Vergiss mein Ich

Totaler Gedächtnisverlust, ohne eigene Identität, als wäre man neu geboren – nicht leicht, sich so etwas vorzustellen. Vergiss mein Ich von Jan Schomburg befasst sich mit einem, wie ich finde, schwer verfilmbaren Thema. Es passiert einer ganz gewöhnlichen Frau, verheiratet und berufstätig. Sie muss sich nicht unbedingt an etwas erinnern, um dann die Welt zu retten. Es geht nicht um die Menschheit, es geht nur um sie. Der Film versucht einen Eindruck zu vermitteln, wie man wohl damit umgehen würde, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist, aber alle um einen herum Erwartungen haben, wer man dann wieder sein soll. Wir erfahren als Zuschauer auch nur durch fremde Erzählungen und Home-Videomitschnitte von Lenas vergangenem Ich. So wirkt diese andere Lena für uns genauso unwirklich wie für die Protagonistin selbst. Filmtechnisch gibt es keine sonderlichen Spielereien, um beispielsweise ihre innere Verwirrtheit auszudrücken. Alles funktioniert über das Schauspiel Maria Schraders, was auch dazu führte, dass ich mich persönlich gut in die Person Lena hineinversetzen konnte und sehr mit ihr mitfühlte. Diese will ihr ehemaliges Leben mit Ehemann Tore (Johannes Krisch) nicht einfach loslassen.w964 Doch schnell stellt sie fest, dass sie zwar ihr altes Ich spielen, aber nicht glaubhaft verkörpern kann. Die Amnesie macht aus der ehemals fest im Leben stehenden Lena eine Mischung aus einem kleinen verspielten Kind, das alles neugierig erkunden will, einer Soziopathin, die ihre Gefühle nicht mehr ausdrücken kann und die Regeln des sozialen Zusammenlebens nicht mehr kennt und einer Schauspielerin, die das Leben nur noch als eine unwirkliche Bühne für ihre Show versteht. Kaum fähig mit der neuen Möglichkeitsüberflutung zurechtzukommen, bringt sie auch das Leben ihrer Mitmenschen durcheinander. Der Hauptcharakter, der sonst ja immer zu Beginn der Geschichte durch bestimmte Charaktermerkmale vorgestellt wird, beginnt hier wie ein leeres Blatt Papier, das scheinbar beliebig beschrieben werden kann. So probiert Lena einfach verschiedene Ich´s aus. Es ist, wie wenn man in einem Rollenspiel seinen Charakter frei erstellt. Wenn man unzufrieden mit ihm ist, löscht man ihn wieder und macht einfach einen neuen. Mal tut sie was ihr gefällt und experimentiert, verändert zum Beispiel ihr Aussehen, probiert alles aus, was ihr auf dem Weg begegnet und dann versucht sie andererseits aber auch wieder in die Rolle zu schlüpfen, die von ihr erwartet wird und lernt beispielsweise alte Verhaltensweisen mithilfe eines Tagebuchs auswendig.vergiss mein ich Die Szene, wie sie planlos mit einer viel zu großen Karte (die sie nicht bedienen kann) durch die Stadt irrt, steht als Metapher für den ganzen Film. Sie will den richtigen Weg zurück finden, aber es gibt ihn nicht, denn es zeigt sich schonungslos, dass die Erinnerungen einen Menschen und seine Identität ausmachen und so kann man ohne sie nie mehr derselbe sein. Lenas neuen Erfahrungen füllen ihre leere und verwirrte Hülle sofort mit einer völlig neuen Identität. Bald ist dort kein Platz mehr für die alte Lena. Für ihre Mitmenschen ist das schwer zu verkraften, doch zeigt der Film auch, dass sich nun ganz neue  Wege öffnen, die vorher nicht da waren. Alte Ängste sind verschwunden und neue Talente kommen zum Vorschein. Besonders interessant ist, dass sie nun ausgerechnet einen jungen fremden Schönling und die freie Liebe dem vertrauten Eheleben zuhause vorzieht. Jan Schomburg gibt den Genen keine Chance. Erfahrungen und Umfeld bestimmen bei ihm alles, was das Individuum ausmacht. Wieder individuell sein, ist letztendlich auch der größte Wunsch Lenas und so muss sie sich schließlich doch für einen der Wege entscheiden…© RealFiction

 

Vergiss mein Ich
Deutschland 2014
Kinostart Deutschland: 01. Mai 2014
Regie und Drehbuch: Jan Schomburg
Produktion: Pandora Film Produktion
Produzenten: Claudia Steffen, Christoph Friedel, Andrea Hanke
Verleiher: Real Fiction
Kamera: Marc Comes
Mit: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld
Genre: Drama

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