Venus im Pelz

venus-plakatNach seinem letzten Film Carnage (2011) wagt sich Roman Polanski erneut an die Verfilmung eines Theaterstücks. Die Vorlage dazu ist dieses Mal “Venus in Fur”, ein Broadway-Stück von David Ives, das von der Bühnenadaption der Novelle “Venus im Pelz” von Leopold von Sacher-Masoch handelt. Polanski begibt sich auf die Metaebene der Metaebene und das Ergebnis ist eine meisterhafte Verzweigung verschiedener Elemente, die mehr und mehr zum verwirrenden Psycho-Spiel wird.

Anstatt des engen Raumes einer einzigen Wohnung dient in diesem Film der Theatersaal, besonders die Bühne, als alleiniger Handlungsort. Gemeinsam mit der Kamera durchstreift man anfangs eine Pariser Straße bis das Theater erreicht wird, die Türen sich öffnen und der Saal betreten wird. Hier trifft man auf den frustrierten Theaterregisseur und -autor Thomas, der nach einigen enttäuschenden Vorsprechen seine Sachen packt und sich damit abfindet, dass er die perfekte Besetzung nicht finden wird. Dann stürmt die forsche und völlig durchnässte Vanda in den Saal und bittet trotz Verspätung um ein Vorsprechen. Thomas lässt sich schließlich dazu überreden, wenn auch eher um sie loszuwerden anstatt ihr eine echte Chance zu geben. Schnell wird aber klar, dass die mysteriöse Frau mehr zu sein scheint als sie vorgibt, nicht zuletzt weil sie ihren Text bereits nach einem flüchtigen Blick ins Skript vollständig kennt. Es beginnt ein zunächst harmloses Spiel, bei dem Thomas die Rolle des Protagonisten Severin übernimmt und Vanda die weibliche Hauptrolle verkörpert, die rein zufällig denselben Namen trägt. Immer tiefer steigen beide in das Stück ein, sodass eine spannende Ebene der Verwischung von Grenzen entsteht und aus Spiel nach und nach Ernst wird.

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Der Text des Bühnenstücks vermischt sich mehr und mehr mit den Dialogen der Filmfiguren, wodurch oft unklar wird, wer nun die Worte spricht. Steht Thomas Vanda, der Schauspielerin, oder Wanda, der Figur, gegenüber? Gezielte Brüche gibt es zu Beginn noch, wenn Vanda die Worte aus dem Skript ungezwungen und etwas vulgär kommentiert oder kritisiert. Aber diese Momente nehmen im Verlauf des Films ab, sodass die verschiedenen Textgrundlagen zunehmend miteinander verschmelzen und fast untrennbar werden. Wo die Realität aufhört und der Schein beginnt, ist kaum noch auszumachen. Die Streitgespräche zwischen Thomas und Vanda werden zu Dialogen zwischen Severin und Wanda und die Welt um sie herum ist ohnehin vergessen, es existiert nur noch diese Bühne in diesem Theatersaal.

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Bei Venus im Pelz steht der Minimalismus von Handlungsort und Schauspielerzahl einem Maximum an Metaebenen und Selbstreferenzialität gegenüber. So braucht mancher Zuschauer vielleicht einen Moment um über die gewisse Ähnlichkeit zwischen Hauptdarsteller Mathieu Amalric und einem jungen Polanski hinwegzukommen. Dass er die weibliche Hauptrolle mit Emmanuelle Seigner besetzt hat, bietet in dieser Hinsicht eine weitere merkwürdige Selbstreferenz, da man nicht nur Polanski selbst, sondern auch seine Frau in den Filmfiguren wiederfindet und der persönliche Einfluss eines Regisseurs auf seinen Stoff immer wieder zur Sprache kommt. Außerdem geht es nicht zuletzt um die Beziehung zwischen Regisseuren und Schauspielern, die von einer gewissen Macht und Dominanz geprägt ist, welche in diesem Fall erst graduell, dann ruckartig umgedreht wird. Polanski hat einen persönlichen Metafilm geschaffen, der zahlreiche Ansatzpunkte für tiefere Auseinandersetzungen und gleichzeitig kurzweilige, aber niemals stumpfe Unterhaltung bietet. Es bleibt der Eindruck eines unglaublich dichten, interessanten Kammerspiels, das zwischen Verwirrung und Machtspiel verschiedene Ebenen miteinander verbindet. Am Ende verlassen Kamera und Zuschauer den Saal wieder auf dieselbe Weise wie sie ihn zu Beginn betreten haben und der Kreis wird geschlossen.


La Vénus à la fourrure, Frankreich/Polen 2013, 96’
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, David Ives (Theaterstück)
Novelle: Leopold von Sacher-Masoch
Produzenten: Robert Benmussa, Alain Sarde
Kamera: Pawel Edelman
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric
Verleih: Prokino (FOX)
Kinostart: 21.11.2013

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