Auffällig ist auch, dass der Film die Meinungen spaltet: entweder findet man ihn zu langweilig und langatmig oder findet, dass es “mehr eine Sprechübung” ist, “als eine politische Allegorie” (critics.de). Interessant ist aber, dass der Anspruch, Shakespeare in die heutige Welt zu übertragen, weiterhin besteht. Denn erinnern wir uns an die diesjährige Berlinale: der Sieger war “Cesare deve morire“. Ein Film über römische Häftlinge, die während ihres Gefängnisaufenthaltes ein Stück Shakespeares einüben zum Thema Verrat, Mord und Intrigen und dabei eigene Erfahrungen einfließen lassen.

In Deutschland kam der Film leider gar nicht in die Kinos, sondern direkt in den DVD-/BluRay-Verleih. Optisch ist der Film auf BluRay auf jeden Fall ein Augenschmaus. Gestochen scharfe Bilder treffen auf beste Tonqualität. Zu dem ca. 2-stündigen Film kommen noch einmal gute 2 Stunden Bonusmaterial. Darunter 11 Interviews mit den Schauspielern und der Crew, einer Dokumentation, dem Trailer, einer Bildergalerie und einem B-Roll (Kein Making-Off, aber dennoch ein Blick hinter die Kulissen, aufgenommen von einer anderen Kamera, die Eiblicke gibt, wie Szenen geprobt werden oder der Regisseur Anweisungen gibt, etc.).

Coriolanus, Großbritannien 2011, 123′
Regie: Ralph Fiennes
Besetzung: Ralph Fiennes, Gerard Butler, Vanessa Redgrave, Brian Cox, Jessica Chastain

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