Westen

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Christian Schwochow hat anscheinend eine Vorliebe für DDR-Kontexte in seinen Filmen. Nach Novemberkind und Der Turm liefert er mit Westen einen neuen Film, der sich zwar vordergründig mit Perspektiven auf die DDR beschäftigt, sich tatsächlich aber intensiv mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzt. Hier wurde ein ganz ansehnlicher Film fertig gestellt, seinen Charme gewinnt er durch eine starke Jördis Triebel, die mit einer beeindruckenden Präsenz auftritt. Neben ihr agierend Alexander Scheer, der sich anscheinend auch in DDR-Kulissen recht wohl fühlt (Sonnenallee; Mörder kennen keine Grenzen).

1b490e5308Es ist Ende der 70er Jahre, die junge Chemikerin Nelly (Jördis Triebel) flieht mit ihrem Sohn Alexej (Tristan Göpel) aus der DDR in die BRD, der Vater ist angeblich bereits vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.  Im Notaufnahmelager Marienfelde/Berlin angekommen, verwandeln sich die verheißungsvollen Erwartungen von einem Neuanfang hinter der Grenze immer mehr in Zweifel und Misstrauen.

Dabei war der Westen doch die große Hoffnung auf ein freies Leben. Schnell zeigt sich, dass die Methoden des Geheimdienstes im Lager denen in der DDR sehr ähnlich sind. Hier beweist der Regisseur ein Gespür für einen schleichenden, subtilen Spannungsaufbau. Das Unbehagen der Figuren, die ihrer Freiheit im Lager noch stärker beraubt zu sein scheinen als zuvor, überträgt sich beinahe unbemerkt auf den Zuschauer. 

Durch einen langsamen Erzählrhythmus lernt man die Figuren langsam kennen und hat dabei gleichzeitig das Gefühl, ihnen sehr nahe zu kommen, da diese Variante der Charaktereinführung des tatsächlichen Kennenlernens ähnlich ist.  Da es immer kleine Details im Bereich des Zwischenmenschlichen und der Charakterentwicklungen zu beobachten gibt, geht die Aufmerksamkeit für das Filmgeschehen nie verloren.
Auch die Entscheidung, nicht jedes Geschehnis, jedes Detail zu Ende zu erzählen und anstatt dessen nur anzudeuten, wie z.B. der Selbstmord einer Bewohnerin des Lagers, lässt den Film in einem positiven Licht erscheinen. Kleine humorvolle Details sorgen für eine nicht all zu schwere Stimmung, die sich durch die steigernde Paranoia der Protagonistin durchaus ergibt. Denn Nelly fühlt sich aufgrund der strengen Befragungen und Untersuchungen des Geheimdienstes bald permanent beobachtet und von anderen getäuscht. Weder den Menschen aus ihrer Vergangenheit, noch aus ihrem neuen Umfeld kann sie zweifelsfrei vertrauen. In jedem vermutet sie einen Spitzel, gerade bei denen, die vermehrt den persönlichen Kontakt zu ihr suchen. So begibt sich der souveräne und starke Charakter mehr und mehr in einen dauer-verwirrten, unsicheren Zustand.

Durch die Geschehnisse, die Nelly widerfahren, ergeben sich Fragen in Bezug darauf, was Freiheit, Demokratie und einen Rechtsstaat überhaupt ausmachen. Hierbei kristallisiert sich gleichzeitig ein Hauptaspekt des Films heraus: Die Problematik des Vertrauens. Wie entscheidet sich, wem wir vertrauen und welche Auswirkungen hat es auf eine Persönlichkeit, wenn plötzlich jegliches Vertrauen in Andere verloren geht?

511117Es ist der Look, die Atmosphäre dieses Films, die ihn interessant machen, gepaart mit einem sensiblen Gespür für zwischenmenschliche Komplikationen und ganz intime Momente der inneren Zerrissenheit. Das Kostüm, die Kulissen, die Kadrierung bilden dabei ein stimmiges Bild. Gekonnt ist auch die Inszenierung der Entdeckung des Westens durch die Augen eines kleinen Jungen, der um den Müll anderer bittet, um Verpackungen von West-Produkten zu sammeln.

Es sieht ganz so aus, als hätte Schwochow ein Gespür für diese Kulisse, diese Zeit und die Probleme, die sie mit sich brachte, die jedoch letztendlich zeitlos sind. Das gute Casting schafft eine authentische Szenerie und macht die Zeitreise glaubwürdig.

Westen, D 2014, 102’
Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Heide Schwochow (nach einem Buch von Julia Franck)
Kamera: Frank Lamm
Darsteller: Jördis Triebel, Alexander Scheer, Tristan Goebel
Produzent: Thomas Kufus
Verleih: Senator
Kinostart: 27.03.2014

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