“Welcome to the Space Show”

Japanische Zeichentrickfilme haben es schwer; zumindest hierzulande. Das liegt vor allem daran, weil sie schlicht und einfach zu selten im Kino zu sehen sind und nur wenige darüber sprechen. Das ist schade. Sehr schade sogar. Und vehementen Verweigerern zu erklären, dass Animes nicht nur mit Pokémon oder wüsten Tentakelsexorgien gleichzusetzen sind, habe ich schon lange aufgegeben. Ich kann mich jedenfalls noch gut daran erinnern, als eine vorerst genervte Mutter nach dem Genuss von „Chihiros Reise ins Zauberland“ (Hayao Miyazaki, 2001) verdutzt ihr Handy zückt und eine Freundin anruft, der sie begeistert erzählt, sie hätte gerade einer der schönsten Filme überhaupt gesehen. Ich sagte nur leise zu mir: „Wo das herkommt, gibt es noch mehr.“ Ich behaupte jetzt mal ganz frech folgendes: Wer die beiden elementaren Werke Akira (Katsuhiro Otomo, 1988) und „Ghost in the Shell“ (Mamoru Oshii, 1995) noch nicht gesehen hat, der hat ein Stück Zeichentrickfilmgeschichte verpasst. Ersterem ist immerhin zu verdanken, dass sich Animes auch im Westen etablierten. Und „Ghost in the Shell“ wirft viele technikphilosophische Fragen auf, was ihn zu einem bedeutsamen filmischen Vertreter der Cyborg- und Transhumanismusdebatte macht. Im berühmten Prolog des Films entsteht ein ikonisches Bild einer Cyborg-Geburt, das dem Betrachter eine dystopische Vorstellung einer hochtechnisierten Welt vor Augen führt, dies jedoch stark ästhetisiert, wodurch Abschreckung und Faszination ineinanderfließen – mit Sicherheit ein magischer Moment. Jetzt von einem „das muss man gesehen haben“ zu reden ist eigentlich doof und auch ein bisschen unverschämt, aber ich werde so oft „gemusst“, dass ich einfach mal…naja, zurück „musse“. Also, anschauen bitte! Denn ob man die beiden Filme nun mag oder nicht: wichtig sind sie allemal.

Mein augenzwinkernder Appell kommt aus gutem Grund. Denn letzte Woche erschien mit Koji Masunaris „Welcome to the Space Show“ einer der besten japanischen Zeichentrickfilme der letzten Jahre auf DVD. Der Film stimulierte Bereiche in meinem Gehirn, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Im Anschluss bildete ich mir ein, die Welt sei einen Tick grauer geworden. Und ich dachte sogar eine Sekunde lang daran, zum Mond zu fliegen um zu schauen, ob nicht doch etwas auf seiner dunklen Hälfte abgeht. Denn die uns abgekehrte Seite des Trabanten ist Schauplatz der ersten Hälfte des Science-Fiction-Animes. Wie die Gruppe aus fünf Kindern und einem hundeähnlichen Außerirdischen namens Pochie vom Planeten Wan – die Helden und Antihelden des Films – dort hinkommen, will ich gar nicht verraten. Erwähnenswert ist nur, dass der Mond die erste Station einer Odyssee quer durch den Weltraum ist. Und wie man es von vielen japanischen Produktionen gewohnt ist, fällt der Detailreichtum enorm aus: Unzählige Kreaturen, Gebäude, Fluggeräte und vieles mehr beleben das Bild und lassen nicht nur die Kinder aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Diese juvenile pleasure wird jäh unterbrochen, wenn der Film ab der zweiten Hälfte eine düstere Wendung vollzieht. Denn die namensgebende Show wird von einem Alien moderiert, das ungutes im Schilde führt: Es will eine perfekte Lebensform erschaffen, wozu es unter anderem eines der Kinder benötigt.

Was den Film so besonders macht, ist nicht nur der spannende Plot rund um eine Hetzjagd durch die tiefen des Raumes, sondern die anhaltenden optischen und inszenatorischen Sensationen. So wohnen die Kids einer Supernova bei, die im Rahmen eines gigantischen Events besungen wird: “Happy birthday, supernova…“. Pochies Heimatplanet und auch die anderen Welten erinnern in ihrer Erscheinung an Filme aus dem Hause Ghibli. In langen Einstellungen werden Städte und Natur gezeigt und aufgrund der Science-Fiction-Thematik ist vom einfachen Bauernhaus bis zu hochmodernen Riesenmetropolen alles vertreten. Und das schöne daran ist, dass alles wie aus einem Guss und jederzeit stilsicher wirkt.

Wer sich jetzt fragt, wer genau denn nun Pochie ist und warum er sich auf der Erde herumtreibt, und wer erfahren möchte, was es mit dem ominösen „Zughann“ und vor allem dem sagenumwobenen „Pet Star“ auf sich hat oder wer einfach nur ein Farb-Bad nehmen möchte, der sollte sich den Film unbedingt ansehen. Denn selten wurde von dem Grundsatz, dass man alles Zeichnen kann, was man sich nur vorstellen kann, in solch ausladendem Maße Gebrauch gemacht. Und keine Angst: Die Charaktere kommen bei all der optischen Pracht und der teils wirklich haarsträubenden Action keineswegs zu kurz.

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