Wild

Ania (gespielt von Lilith Stangenberg) ist eine schüchterne und zurückhaltende junge Frau, die außer dem Kontakt zu ihrem sterbenskranken Großvater, menschliche Beziehungen eher meidet. Sie wohnt in einem engen Appartement eines Plattenbaus und ihr einziger Gang nach draußen führt sie zu ihrem Arbeitsplatz in einer IT-Firma. In trostloser Lethargie gefangen, muss sie dort die Schikanen ihres launischen Chefs ertragen, der ihr tagtäglich durch den Wurf eines Tennisballs gegen die trennende Glasscheibe signalisiert, dass sie ihm Kaffee kochen muss. Stets tut sie dies anstandslos.
Als sie jedoch auf ihrem Heimweg in einem kleinen Waldstück einen Wolf entdeckt, entfacht in ihr die Leidenschaft für das Tier und die von ihm verkörperte Wildnis und Nonkonformität. Sie ködert das Tier mit einem Steak, um es später zu fangen und in ihrer Wohnung zu halten. Mehr und Mehr gibt sie sich ihrer Sehnsucht nach dem Abweichenden hin – Sie imitiert das Heulen des Tieres, vernachlässigt ihre Körperhygiene und leckt sich die Hände vor den Augen ihrer Kollegen. Ungeachtet der Konsequenzen, sprengt sie die Ketten gesellschaftlicher Normen und ist zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich glücklich und frei.wild1 Die ebenso als Schauspielerin bekannte Regisseurin und Drehbuchautorin Nicolette Krebitz setzt dramaturgisch in ihrer dritten Langfilm-Arbeit auf eine lineare Erzählung, innerhalb der sie die Intensität der Ereignisse immer mehr steigert und den Zuschauer mit stets größeren und schockierenden Superlativen konfrontiert. Anstatt jedoch konventionell zu verfahren und Beweggründe der Protagonistin herauszuarbeiten, versucht der Film plakative Erklärungen für ihr Verhalten zu vermeiden und schafft es so den Zuschauer selbst zum Nachdenken anzuregen. Wo beispielsweise in anderen Coming-of-Age Filmen der Drogenkonsum Jugendlicher mit fehlender Fürsorge des Elternhauses erklärt wird, fehlt in Wild diese kausale Rückführung, was am deutlichsten hervortritt, sobald Ania ihre Beziehung zum wilden Tier als Partnerschaft thematisiert, in der auch sexuelle Sehnsüchte eine Rolle spielen. Der Fokus des Films wird so vom Inhaltlichen auf eine übergeordnete Ebene verlagert, auf der es vielmehr darum geht, die Grenzüberschreitung gesellschaftlicher Normen als Prozess der Selbstfindung aufzuzeigen. Vor schockierenden Bildern scheut sich der Film dabei nicht.

Wild, D 2016, 90′
Regie/ Drehbuch: Nicolette Krebitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender
Verleih: NFP/Filmwelt
Starttermin: 14.4.2016

2 Responses to “Wild”

  1. Stepnwolf

    Der Film entstand in meiner Stadt. Noch ein Grund mehr, den zu schauen, wenn nicht schon die Regisseurin als Grund reichen würde.

    Reply

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