Vorübergehend fertig geseidelt…

Paradies: Hoffnung, 91′ – D 2013

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Der letzte Teil von Ulrich Seidels Paradies Trilogie zeigt das pummelige dreizehnjährige Mädchen Melanie, die zusammen mit anderen in einem Diätcamp von Fitnessberatern zu einem gesunden Lebensstil erzogen werden soll. Die pubertären Nebenerscheinungen wie Ungehorsam, Lustlosigkeit, nächtliche Zimmertreffen und sexuelle Verlangen, zeigen was eigentlich in den Jugendlichen vorgeht. Brisant wird es als sich Melanie in den 50jährigen Arzt des Camps verliebt und es zu beiderseitigen Annäherungsversuchen kommt.

Die folgende Kritik ist nach einer Premierenvorstellung im Friedrichstadtpalast auf der Berlinale 2013 entstanden und soll neben dem Inhalt auch die Rezeptionshaltung widerspiegeln.

„If you´re happy and you know it clap your fat“ so lautet die Wiederholungszeile, den die Diät-Gruppe um die Hauptdarstellerin Melanie Lenz in Seidels klischeebehafteten Drama als angebliche Fitness- und Motivationsübung singen muss. Sogar das Filmpublikum kann diesen Gassenhauer beim Abspann mitsingen und -klatschen. Dies und andere kleine und schwergewichtige Lacher erfreuen das Publikum während der Aufführung. Man meint den Wettbewerbssieger schon vorläufig feststellen zu können und muss sich fremdschämen. Gelacht wird zum Beispiel, wenn die dicken Kinder in einer Reihe hintereinander durch den Flur laufen oder versuchen Purzelbäume zu schlagen. Nun, mit dem bundesweiten Kinostart wird sich jedes überproportionierte Kind fragen, ob die Rundungen der Darsteller wirklich ästhetisch dar- oder zur Schau gestellt werden. Dankeschön Herr Seidel, wenn das Lied aus ihrem Film dahingehend Verwendung findet, dass es auf dem Schulhof hinter den breiten Rücken, der ohnehin schon als soziale Problemfälle Angesehenen, als Beihilfe zum Mobbing geklatscht wird.

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Neben dem Vorführen der Dicken, durch Perspektiven, die zwischen die Schenkel fallen oder wenn diese als symmetrisch angeordnete Kugeln in die sonst sterile Camp-Umgebung platziert werden, gibt es ähnlich plakative Gegenfiguren: Da wären die sexy Blondine (Vivian Bartsch), die als Ernährungsberaterin und sportliches Fitnessideal das nie zu erreichende Ziel der Hoffnung der Kinder symbolisiert. Der unattraktive Fitnesstrainer (Michael Thomas), der sich wie wir vermuten als hoffnungsloser Fall auf den Macht ausübenden Posten des Gefängniswärters zurückgezogen hat und wenn schon nicht sich, immerhin die Kinder durch Zucht und Ordnung in Form bringen soll. Auf kritischem Posten befindet sich der Camp-Arzt (Joseph Lorenz), der sich neben seinem in Routine verlorenem Job überlegen muss, wie er mit seinen pädophilen Gefühlen umgeht um nicht der „Liebe“ von Melanie zu erliegen.

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Der Verlauf der Handlung scheint nach den ersten Minuten im Camp und der flüchtigen Begegnung zwischen dem Liebespaar offensichtlich. Die Story wird durch die Augen von den Dreizehnjährigen geschildert. Die jugendlichen Fantasien sollen uns als große Gefühle präsentiert werden. Das Publikum im Friedrichstadtpalast stößt sich an den moralisch verwerflichen Momenten des Films, als ob die Idee von Alkoholmissbrauch, sexuell aufbegehrenden Jugendlichen und Pädophilie etwas völlig unerwartetes wären.

So einfach sie sind, bewirken sie ein kollektives Schaudern vor der Leinwand. Zum Glück passiert außer einer halbnackten Umarmung im Wald nichts wirklich Verwerfliches, auch kann sich der böse Onkel Doktor zurückhalten, als das Mädchen ihm hoffnungslos alkoholisiert ausgeliefert ist. Was vom Film neben dem „Ohgottohgott so was darf man aber nicht tun“ bleibt und worauf sich fast alle einigen können: „If you´re happy and you know it clap your fat“.

  • Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
  • Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman
  • Darsteller: Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Michael Thomas, Vivian Bartsch
  • Verleih: Neue Visionen, Berlin
  • Kinostart: 16.05.2013
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