Von Staub und Kratzern

Wuthering 1Einer der schönsten Filme des Jahres kommt hierzulande nur auf DVD heraus: Andrea Arnold (Regisseurin von Fish Tank  hat eine weitere filmische Adaption von Emily Brontës Wuthering Heights angefertigt. Wie die von William Wyler oder Luis Buñuel endet zwar auch diese nach dem zweiten Drittel und der erfolgten Rache Heathcliffs, ist aber auch eine ganz eigene, höchst ästhetische Variation des Themas verfilmter Landschaft.

Literaturliebhaber werden bei diesem Film allerdings kaum auf ihre Kosten kommen – zumindest nicht die, die Kulturverrat befürchten, wenn ihr kanonischer Text nicht bloß bebildert, sondern interpretiert wurde. Und so ist am Auffälligsten, dass aus der wortgewaltigen Vorlage ein geradezu wortkarger, ja verstockter Film geworden ist, über die Geschichte der Liebe zwischen dem Findelkind Heathcliff und der Bauerntochter Cathy um 1800. Aber auch die Bilder sprechen nicht die Sprache der Literatur. Wie zuletzt in Meek’s Cutoff und Sokurovs Faust (Russland 2011) entscheidet sich Arnold für das Academy-standard-Format 1:1,37, das heutiger Sicht vor allem wenn es um Landschaften geht, als eine höchst ungeeignete Wahl erscheint. Der fast quadratische Bildausschnitt kann allerdings die Menschen besser kadrieren, da neben den Gesichtern weniger Platz für Hintergründe bleibt. Aber für rauen englischen Moorlandschaften hat Arnold sowieso kaum eine Totale übrig: Viel lieber nimmt sie Details ins Bild wie Käfer, Spinnen, Federn, Moos. Die Einstellungen zeichnen sich zudem durch eine extrem geringe Schärfentiefe aus, in nur wenigen Zentimetern werden Gegenstände von der Unschärfe in den Schärfebereich gerückt und wieder zurück. Und auch zwischen den Menschen wird diese Kameraarbeit eingesetzt: Zwischen Heathcliff und Cathy wandert die Schärfe immer wieder hin und her, verbindet die beiden Personen so über ein optisches Detail. Wenn sie kurz seine Wunden leckt, nachdem er vom Vorarbeiter ihres Bruders ausgepeitscht wurde, liegt die Schärfe auf dem Punkt, wo die Zunge die Haut berührt, ihre Nase ist schon wieder unscharf. Es sind sehr eigene, teilweise zerbrechliche Bilder, die so entstehen und das Drama um Existenzen, die im Kreislauf des Bösen verhaftet bleiben, illustrieren. (Mit Kameramann Robbie Ryan, der auch Ginger & Rosa fotografierte, arbeitete Arnold auch schon bei ihrem letzten Film zusammen.)

Wuthering 3

Arnold geht es nicht um den Kampf von Mensch und Natur, noch um die Verbundenheit oder die Charakterisierung mittels dramatischer Naturaufnahmen. Die titelgebende Sturmhöhe findet sich sowohl in den menschlichen Charakteren als auch in der Natur, ohne dass hier jedoch Verbindungen naturmystischen Formats gezogen werden würden.

In der zweiten Hälfte allerdings, nachdem Heathcliff zurück gekehrt ist, kippt das Konzept. Die Bilder werden schöner, lichtdurchfluteter, lensgeflareter. Das Problem mit den Verfilmungen, die nur zwei Drittel der Vorlage verfilmen, ist, dass sie Gefahr laufen, Heathcliffs Rache an der nun erwachsenen Cathy und ihrem Ehemann auch als romantische verklärte Verzweiflungstat darzustellen. So auch hier. Zwar versucht Arnold, durch Rückblenden die Struktur in ihrem zweiten Teil etwas aufzulösen, was ihr aber nur in Ansätzen gelingt. Erfolgreich ist der Film aber in der Verweigerung von Identifikationsangeboten. Die Natur nimmt zu viel Raum ein, das Verhalten der Charaktere wird nicht vermittelt, der innere Monolog fehlt. Und am Schluss bleibt der Staub im Sonnenlicht. Oder die Kratzer an der Wand.

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Wuthering Heights, UK 2011, 129’
Regie: Andrea Arnold
Buch: Andrea Arnold & Olivia Hetreed
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Nicolas Chaudeurge
Besetzung: James Howson, Solomon Glave, Shannon Beer, Kaya Scodelario
als DVD erschienen bei Prokino

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