Wieso eigentlich The Canyons?

Das Ineinandergreifen von Beziehungen mit verschiedenen Motiven, voll von Intrige, Machtgelüsten und vor allem Geschlechterzwängen, ist in The Canyons Thema. Verständlich, dass sich da schon mit Begeisterung gefreut wird, in Erinnerung an die brilliante Drehbuchleistung Paul Schraders in Taxi Driver. Als sein Comeback-Film nach 5 jähriger Schaffenspause möchte man meinen, es lohne sich genauer hinzugucken.

Vor uns sitzt Ryan (Nolan Gerard Funk), uns Zuschauern unablässig nickend anschauend. Er kriecht förmlich vor Anbiederung in seinen Gesprächspartner, in die Kamera, in uns. Dann sehen wir die überschminkte Tara (Lindsay Lohan), seitlich nach unten blickend, um dann kurz einmal ausweichend lächelnd aufzuschauen – auch direkt in die Kamera. So werden uns auch die anderen zwei Tischnachbarn vorgestellt: Erst die eifrige Gina (Amanda Brooks), deren größtes Engagement die Kommunikation am Tisch zu leiten, nicht nur durch ihre Aussagen, sondern auch durch den längsten Blickkontakt zur Kamera deutlich wird. Sie lächelt uns am längsten ein zuvorkommendes Alles-ist-so-super-nett-Lächeln zu. Und zu guter Letzt Christian (James Deen), wie er seitlich männlich cool ebenso wie Tara nach unten guckt, seine volle Aufmerksamkeit scheinbar seinem Handy in seiner Hand gewidmet. Er hat als Einziger in diesem Moment der frontalen Personenvorstellungen keinen Blick zur Kamera nötig, wird jedoch sprechend gezeigt. Er lässt uns erst in seine Augen schauen, als er zur Antwort genötigt wird: „Yeah no problem“. Arrogant abschätzend widmet er sich wieder von uns ab, seinem Handy zu.
Ein Küsschen von Ryan für Gina, hach wie glücklich sie doch seien. Dann die Frage an Christian und Tara. Erstmal Pause und dann Christians lässiges Rumdrucksen, klar er liebe schon seine Tara, sie sei heiß und so. Aber er bevorzuge einfach „Komplizierteres“.

The Canyons, 2013, James Deen, Lindsay Lohan

Schnell wird deutlich: Das eine Paar, Christian und Tara, Filmproduzent und ehemalige Schauspielerin, führen eine unausgeglichene, Sex-orientierte Beziehung, in der Christian eine krampfhafte Männerrolle übernimmt, in der Männlichkeit nur durch Kontrolle, Leitung und Frauenfeindlichkeit ausgedrückt werden kann. So ist Fremdgehen für ihn von besonderer Bedeutung für sein Selbstwertgefühl, sowie vor Augen anderer Männer mit Tara zu schlafen. Dieser Punkt soll wahrscheinlich das pornografische des Filmes ausmachen – in Sage und Schreibe 4 angedeuteten Sexszenen.
Christian ist also der typische Pseudo-Mann, Tara die typische durch die Macht des Materialismus verdorbene Schauspielerin. Sie betrügt ihn mit Ryan, wo wir jetzt also endlich am Knackpunkt der Geschichte wären: Der entstehende Psychoterror eines Macht besessenen libidinösen Mackers gegenüber seiner Freundin, weil er sich wegen ihres Fremdgehens in seiner Männlichkeit bedroht fühlt, während er sich selbst natürlich ebenso mit anderen vergnügt.

Canyons-Pool

Doch so interessant und intensiv vielversprechend die Einführung der vier Hauptcharakteren aussieht, die Spannung weilt nicht lange. Weder zeugen die Charaktere von faszinierender Tiefe noch überzeugen sie in authentischer Darstellungsweise. Denn machen wir uns nichts vor, James Deen (der Name sagt doch schon alles) kann man keine Persönlichkeit abgewinnen. Noch nicht mal die Rolle eines klischeehaften, Kontrollsüchtigen Sex-Typen kann der Pornostar uns authentisch und nachvollziehbar vermitteln. Gut, vielleicht hat er einen schönen Penis und vielleicht hat er auch Paul Schrader die Dreharbeit der Sexszenen wegen seines Porno- Know-How erleichtert, nur besteht seine Rolle nicht nur aus wortlosen Sexszenen. Und auch Lindsay Lohans Botox-entstelltes Gesicht lässt schon anatomisch keine konfliktreichen Assoziationen zu, wobei sie noch am ehesten im Hinblick ihres eigenen tragischen Lebens überzeugt, wohl wegen unmittelbarer Ähnlichkeiten zur Tara-Rolle. So wird diese Wahrhaftigkeit einem nur so entgegen geschleudert im Anblick ihres trostlosen, schön entstellten Gesichtes.

Das Drehbuch jedoch lässt keinen Raum für Charakterentfaltung zu, noch nicht mal für eine vielseitig anregende Inszenierung. Zu plakativ decken sich die Aussagen der Dialoge mit der der Handlungsweise. „Ich muss immer die Kontrolle haben. Ich weiß, es ist albern, aber ich kann nicht anders.“ teilt uns Christian sinngemäß in der Mitte der zweiten Filmhälfte über sich selbst mit – als er beim Psychiater sitzt (wo auch sonst). Sollte das jetzt wahrhaftig der Entwicklungshöhepunkt seiner Figur sein? Nun, auf diese bahnbrechende Erkenntnis wären wir jetzt gar nicht gekommen.
Enttäuscht wird sich erinnert: Paul Schrader führt hier Regie. Nur Regie. Ruhige Standaufnahmen von Architekturen, Rückenaufnahmen einer weggehenden Person, Kamerafahrten durch Flure und Räume bis zum Akteur der Szene, didaktische Durchbrechung der vierten Wand zeichnen hier seine Arbeit aus. Unschwer zu erkennen, hat er es also auf Spannung abgesehen. Doch dann sehen wir plötzlich sowas wie eine schnell eingeführte Nahaufnahme einer ausquetschenden Zitrone – und das in dramatisch geheimnisvoller Zeitlupe. Man fühlt sich ein wenig überfordert.
Nicht zu vergessen ist außerdem die sich steigernde bedrohlich-coole Musik, die an die spannungsgeladenen Szenen eines Western erinnern.
So lösen alle Ebenen durch ihre zu strikte Vorgegebenheit Aversion aus. Sie lassen keinen Freiraum für Interpretationen. Worauf der Film abzielt, nämlich ein überzeugender Thriller zu sein, trifft ins Leere. Oder irren wir uns, und haben es doch mit einem satirisch-kritischen Drama zu tun?

Canyons-Personal-2

In Bezug auf das behandelte Milieu scheint das alles bei genügend gutem Willen aber doch etwas herzugeben. Das Geschäft in der Filmbranche, wozu Prostitution (auch von Männern!), das Sich-Anbiedern und auch das permanente Rollenspiel zur Verwirklichung eigener Ziele gehört, könnte hier in treffender Widernatürlichkeit eines Sich-Selbst-Vergessens – aus der Notwendigkeit für materiellen Erfolg heraus – zu sehen sein. Das was dadurch vom Typus Mensch als Energieflamme übrig bleibt, kann dann wirklich nur noch aus den letzten, aber dafür exzessiven Lebenstrieben, in erster Linie Sex, bestehen. Lindsay Lohan und Tara steht es deutlich ins Gesicht geschrieben.

Dennoch: der Filmprolog, in dem verschiedene Standaufnahmen alt verfallener Kinos Amerikas mit sich bedrohlich schleichend annähernden Westernmusik unterlegt sind, lässt sich im Kontext eher als selbst prognostizierter Kassenflop der Macher deuten als auf kritisch aufweisenden Wahrheitsanspruch der Filmbranche.
Und dann kommt sie schon wieder diese immer wiederkehrende Frage: Wieso eigentlich The Canyons? Schon klar, es spielt in den Canyons von L.A. … und jetzt?
The Canyons, USA 2013, 99′
Regie: Paul Schrader
Drehbuch: Bret Easton Ellis
Produzenten: Braxtin Pope, Lindsay Lohan, Ross Levine, Kurt Kittleson, Beau Laughlin, Ricky Horne Jr., Ken Locsmandi
Kamera: John DeFazio
Schnitt: Julian Rodd
Musik: Brendan Canning
Production Design: Stephanie J. Gordon
Costume Design: Keely Crum
Besetzung: Lindsay Lohan, James Deen, Nolan Gerard Funk, Amanda Brooks, Gus Vant Sant, Tenille Houston
Verleih: IFC Films, KSM
DVD-Start: 17.03.2014

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