Victoria

Victoria (Laia Costa), gleichermaßen eine Protagonistin und namensgebend für den Film, ist neu in Berlin. Getaucht in flackerndem Stroboskoplicht tanzt sie zu Beginn der Erzählung ekstatisch in einem Elektro-Club. Als sie den Laden verlässt und verschwitzt in die Berliner Nacht stolpert, trifft sie auf eine stark angetrunkene Gruppe, die sofort beginnt, die junge Spanierin zu umwerben und sich dabei als Sonne, Boxer, Blinker und Fuß vorstellt. Zuneigung empfindet Victoria dabei offensichtlich zu dem groben aber liebenswürdigen Sonne (Frederick Lau), der sie mittels gebrochenem Englisch oberflächlich unterhält. Ihre Neugierde gegenüber den Jungs, sowie der fremden Stadt bringt sie dazu, sich der planlosen Gruppe anzuschließen, die sie durch ihren Kiez führt. Sobald jedoch Boxer (Franz Rogowski) einen Anruf erhält, bricht die Euphorie des Moments und die Stimmung innerhalb der Gruppe wird zunehmend angespannter. Der ehemals Inhaftierte erhält den Auftrag, mithilfe seiner Freunde einen Bankraub zu verüben, um seine Schulden aus seiner Zeit im Gefängnis zu begleichen. Da Fuß (Max Mauff) zu betrunken ist, um die Rolle des Fluchtwagenfahrers zu übernehmen, willigt Victoria ein, den Jungs zu helfen, woraufhin die Ereignisse in Richtung einer Tragödie ihren Lauf nehmen.
Victoria_inhalt Der Film, der in einer einzigen Einstellung gedreht wurde, ist ein mitreißendes Experiment, das von improvisierten Dialogen und einer außergewöhnlichen Kameraarbeit lebt. Trotz schwer zugänglichen Handlungsorten wie einem Dach, welches lediglich über eine schmale Treppe erreicht wird, oder innerhalb eines Fluchtwagens inmitten der Protagonisten, gelingt es dem Kameramann Sturla Brandth Grøvlen seine Arbeit der Handlung unterzuordnen, ohne dabei für den Zuschauer spürbar zu werden. Nicht ohne Grund also wurde Victoria auf der Berlinale 2015 mit dem silbernen Bären für seine Kameraarbeit ausgezeichnet. Durch die in Echtzeit stattfindenden Ereignisse, die der Kamerastil provoziert, schafft es der Film die Stimmungen und Anspannung der Protagonisten in zweierlei Weise auf den Zuschauer zu übertragen. Zum einen fühlen sich für den Rezipienten wenige Sekunden wie eine Ewigkeit an, wenn beispielsweise der Fluchtwagen nicht anspringt oder sich Sonne und Victoria auf ihrer Flucht vor der Polizei verstecken. Zum anderen wird der Berliner Handlungsort in den frühen Morgenstunden mit der aufgehenden Sonne und den Gesängen der Vögel wunderbar inszeniert und die Erschöpfung der Charaktere nach dieser exzessiven und ereignisreichen Nacht unterstrichen, was sich abermals auf den Rezipienten auswirkt. Victoria beziehung Freundschaften haben in den Filmen von Sebastian Schipper eine besondere Bedeutung, da sie häufig den Ausgangspunkt für die jeweilige Handlung bilden. In seinem Debütfilm Absolute Giganten (1999) ist es die Gemeinschaft einer Clique, die den Bezugspunkt der Protagonisten bildet und in Ein Freund von mir (2006) lernt der Charakter Karl (Daniel Brühl) erstmalig kennen, was es bedeutet, einen Freund zu haben. In Schippers vierten Film als Regisseur und Drehbuchautor Victoria geht es abermals um Freundschaft, die jedoch nun vielmehr als bedingungsloses Füreinander beschrieben werden soll, was nicht immer funktioniert. Ungeachtet des Rausches, den der Film in Kombination aus dem Kamerastil und der spannungsgeladenen Handlung beflügelt, durchleben die beiden Protagonisten Victoria und Sonne im Sinne der Erzählung, alle Stadien einer sich bildenden Freundschaft, die für den Zuschauer nur schwer nachvollziehbar sind. So lernen sie sich innerhalb einer Zeitspanne von zwei Stunden kennen und entwickeln durch einen scherzhaften, oberflächlichen Umgang miteinander, gegenseitige Zuneigung. Daraus bildet sich innerhalb kürzester Zeit ein bedingungsloses Vertrauen, was wiederum die Beihilfe zu einer Straftat rechtfertigen soll. Die narrative Stärke des Films, die aus der Übereinstimmung der diegetischen Zeit mit der Echtzeit resultiert, entpuppt sich somit gleichermaßen als Schwäche, da die Darstellung einer sich entwickelnden Freundschaft lediglich in einem Zeitraffer verdeutlicht werden kann und damit unnatürlich wird.

Victoria, D 201, 140′
Regie/Drehbuch: Sebastian Schipper
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski
Verleih: Senator/Central, Kinostart: 11.6.2015

One Response to “Victoria”

  1. franziska-t

    Ich finde das Experiment “One take” auch sehr gelungen und wirklich ungewöhnlich für das deutsche Kino. In den letzten Jahren scheint sich da tatsächlich etwas zu tun, allerdings habe ich den Eindruck, dass viele tolle deutsche Filme leider immer nur auf Festivals, nicht aber im “normalen Kino” laufen. VICTORIA war mir in der zweiten Hälfte etwas zu langatmig, dennoch freue ich mich über jede Auszeichnung und jedes Loblieb, dass auf diesen Film gesungen wird.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/04/11/victoria-2015/
    …und hier (m)eine Kurzkrittiq: http://de.krittiq.com/review/1PDJ-victoria

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