Vollendete Unvollkommenheit

(Minor spoilers ahead!)

Kino macht doch am meisten Spaß, wenn man ohne große Erwartungen im Sitz versinkt und die ersten Minuten mit reichlich Skepsis quittiert, nur um wenige Augenblicke später seine Körperhaltung in eine aufrechte Lage zu korrigieren, weil einen das Interesse für das, was sich da auf der Leinwand abspielt, am Schopfe packt. Im Falle von Rian Johnsons Looper baut der Trailer zunächst ein Erwartungsgerüst auf, das sich wie folgt skizzieren lässt: Irgendwas mit Zeitreisen, rauchenden Colts und Bruce Willis, in einem ausgelutschten Science-Fiction-Sujet voll sapochnik’scher Gewaltästhetik. Im Grunde ist die Zeitreisethematik ja gleichzeitig ein Freipass für Ungereimtheiten und Logiklöcher, die sich unmöglich stopfen lassen. Wie auch, wenn aus der Linearität der Zeit eine Schleife gebunden wird. Diese Schleife existiert auch in Looper, jene prangt hier gar im Titel. Jeff Daniels, der im Film das oberste Haupt der Looper mimt, konstatiert in graubärtiger Nüchternheit: „This timetravel crap just fries your brain like an egg.“ Mehr muss nicht gesagt werden. Und unter anderem diese Art von Metahumor macht aus Looper einen besonderen Film, der erfreulicherweise weit weniger steril und aufgesetzt daherkommt, als es der staccatomontierte Trailer befürchten lässt.

Der von Looper-Youngster Joe aka Joseph Simmons (Joseph Grodon-Levitt) gesprochene Voice-over verrät in etwa soviel über die Handlung des Films, wie an dieser Stelle preisgegeben werden soll. Wir schreiben das Jahr 2044. Zeitreisen sind noch nicht erfunden, werden es in 30 Jahren aber sein. Zwar wurden sie von der Regierung verboten, geheime Verbrecherorganisationen nutzen sie jedoch, um ihre Opfer in die Vergangenheit zu schicken, wo sie von einem Looper erschossen werden. Mit verdecktem Gesicht und auf dem Rücken verbundenen Händen erscheinen sie wehrlos an festgelegten Orten und binnen einer Sekunde ist der Job erledigt. Die Bezahlung erfolgt durch Silberbarren, die den unfreiwilligen Zeitreisenden auf den Rücken gebunden wurden. Findet ein Looper dort Goldbarren vor, hat er sein 30 Jahre älteres Ich getötet und damit den Loop geschlossen. Ein lukratives Geschäft also.

Problematisch wird es, als Joe auf sein älteres Ich (Bruce Willis) trifft und nicht wie sonst reflexartig den Abzug betätigt, da sich jener ohne Fesseln und Gesichtsverdeckung vor ihm materialisiert. Sein Zukunfts-Ich nutzt dessen Verdutztheit aus, wirft einen Barren nach ihm, kann ihn so überwältigen und fliehen. Ab hier beginnt nicht nur ein Katz- und Mausspiel, weil der junge Joe sein alter Ego tot sehen möchte, sondern es werden munter Genres durch den Mixer gedreht. Man erfährt von einem Rainmaker, der in der Zukunft dabei ist alle Loops zu schließen und eine Terrorherrschaft führt. Niemand jedoch hat sie oder ihn jemals zu Gesicht bekommen. Man weiß außerdem, dass manche Menschen über telekinetische Fähigkeiten verfügen. Und soviel sei noch verraten: Der alte Joe ist in der Vergangenheit nicht nur auf der Flucht, sondern in guter alter Terminator-Manier auf der Jagd nach dem Rainmaker, der in der Zukunft für den Tod seiner Frau verantwortlich sein wird.

Das bizarre Kuddelmuddel kulminiert in einer Endpassage, die man nicht einmal hätte erahnen können. Dabei schafft es der Film durchaus eine gewisse Ernsthaftigkeit zu bewahren, biedert sich aber nicht an, ein aufgesetztes Lehrstück über menschliche Vernunft zu sein, wie man es so oft in dystopischen Werken vorgesetzt bekommt. Eine Metaebene über den progressiven Verfall der Menschheit schwirrt zwar mit, fügt sich aber sanft in den Kontext des Films ein. Sowieso ist Regisseur Rian Johnson viel zu sehr damit beschäftig, vor dem Film noir auf die Knie zu fallen und das in einer Entschlossenheit, die wirklich verblüfft. Plötzlich erschleicht einen das Gefühl, als sitze man in Warren Beattys Dick Tracy und schaut finsteren Gestalten mit unglaublich großen Knarren beim finster Dreinblicken zu. Der Einsatz von Licht und Schatten wird zur Makulatur.

In diesem Fall will ich jedoch ein Auge zudrücken, vor allem, weil der Film sich von der technischen Seite her alles andere als perfekt präsentiert, gerade die Hoverbike-Sequenzen könnten direkt aus den 80ern stammen. Es ist schon sehr charmant, wie es da unverhofft diesen Bruch in der Inszenierung gibt und man merkt, dass es Johnson nie um bloße Effekthascherei ging. Andererseits beweist er wiederum durch manch eindrucksvolle Montage-Sequenz und Kameraeinstellung, dass er auch anders kann, etwa wenn sich der junge Joe irgendwelche High-Tech-Drogen in die Augen träufelt, man mit im Bewusstseinskarussell fährt und ebenso heftig auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt, wie Joe, wenn er von der Tragweite seines Handelns erfährt. Denn wie sein Ich aus der Zukunft wird auch er verfolgt und es hilft ihm nur peripher, als er Zuflucht in einem abgelegenen Landhaus findet, in dem Sarah (Emily Blunt) und ihr kleiner Sohn Seth (Paul Dano) residieren, woraus obendrein ein weiterer Handlungsast erwächst.

Looper kann sich nicht so recht entscheiden, was er sein möchte. Und das ist auch gut so. Gegen Ende watet er gar in Horror-Gefilden und erinnert ein wenig an bekannte Werke von Richard Donner und Altmeister De Palma. Erneut offenbart der Regisseur seine Hingabe zum Expressionimus und tobt sich hemmungslos aus, was erfreulicherweise auch für Bruce Willis gilt, der beweisen darf, dass McLane noch immer in ihm steckt. Diese Leidenschaft ist ansteckend, die vielen Ecken und Kanten des Films sympathisch und erfrischend, die 80s-Reminiszenzen wohl platziert. Hier bekommt man keinen Zucker, sondern eine herbe Gewürzmischung in die Augen gestreut. Das brennt zwar etwas, lässt einen das Ereignis aber nicht so leicht vergessen.

Lopper, USA/China 2012, 110′
Regie & Drehbuch: Rian Johnson
Kamera: Steve Yedlin
Darsteller: Bruce Willis, Joseph Gordon-Levitt, Emily Blunt, Jeff Daniels
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH
Kinostart: 03.10.212

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