Violently Happy

“schwelle sieben ist experimenteller Körperarbeit und Körperforschung gewidmet, vor allem aber Spiel, Zauberei und sanftem Wahnsinn.“

(Zitat von der Homepage von „schwelle sieben“)

 

Violently Happy, ist ein Film für jene, die ihren Horizont in Sachen Sexualität und menschliche Beziehungen erweitern wollen – ehrlich, intim und sehr explizit. Weit weg von heteronormativen Vorstellungen von Liebe und Sex. Ganz im Gegenteil zu Filmen wie Fifty Shades of Grey, die die SM-Szene populär gemacht hat, obwohl von Sex kaum etwas zu sehen ist. Während Fifty Shades of Grey weiter Vorurteile über sexuelle Neigungen schürte, indem zum Beispiel gezeigt wird, wie ein reicher Mann eine naive Jungfrau emotional misshandelt und die Lust an Erniedrigung aus einem Trauma heraus erwächst, versucht der Film von Regisseurin Paola Calvo dagegen, sich urteilsfrei und ohne übertriebene Inszenierung mit dem Thema zu beschäftigen und sich auf ganz individuelle Sehnsüchte und Gefühle einzulassen.

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Zwei Jahre lang besuchte Frau Calvo den Experimentierraum „schwelle sieben“ in Berlin und lernte die Menschen kennen, die dort ihre Sexualität ausleben. Erst nach ca. einem halben Jahr, hatte sie so eine Beziehung des gegenseitigen Vertrauens zu den Mitgliedern aufbauen können, dass ein Film über die Gemeinschaft möglich wurde. War sie zuerst noch mit einem Filmteam vor Ort, merkte Paola Calvo bald, dass sie die Augenblicke mit der Kamera alleine festhalten müsse, um mehr Intimität schaffen zu können.  So scheinen die Protagonisten die Kamera tatsächlich zu vergessen und sich ganz in ihrer Welt zu präsentieren. Der Film schafft es auf diese Weise eine erstaunliche Verbindung zwischen Zuschauer*in und Darsteller*in  und eine besonders Intimität der Protagonisten zu präsentieren. So wurde zwar nicht die ganze Gemeinschaft portraitiert,  jedoch aber Menschen, die  diese Idee des Experimentes geprägt haben. Auch der Rezipient wird beim Sichten des Films Teil dieses Experiments. Ist das schon Pornografie? Ja ein bisschen, denn wir Zuschauer sollen zum Voyeur werden und die sexuelle Lust der Protagonisten auch mitfühlen und -erleben. In dem Moment des Zusehens erfüllt man ebenfalls das exhibitionistische Verlangen der Darsteller*innen.

Der Film zeigt Ausschnitte der verschiedenen Workshops, die dort angeboten wurden. Aber auch ganz alltägliche Handlungen der Teilnehmer*innen. Besonders ironisch wirkt zum Beispiel der Gang zum Zahnarzt. Eine Szene, die nach dem Film in der Diskussion von den Zuschauern als besonders unangenehm empfunden wurde. Obwohl vorher blutig gepeitschte Körper zu sehen waren. Aber den Schmerz beim Zahnarzt kennt eben jede*r. Dabei wird dieser unangenehme Schmerz, in einen sexuellen Kontext gestellt. Eine absichtlich absurde Wirkung. Es gebe so viele dämliche Witze über Masochisten und Zahnarztbesuche, sagt Regisseurin Calvo dazu im Gespräch. Als müsse alles was Schmerzen bereitet dann automatisch gefallen. Sie macht so geschickt deutlich, dass es eben nicht einfach nur oberflächlich um das Zufügen von Schmerzen geht. Vielmehr geht es um Vertrauen – darum, sich völlig fallen lassen zu können. Es geht um das Austesten des eigenen Körpers und um das Erfahren von emotionalen, wie körperlichen Grenzen und auch darum zu erforschen, was für Gefühle dabei freigesetzt werden können. Im Film wird von vielen Akteuren das Erlebte als ein Gefühl von vollkommender Freiheit beschrieben.

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Gezeigt wird eine vielfältige, sehr freie Sexualität, die auch mit den Grenzen der Zuschauer spielt. Nadeln in der Haut, sexuelle Demütigung, beißende Blutegel, deutlich sichtbare Wunden von Peitschenhieben. Manche Zuschauer*innen verließen den Kinosaal. Der Film gibt weder Anleitung, noch urteilt er über die Praktiken, aber er gibt einen Eindruck davon, was Menschen als Lustvoll empfinden können. Felix, eine der am häufigsten gezeigten Personen, sagt im Film: Es sei ein Risiko. Denn es könne auch sein, dass Grenzen überschritten werden. Es könne sein, dass eine Erfahrung nicht schön ist.  Doch alles, was man  im Leben tue, sei mit einem Risiko verbunden. Jeder Spiele irgendwie gerne. Manchmal ist es schwer, die Intention der gezeigten Menschen nachzuvollziehen. Das trifft selbst auf die Regisseurin zu, wie sie nach dem Film verrät. So verstand sie zunächst nicht, warum so viele Frauen sich absichtlich in eine Opferrolle begaben und sich absichtlich demütigten. Für manche Feminist*innen gelten devote Frauen als Teil des Patriarchats. In ihrem Film zeigt Paola Calvo, warum die Frauen der „schwelle sieben“ selbstbewusste und starke Frauen sind und über ihre Sexualität selbst und frei entscheiden.

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Der Film spielt überwiegend in der Wohnung von Felix. Der Schauplatz ist einerseits ein privater Raum, in dem sich Menschen sicher fühlen und in dem sie ganz sie selbst sein können. Andererseits ist der Raum aber auch öffentlich, da jede*r Interessierte ein Teil davon werden kann. Ein Ort, der geprägt ist von den Erlebnissen seiner Besucher*innen.   „schwelle sieben“ ist einzigartig, sagt die Regisseurin und sagt auch ihr Film. Leider gibt es den Ort seit dem Frühjahr nicht mehr. Doch Workshops werden weiterhin angeboten. Es wird etwas Neues geben, sagt Calvo. Aber so wie an diesem speziellen Ort, werde es nie wieder sein.

Weitere Vorführung auf dem Braunschweiger Filfest 2016:
10.11.2016, 21:30 Universum 1

 

Kinostart: 26. Januar 2017

Deutschland 2016
Regie: Paola Calvo
Kamera: Paola Calvo
Buch: Paola Calvo, Grzegorz Muskala
Schnitt: Gines Olivares
Darsteller: Felix Ruckert, Mara Morgen, Christine Borch, Jana Scherle, Caritia
Produktion: Andreas Hörl, Maren Lüthje, Florian Schneider
Musik: Christian Meyer
Ton: Daniel Engel, Jan Pasemann, Takis Christos Sariannidis
Verleih: Zorro Film

 

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