Welcome To Norway

Schon im Sommer 2015 berichteten viele deutsche Zeitungen darüber, wie sich Makler, Vermieter und Hostelbetreiber an Flüchtlingen bereichern. Denn die Kommunen sind oft auf private Unterkünfte angewiesen und bezahlen für jeden aufgenommen Flüchtling Geld an die Betreiber. So schrieb zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung: „Wo schon längst keine Gäste mehr absteigen, werden nun Flüchtlinge untergebracht. Oft in wenig erschlossenen Regionen, weit weg von Deutschkursen, Arbeit und öffentlichen Verkehrsmitteln. Für die Hoteliers lohnt sich das Geschäft. Statt auf Touristen zu hoffen, laufen ihre Häuser nun unter konstanter Vollbelegung.“

Genau dies ist auch Thema des Films „Welcome to Norway“ von Regisseur Rune Denstad Langlo, der lieber auf trockenen norwegischen Humor statt auf Drama setzt, um an dieses ernste Thema heranzugehen.

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Petter Primus (Anders Baasmo Christiansen) betreibt ein Hotel in den norwegischen Bergen. Doch es läuft sehr schlecht. Da hat er die Idee, aus dem Haus eine Flüchtlingsunterkunft herzurichten. Natürlich möglichst spartanisch. Denn es geht ihm nicht um das Wohl der Asylsuchenden, denen gegenüber er voller Vorurteile ist, sondern er will dem Staat nur möglichst viel Geld abknüpfen und die Menschen als billige Arbeitskräfte ausbeuten. Doch kaum sind die 50 Asylsuchenden in dem maroden Gemäuer angekommen, beginnen auch schon die Probleme.

Leider schafft es der Film nicht immer, den Zuschauer wirklich in diese leider ganz reale Welt aus Egoismus und Ausbeutung mitzunehmen. Das größte Problem an dem Film ist, dass man von den Asylbewerbern nicht viel mitbekommt, außer dass sich diese andauernd beschweren und Probleme machen. Obwohl das Hotel übertrieben schlecht geführt wird und sicher kein Zuschauer sich wünschen würde dort zu wohnen, entwickelt man doch recht wenig Mitgefühl für die Bewohner. Denn der Film kann nicht vermitteln, wie es sein muss, dort über einen längeren Zeitraum leben zu müssen. Die Menschen im Heim werden durch deren filmischen Darstellung zu einer fremden bedrohlich wirkenden Masse und statt dieses Bild geschickt zu entlarven, bleibt das Individuum dabei auf der Strecke. Nur einer der Asylsuchenden ist einer der Hauptfiguren. Abedi (Olivier Mukuta) aus Afrika, der dem Heimleiter hilft, das Chaos im Haus zu bewältigen. Er soll exemplarisch für die vielen individuellen Schicksaale der Heimbewohner herhalten. Ihn schließt man so im Laufe des Films in sein Herz, aber die restlichen Bewohner sind nur blasse Nebenfiguren, die dem Rezipienten bloß vorführen, dass es schwer ist Menschen aus verschiedenen Kulturen auf einem kleinen Raum unterzubringen. Immerhin wird Abedi nicht als wandelndes Klischee dargestellt. Es gelingt dem Film seine Figur vielschichtig und seine Beweggründe nachvollziehbar zu inszenieren. Er ist ein ganz gewöhnlicher Typ mit Fehlern, Talenten und Eigenschaften, mit denen sich der Zuschauer gut in Abedi hinein versetzten kann. Gerade dadurch wirken die anderen Heimbewohner aber automatisch alle unsympathisch. Einfach weil man sie nicht kennenlernt.

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Was der Film jedoch gut thematisiert ist die andere Seite, die der einheimischen Bevölkerung, den Ausbeutern und den Helfern. Die beste Szene im Film ist, als die nervige und inkompetente Sozialarbeiterin ein paar Frauen in einem Gespräch ganz naiv nach einer persönlichen Geschichte fragt. Daraufhin erzählt die eine Frau recht emotionslos davon, wie sie mehrfach vergewaltigt wurde. In diesem Moment hat der Film den nötigen Biss, um den Zuschauer zu treffen. Die schreckliche Ernsthaftigkeit dieses Themas, wird hier geschickt durch den schwarzen Humor an den Zuschauer gebracht, der sonst vielleicht lieber wegsehen würde. Die Szene macht sehr gut deutlich, wie schwer nachvollziehbar es doch in Wirklichkeit ist, was die geflüchteten erlebt haben und wie schwer es ist, dann damit richtig umgehen zu können.

Durch ihren aggressiven und selbstgerechten Drang andere zu moralisieren, wird schnell deutlich, dass die Sozialarbeiterin den Geflüchteten nur hilft, um sich selbst besser zu fühlen. Dabei sind alle ihre Handlungen wenig hilfreich. Egal ob es die tausend Bücher sind, die sie anschleppt, obwohl es im Heim nicht einmal genug zu essen gibt, oder die Gespräche, die für die traumatisierten Asylbewerber mehr peinlich als hilfreich sind. Sie steht exemplarisch für das „Gut-sein“-Wollen, aber nicht „gut gemacht“ – Phänomen, was ein eher schwieriger Aspekt in der Flüchtlingskrise ist. Auch weil der darauf bezogene Begriff „Gutmensch“, dazu missbraucht wird, um humanistische Bestrebungen ins lächerliche zu ziehen und die Helfer*Innen von Flüchtlingen zu diskreditieren. Mittels dieser rhetorischen Strategie, wird nicht selten versucht, die Kritik an rassistischen und antiislamischen Haltungen abzuwerten. Daher ist es umso wichtiger, dass auch die Helfer*Innen mal durch den Kakao gezogen werden, ohne ihre Arbeit per se abzuwerten. Leider sind solche guten Szenen zu selten. Sicherlich liegt dies auch daran, dass sehr viele Aspekte der Flüchtlingsproblematik in diesen Film reingepackt wurden. So kommt vieles zu kurz. Wie zum Beispiel die Nebenfiguren Ehefrau Hanni (Henriette Steenstrup) und Tochter Oda (Nini Bakke Kristiansen). Beide stehen für weitere Archetypen: Auf der einen Seite ist da Hanni, die ihren Mann für seinen Rassismus kritisiert, selbst aber keinerlei Hilfe anbietet und meint, wenn sie einmal im Monat etwas Geld nach Afrika schickt, wäre das ja wohl genug. Auf der anderen Seite die Tochter, die einfach offen auf die Menschen zu geht und eine Geflüchtete ohne lange nachzudenken bei sich im Zimmer aufnimmt. Die eine selbstlos und unvoreingenommen, die Andere möchte ja helfen, hat aber immer eine Ausrede parat um untätig zu bleiben.

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Besonders schön: die absichtlich klischeehaften Dialoge bestehend aus bekannten Phrasen aus Alltag und Politik zwischen den Familienmitgliedern:

Oda: “Ohne Scheiß, sie braucht eine Tür.”
Petter: “Na dann schlafen die Neger eben draußen. Das sind die doch gewohnt.”
Oda: “Du kannst sie doch nicht so behandeln. Und du darfst sie auch nicht so nennen.”
Petter: “Na was denn? Ich sage doch auch zu Schweden alles Mögliche. Und die sind auch nicht gleich sauer.”

 

Heimleiter Petter überwindet seine Xenophobie und lernt, wie er den Menschen in seinem Heim tatsächlich helfen kann, denn der Film muss ja eine positive Message haben. Schade, dass in der Realität weder Rassisten noch ausbeuterische Vermieter sich so leicht umstimmen lassen. Trotzdem hat der Film gegen Ende eine ganz nette Wendung parat, die immerhin noch ein wichtiges Problem wirkungsvoll anspricht: Die persönlich-emotionale Ebene beim Thema Bleiberecht. Aber hier soll nicht zu viel verraten werden.

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Bilder: www.filmstarts.de

Trailer

Norwegen
Starttermin: 13. Oktober 2016
Regie: Rune Denstad Langlo
Mit : Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi
Genre: Komödie , Drama
Produktion: Motlys
Verleih: Neue Visionen

 

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